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Problematische Begriffsausweitung: Was ist ein Trauma?

Ob Trennung, Kündigung oder peinliches Missgeschick: Immer mehr Erfahrungen gelten als traumatisch. Dieser inflationäre Gebrauch des Begriffs birgt Gefahren.
Eine Frau und ein Mann sitzen auf einem Sofa in einem Wohnzimmer. Die Frau gestikuliert mit einer Hand, während der Mann den Kopf in seine Hände stützt. Die Szene deutet auf eine angespannte oder emotionale Unterhaltung hin. Im Hintergrund sind eine Lampe, Pflanzen und Regale zu sehen.
Heute wird eine emotional schmerzhafte Situation schnell als »traumatisch« bezeichnet.

Der Begriff »Trauma« hat im vergangenen Jahrzehnt Karriere gemacht. Er begegnet uns in den sozialen Medien, Podcasts und der Mental-Health-Szene. Doch je öfter wir ihn hören, desto mehr scheint seine Bedeutung zu verschwimmen. Was ist das eigentlich genau – ein Trauma?

Das Wort stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet ursprünglich »Wunde«. Im Englischen tauchte es laut »Oxford English Dictionary« erstmals 1684 auf. Demnach verwendete der niederländische Arzt Steven Blankaart den Begriff in einem medizinischen Wörterbuch, um körperliche Verletzungen zu beschreiben.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bekam »Trauma« eine zweite Bedeutung: die der psychischen Verletzung. So beschrieb der US-amerikanische Philosoph und Psychologe William James 1894 »dauerhafte psychische Traumata«, die er mit »Dornen im Geist« verglich.

In den 1970er-Jahren weitete sich die Bedeutung des Begriffs erneut. Nun stand »Trauma« auch ganz allgemein für belastende Erfahrungen. Der Ausdruck entwickelte sich zu einer Art Metapher, ähnlich wie »Schizophrenie« oder »Hysterie«, die ursprünglich ebenfalls medizinische Diagnosen waren, im alltäglichen Sprachgebrauch allerdings jeweils weitere Bedeutungen erhielten.

Auch in Psychologie und Psychiatrie wandelte sich die Vorstellung davon, was ein Trauma ist. In der ersten Ausgabe des »Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders« (DSM) aus dem Jahr 1952, des US-amerikanischen Klassifikationshandbuchs für psychische Erkrankungen, bezeichnete »Trauma« noch ausschließlich körperliche Verletzungen.

Körperlich und seelisch

Das änderte sich 1980. Die dritte Auflage des Diagnosehandbuchs führte die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) als eigenständige Diagnose ein. Das DSM-III beschrieb nicht nur die typischen Symptome, sondern auch die Ereignisse, die eine PTBS auslösen können. Voraussetzung war ein Erlebnis »außerhalb der normalen menschlichen Erfahrung«, das bei fast jedem Menschen erheblichen Stress ausgelöst hätte.

Spätere Ausgaben des DSM fassten diese Definition weiter. Fortan musste man ein traumatisches Ereignis nicht mehr unmittelbar selbst erleben. Es reichte aus, es als Zeuge mitzuerleben oder mit belastenden Details in Berührung zu kommen, wie das etwa bei Notfalleinsatzkräften der Fall ist. Auch der Blickwinkel verschob sich: Entscheidend war nun nicht mehr nur, wie schwer das Ereignis objektiv war, sondern als wie belastend Betroffene es empfanden. Dadurch galten immer mehr Erfahrungen als traumatisch.

Weil sich die Regeln änderten, ist der Begriff »Trauma« heute nicht mehr eindeutig. Mal bezeichnet er das belastende Ereignis selbst – etwa einen Krieg oder eine Naturkatastrophe. Mal beschreibt er hingegen die psychischen Folgen eines solchen Ereignisses: wenn jemand »unter einem Trauma leidet«. Damit umfasst der Begriff sowohl Ursache als auch Wirkung, verbindet objektives Geschehen mit subjektivem Erleben.

