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spektrumdirekt unterwegs: Trauriges Schützenfest

Die Küsten der Balkanstaaten sind für Zugvögel wie Oasen in der Wüste und überlebensnotwendige Raststätten. Das wissen auch die Jäger, die hier auf sie lauern und schießen - oft illegal. Doch vor Ort keimt langsam Widerstand auf, wie Daniel Lingenhöhl für spektrumdirekt erleben durfte.
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Lockvögel | Die Idylle trügt: Die Enten sind nicht echt, sonder Lockvögel, die ihre realen Ebenbilder ins verderben ziehen sollen.
"Huuuuuuuuuuuu, huuuuuuuuuuu", dröhnt es dumpf durch das Morgengrauen – ein Ruf, der Vogelkundler in helle Aufregung versetzt. Gehört er doch zur Rohrdommel, einem in Deutschland fast schon völlig verschwundenen Vogel. Hier, direkt am Rande des Dorfes Vid im kroatischen Neretva-Delta, lässt er sich dagegen noch häufig aus den ausgedehnten Schilfflächen rund um den kleinen Weiler vernehmen. Zu Gesicht bekommt man den Vogel aber kaum, denn er versteckt sich gut getarnt im Dickicht, wo er meist regungslos verharrt und Beobachter narrt.

Zumindest hier haben Martin Schneider-Jacoby von der Schutzorganisation Euronatur und der bosnische Filmemacher Ilhan Dervovic kein Glück mit ihrer Suche. Doch ist die Rohrdommel eigentlich auch gar nicht das Ziel ihrer viertägigen Reise auf dem Balkan. Es geht vielmehr um die weiterhin ausufernde Jagd auf Zugvögel in den wichtigsten Rastgebieten an der Adria, obwohl diese längst gesetzlich untersagt ist. Von der bosnischen Hauptstadt Sarajevo aus, wo 1984 die olympischen Winterspielen stattgefunden hatten, steht deshalb der Besuch einiger Projektgebiete auf dem Programm.

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Narzissen | Vorzeitiger Ostergruß: Auf dem Balkan blühen bereits die wilden Narzissen und bringen gelbe Farbtupfer in die noch braunen Wälder und auf die Wiesen.
Sarajevo hatte einst schwer unter dem Bosnienkrieg zu leiden, und Spuren der Kämpfe prangen heute noch an allen Ecken und Enden: Einschusslöcher übersäen da und dort die Wände von Häusern und Fabriken, neue Friedhöfe wurden teilweise mitten zwischen zwei Autobahnen eröffnet, und bisweilen passiert man verlassene Dörfer, deren Bewohner während der Kämpfe geflohen waren und nicht mehr wiederkehrten.

"Ich kenne Deine Kinder. Überlege, ob Du mich anzeigst."

Der Krieg hat auch dazu geführt, dass der Tourismus lange brach lag, obwohl Bosnien viel zu bieten hätte: eine atemberaubende Landschaft mit schneebedeckten Bergen, wilden Flüssen und Schluchten, die ältere Leser wohl aus Karl Mays "In den Schluchten des Balkans" kennen dürften. Jetzt – zu Beginn des Frühlings – stehen viele der Talböden, die so genannten Poljes, unter Wasser und sollten Tausenden von Wasservögeln als Tankstelle zwischen Afrika und Osteuropa dienen. Doch Fehlanzeige: Wilderer schießen auf alles, was ihnen vor die Flinte fliegt. An günstigen Standorten türmen sich Patronenhülsen und stehen Schießstände im Schilf – kein Wunder, dass die Tiere scheu sind und schnell das Weite suchen. Geschossen werden sogar seltene Arten wie Moor- oder Knäkenten, deren Zahlen europaweit in die Knie gehen.

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Patronenhaufen | Ein allzu vertrauter Anblick: Berge leerer Patronen markieren besonders lukrative Jagdstandorte.
Immerhin gibt es vor Ort eine kleine, aber sehr engagierte Gruppe an "Widerständlern" – Davorka Kitonic etwa, eine sehr resolute Kroatin, die früher in Bremen als Ingenieurin gearbeitet hat und nun kroatischen Jägern einheizt. Oder Darko Saveljic, der in Montenegro unter anderem das Solila-Tivat-Schutzgebiet überwacht. Er zeigt, wo die Nacht zuvor ein seltenes Tüpfelsumpfhuhn gewildert worden war, das einfach wie Müll liegen blieb. Auch hier wieder das gleiche Bild wie im Neretva-Delta: wenige Vögel, viele Patronenhülsen. In seinem Kampf gegen diesen Missstand steht Darko ziemlich allein, und dennoch macht er unverdrossen weiter, obwohl Jäger ihm nicht erst einmal drohten: "Du kennst mich, und ich kenne Dich. Und ich kenne Deine Kinder. Überlege, ob Du mich anzeigst!", musste er sich schon von einem Waidmann anhören. Ein andermal wurde sein Auto zur Abschreckung komplett mit Öl beschmiert.

Je weiter man danach nach Süden fährt, desto schlimmer wird es: In Buljarica entdeckt Schneider-Jacoby direkt am Strand – einem "Naturmonument" – Jägerunterstände mit Lockenten, die Vögel anziehen sollen. In einem der Verstecke liegen frische tote Knäkenten und ein geschossener Graureiher, die als geschützte Arten illegal außerhalb der Jagdzeit erlegt worden waren. Noch als Martin Schneider-Jacoby und Ilhan Dervovic dies dokumentieren, tauchen vier zwielichtige Gestalten auf, von denen einer mit einem Gewehr bewaffnet ist. Das Auto ist zugeparkt, und die Situation droht zu eskalieren, denn immer wieder berichten Vogelschützer von handfesten Begegnungen mit Jägern. Die Erklärung, dass es sich nur um einen "Strandspaziergang" gehandelt hatte, beruhigt die Nimrode fürs Erste, so dass die Ausländer die "Flucht" antreten können – eine Ausrede, die am nächsten Ziel nicht mehr so locker aufgenommen wird.

