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Lebenserwartung: Überflüssiger Opa

Großmütter - so lehren uns die Evolutionsbiologen - sind durchaus nützlich. Durch ihre Fürsorge entlasten sie ihre Töchter beim Kinderhüten und fördern damit indirekt die Verbreitung ihrer eigenen Gene. Gilt das auch für Großväter?
"Opa wurde 100-jährig – stets trank er Degraa obergärig", warb einst eine Aachener Brauerei für ihren Gerstensaft. Doch die "Öcher", nicht mundfaul, erweiterten den Werbespruch auf ihre Weise: "Oma wurde 110, hatte Degraa nie geseh'n."

Tatsächlich verbirgt sich hier die Weisheit, dass Frauen – ob mit oder ohne tägliches Bier – statistisch gesehen etwas älter werden als die Herren der Schöpfung. So dürfen neugeborene Jungen in Deutschland heutzutage auf ein 76-jähriges Leben hoffen, während Mädchen sogar ihrem 82. Geburtstag entgegensehen können.

Warum werden Menschen überhaupt so alt? Evolutionsbiologisch erscheint diese hohe Lebenserwartung – vor allem bei Frauen – auf den ersten Blick paradox. Schließlich bleibt nach den Wechseljahren der Nachwuchs aus. Und wer seine Gene nicht mehr verbreiten kann, sollte möglichst bald das Feld räumen.

Der Oma-Effekt

Doch diese Argumentationen greift zu kurz. Denn inzwischen hat sich gezeigt, dass auch eine ältere Dame durchaus noch etwas für ihre eigenen Gene tun kann: als fürsorgliche Oma. Die Aufzucht von Homo sapiens ist bekanntermaßen ziemlich arbeitsintensiv, und da erweist sich Großmutters helfende Hand als durchaus nützlich. Während sie die Rasselbande ihrer älteren Enkel in Schach hält, kann ihre Tochter den jüngsten Nachwuchs stillen – der ja auch Anteile von Omas Erbgut enthält.

Mirkka Lahdenperä von der Universität Turku konnte 2004 diese Oma-Hypothese tatsächlich mit historischen Kirchenbüchern untermauern: Es zeigte sich, dass Frauen um so mehr Kinder bekamen, je älter ihre eigene Mutter wurde. Außerdem erhöhte eine im Elternhaus lebende Großmutter deutlich die Überlebenschance der Enkel.

Doch wie sieht es mit Opa aus? Zwar bleibt die Manneskraft bis ins hohe Alter erhalten, sodass die Existenz älterer Herren von der Evolution noch erlaubt sein dürfte – in streng monogamen Gesellschaften hilft das aber wenig. Sobald seine Frau unfruchtbar geworden ist, sind die Möglichkeiten eines treuen Ehemanns, sein Erbgut zu verbreiten, sehr eingeschränkt.

Väterliche Schicksale in Kirchenbüchern

Zusammen mit Kollegen aus Großbritannien ging Lahdenperä der Frage nach, ob auch Männer von der Pflege ihrer Enkelkinder profitieren. Abermals dienten Kirchenbücher von drei finnischen Gemeinden als Datengrundlage. Hier konnten die Forscher das Schicksal von 265 Männern aufspüren, die in den Jahren 1719 bis 1839 geboren wurden und nur einmal geheiratet hatten. Penibel registriert wurden auch die Lebensdaten von 1568 Kindern, von denen wiederum 674 abermals Nachwuchs in die Welt setzten. Die Kirchenbücher spiegeln damit die traditionelle Gesellschaft Finnlands vor der Industrialisierung wider, in der außereheliche Verhältnisse absolut tabu waren.

Tatsächlich zeigte ein lebender Großvater seine Wirkung: Bei seinen Sprösslingen stellte sich der Kindersegen signifikant früher und in einem kürzeren Abstand ein. Auch auf die Länge der Reproduktionsphase hatte Opa einen Einfluss – allerdings nur beim erstgeborenen Sohn.

Es lebe der Stammhalter!

Genauso einseitig sah es mit der Gesamtzahl der Enkelkinder aus: Nur der Stammhalter profitierte; eine erstgeborene Tochter sowie alle weiteren Kinder bekamen mit einem noch lebenden Großvater nicht mehr Nachwuchs als ohne ihn. Für die Wissenschaftler offenbart sich hier die bäuerliche Tradition, die dem Erstgeborenen das Land vermacht und ihm damit aus väterlicher Sicht die Hauptrolle zuweist.

Insgesamt konnte Opa den Reproduktionserfolg seiner Kinder jedoch nicht erhöhen. Im Gegenteil: Die Überlebensrate der Enkel sank sogar leicht ab, wenn der alte Herr noch nicht unter der Erde lag. Vielleicht – so spekulieren die Forscher – nahm ein dominierender Patriarch seinen Kindeskindern wertvolle Ressourcen weg.

Nur ein Nebeneffekt?

Demnach gibt es keinen Großvater-Effekt. Ein langes Leben von Männern kann bei monogamen Gesellschaften nicht – wie bei Frauen – mit einer fürsorgliche Pflege der Enkelkinder erklärt werden.

Womit dann? Vielleicht profitiert Er schlicht nur von verzögerten Alterungsprozessen, welche die Evolution für Sie etabliert hat. So werden beispielsweise Reparaturmechanismen, die DNA-Schäden alternder Zellen beheben, von Mann und Frau gleichermaßen geerbt. Damit kann Oma zwar 110 werden, Opa aber immerhin auch 100-jährig.
26.07.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 26.07.2007

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