Trauma ist überall

Weitet sich die Bedeutung von psychologischen Fachbegriffen, die Schaden oder Leid beschreiben, schleichend aus, spricht man von »Concept Creep«. Solch ein Trend zeichnet sich auch bei vielen anderen Begriffen ab, etwa »Mobbing«, »Missbrauch« oder »Sucht«. Aus einer Studie meiner Arbeitsgruppe geht hervor, dass der Begriff »Trauma« zwischen 1970 und dem Ende der 2010er-Jahre in immer mehr Zusammenhängen vorkam: in Nachrichtenmedien, literarischen Texten und wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

Je mehr wir über Trauma sprechen, desto mehr meinen wir damit

Gleichzeitig tauchte der Begriff zunehmend in weniger belastenden Kontexten auf. Dadurch verlor er etwas von seiner Schwere, das Trauma wurde normaler. Die kulturelle Bedeutung des Begriffs wächst offenbar. Buchautoren erwähnen ihn heute rund sechsmal so häufig wie noch vor 50 Jahren, Autoren psychologischer Fachartikel sogar 25-mal so häufig. Je mehr wir über Trauma sprechen, desto mehr meinen wir damit.

Längst hat sich die Öffentlichkeit den Begriff »Trauma« zu eigen gemacht. Wie eine aktuelle Übersichtsarbeit feststellt, ist der Traumabegriff in der klinischen Psychologie und Psychiatrie sehr viel enger gefasst als im allgemeinen Sprachgebrauch.

Studien zeigen, dass viele Menschen deutlich mehr belastende Erfahrungen als traumatisch einstufen, als es die Kriterien des DSM vorsehen. Neben den klassischen, »großen Traumata«, den sogenannten »Big-T-Traumata« – schweren Ereignissen mit unmittelbarer Bedrohung für Leben, körperliche Unversehrtheit oder Sicherheit – zählen für sie vergleichsweise alltägliche Belastungen dazu. Diese »Small-t-Traumata« sind zum Beispiel schlechte Wohnverhältnisse oder Belästigungen auf der Straße.

Schokolade auf der Hose

Die sozialen Medien treiben diese Entwicklung voran. TikTok-Nutzer bezeichnen manchmal selbst banale Peinlichkeiten als Traumata, beispielsweise: »Ich habe mich auf Schokolade gesetzt und es nicht bemerkt«. Und harmloses Tagträumen gilt dort als Anzeichen für ein Trauma.

Einsatz am Limit |

Feuerwehrleute und Katastrophenhelfer erleben häufig extreme Belastungen, die traumatisch wirken können.

Nicht immer ist das ernst gemeint. Oft spielen solche Beiträge bewusst mit dem inflationären Gebrauch des Begriffs. So heißt es scherzhaft: »Ein Trauma ist, wenn man die Keksdose öffnet und Nähzeug darin findet.« Laut einer aktuellen Studie aus Irland sehen viele Menschen diese Entwicklung zwiespältig. Sie begrüßen zwar, dass traumatische Erfahrungen heute weniger stigmatisiert werden. Gleichzeitig befürchten sie, dass der Begriff durch seinen scherzhaften Gebrauch an Bedeutung verliert.

Deshalb stellen sich manche gegen eine Ausweitung des Begriffs. Doch auch diese Haltung hat ihre Schattenseiten. Zwar wäre es falsch, den Begriff zu trivialisieren. Dennoch können auch Ereignisse, die nicht den Kriterien eines »Big-T-Traumas« entsprechen, Menschen tief verletzen. Und wer Schlimmes erlebt hat, verdient unser Mitgefühl – unabhängig davon, ob das Erlebte eine psychiatrische Diagnose rechtfertigt.

Wer die inflationäre Verwendung des Traumabegriffs kritisiert, gerät daher schnell in den Verdacht, empathielos zu sein oder anderen ihre Erfahrungen abzusprechen. Wenn jemand ein Erlebnis als traumatisch empfindet – wer wollte ihm dieses Recht absprechen?