Die Front am Strand

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Wilderei | Martin Schneider-Jacoby von Euronatur und Darko Saveljic betrachten ein frisch gewildertes Tüpfelsumpfhuhn – eine streng geschützte und seltene Art.
Nahe der albanischen Grenze in Ulcinj befindet sich das größte Rastgebiet des Balkans, doch davor erstreckt sich eine Front: Alle 50 Meter lauern Jäger am Strand in ihren Unterständen und schießen den ganzen Tag, und bei Vollmond auch die ganze Nacht, wahllos auf alles, was anfliegt. Zum Teil mit halbautomatischen Waffen werden ganze Schwärme vom Himmel geholt. Die Vögel wissen das, und so irren sie draußen auf See herum, wo sie weder Wasser noch Nahrung finden. Ein Blick durch das Fernrohr belegt: Hier haben italienische Jagdtouristen ihr Camp aufgeschlagen, die die Laissez-faire-Haltung der montenegrinischen Exekutive ausnutzen, um geschützte Tier zu jagen. Zuhause dürfen sie das längst nicht mehr. Ihre Autonummern sollen nun mit einem förmlichen Protest bei der italienischen Botschaft enden.

Dieser kleine Triumph wird mit Balkanbier, Schafsspeck und Käse mit Brot gefeiert – er ist der positive Höhepunkt des Tages. Denn nun geht es ins Hotel: in einen sozialistischen Betonbunker namens Olympic, der seine besten Zeiten vor etwa 30 Jahren hatte, als deutsche Touristen noch die regionalen Strände vollständig besetzt hielten. Vom einstigen Glanz ist jedoch nichts mehr geblieben: die Teppiche fleckig und speckig, der Aschenbecher voll, die Möbel abgenutzt, das warme Wasser abgedreht, der morgendliche Kaffee geruchlich und geschmacklich ein Mix aus Spülwasser und Kohleaufguss.

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Kastanienriesen | An den Ufern des Skutarisees wachsen urtümliche Kastanien, die immer noch traditionell genutzt werden.
Vor dieser letzten Grenzerfahrung geht es allerdings noch einmal an den Strand, von dem schon von Weitem das stakkatoartige Sperrfeuer hallt. Lange aufhalten dürfen sich die Naturschützer nicht, da sich bald der oberste Jagdaufseher der Region auf Schneider-Jacobys Handy meldet: Er legt dringend nahe, bis 6.30 Uhr den – öffentlichen – Strand zu verlassen, sonst... Ein vorbeifahrender Wilderer schimpft "ihr seid schlimmer als die Stalinisten". Ein Rückzug scheint angebracht.

Illegale Jagd – offen geduldet

Der Blick von einem Aussichtshügel offenbart weitere Wilderer, die von Booten aus auf dem Bojana-Fluss jagen und sogar in die Saline von Ulcinj eingedrungen sind, obwohl dies strikt verboten ist. Dort fliehen die Nimrode vor dem nahenden Landrover der Vogelschützer, doch zuvor haben sie ganze Arbeit geleistet. Die Becken der Salzfabrik könnten zehntausenden Vögeln eine sichere und ergiebige Rast- und Brutstelle bieten, doch versammeln sich nur wenige Enten, Reiher und Löffler sowie einige hundert Watvögel in der Nähe der Pumpstation. Dorthin wagt sich kein Jäger wegen der Fabrikarbeiter.

Die restlichen Teiche sind leergefegt, die Tiere geflohen. Ein Anblick, der Martin Schneider-Jacoby bedrückt: "Es ist erschreckend und traurig, dass Montenegro seine eigenen Gesetze nicht einhält. Die illegale Jagd wird offen geduldet. Das geht nicht nur zu Lasten der Zugvögel, sondern damit schneidet sich die Regierung auch ins eigene Fleisch." Offizielle Strategie ist es schließlich, den Tourismus in der Frühjahrs- und Herbstsaison wieder zu beleben, doch Naturreisende – die hier reichlich zu sehen bekommen könnten – lockt man so nicht.

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Skutarisee | Schneebedeckte Berge überragen Mitte März noch den Skutarisee zwischen Albanien und Montenegro.
Frustriert wollen sie nun über die Grenze nach Albanien, dürfen aber nicht, weil Bosnier wie Illhan Dervovic im Winter (aber nicht im Sommer) ein Visum brauchen. Statt Jagdszenen gibt es nun das alternative Touristenprogramm, das eine Fahrt zum Skutarisee vorsieht. Auf einer schmalen Bergstraße geht es hoch zum Pass: Nach Westen erstrecken sich die grünen Ebenen Albaniens und Montenegros, auf der Ostseite dehnt sich unten in der Ebene der riesige stahlblaue See aus, hinter dem steil die Albanischen Alpen mit schneebekrönten Häuptern aufsteigen. An den Hängen wachsen urige Wälder und mächtige Esskastanienbäume, dazwischen wuchern Teppiche aus wilden Krokussen, und ganz nah über den Köpfen kreisen plötzlich zwei Steinadler – immerhin ein versöhnlicher Abschluss der Reise in ein ökologisches Kampfgebiet.
13. Woche 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 13. Woche 2009

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