Andererseits gibt es gute Gründe, den inflationären Gebrauch kritisch zu betrachten. Ein sehr weit gefasster Traumabegriff kann Menschen nämlich auch schaden. So belegte eine Studie, dass Menschen, denen zuvor ein besonders weiter Traumabegriff vermittelt worden war, nach dem Ansehen eines verstörenden Videoclips gestresster waren und häufiger unter intrusiven, das heißt aufdringlichen, Gedanken litten als Personen, die eine engere Definition gelernt hatten. Eine andere Untersuchung zeigte ebenfalls, dass Menschen mit einem weiter gefassten Traumaverständnis stärker unter einem belastenden Videoclip litten.

Was wir Trauma nennen, kann so wirken

Wer ein belastendes Erlebnis als Trauma deutet, trägt möglicherweise selbst dazu bei, dass es sich auch so anfühlt. Es erscheint dann dauerhaft, unauslöschlich, überwältigend und nachhaltig prägend. Für den britischen Schriftsteller Will Self (* 1961) steht Trauma für die Vorstellung, dass bestimmte Erfahrungen uns fortgesetzt verletzen und wir diese Wunde – und oft auch die Erinnerung daran – unser ganzes Leben mit uns tragen, selbst wenn wir uns dessen nicht bewusst sind.

Wer ein belastendes Erlebnis als Trauma deutet, trägt möglicherweise selbst dazu bei, dass es sich auch so anfühlt

Wer so denkt, hat leicht das Gefühl, seinem Leid ausgeliefert zu sein. Es wirkt unveränderlich, und hierin liegt eine Gefahr: Solch eine Sichtweise kann die Genesung erschweren. Sie gilt als typisch für Hoffnungslosigkeit und Depression.

Noch ein Grund, den Traumabegriff nicht weiter auszudehnen, ist konzeptionelle Klarheit. Wenn jede belastende Erfahrung als Trauma gilt und sich jedes seelische Leid darauf zurückführen lässt, verliert der Begriff seine Trennschärfe. Die klassischen »Big-T-Traumata« sind bereits weitverbreitet: Etwa drei Viertel der Erwachsenen in meinem Heimatland Australien haben ein solches Ereignis erlebt, zum Beispiel einen lebensbedrohlichen Autounfall oder den plötzlichen Tod eines nahestehenden Menschen. Es gibt also keinen Grund, den Begriff zusätzlich auf alltägliche Belastungen auszuweiten.

Die weite Traumadefinition fördert außerdem die Vorstellung, psychisches Leid lasse sich allein durch schlimme Lebenserfahrungen erklären. Fragen wir »Was ist dem Menschen widerfahren?« statt »Was stimmt mit diesem Menschen nicht?«, wirkt das zunächst besonders einfühlsam. Der Blick kann sich dadurch allerdings zu stark auf belastende Erfahrungen verengen und zu einem vereinfachenden Trauma-Determinismus führen.

Lebensereignisse sind wichtig, doch sie erklären psychische Erkrankungen nicht allein. So entwickeln beispielsweise nur rund vier Prozent der Menschen, die ein traumatisches Ereignis im Sinne des DSM erleben, tatsächlich eine posttraumatische Belastungsstörung. Auch biologische, psychologische und kulturelle Faktoren tragen zur Entstehung seelischer Erkrankungen bei – und eben nicht nur traumatische Erfahrungen.

Deshalb ist es wichtig, die weit gefasste Bedeutung des Begriffs »Trauma« zu hinterfragen. Sie ist Ausdruck nachvollziehbarer gesellschaftlicher Entwicklungen, kann aber unerwünschte Folgen haben. In einer Zeit, in der Traumata scheinbar überall zu finden sind, brauchen wir einen kritischen Blick darauf, was wir mit dem Begriff bezeichnen – und was nicht.

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  • Quellen

Baes, N., Psychology of Language and Communication 10.58734/plc-2023–0002, 2023

Engelhardt, I., Nature Reviews Psychology 10.1038/s44159–026–00557-y, 2026

Haslam, N. et al., Social Research 10.1353/sor.2024.a923123, 2024

Haslam, N. et al., American Psychologist 10.1037/amp0000847, 2021

O’Connor, C., Psychological Trauma 10.1037/tra0001620, 2026

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