Matthias Blüher über Übergewicht: Kann jeder die Abnehmpille nehmen?

DIE ZEIT: Herr Blüher, vor zwei Jahren haben wir geschrieben, dass es die Welt verändern werde, wenn die Abnehmspritze als Tablette verfügbar ist – weil sie sprunghaft mehr Menschen nehmen würden. Jetzt ist es so weit: Wegovy wird in Kürze als Pille auf den deutschen Markt kommen.
Matthias Blüher: Und das wird schon etwas ändern. Bislang mussten sich Menschen das Medikament selbst spritzen, was manche vor einer Therapie zurückschrecken ließ. Eine Tablette zu nehmen, ist einfacher, die Hemmschwelle dafür niedriger. Außerdem werden möglicherweise andere und auch mehr Ärzte als bisher die Medikamente verordnen – nicht mehr vor allem Diabetologinnen und Fachärztinnen, die sich mit Stoffwechselerkrankungen beschäftigen, sondern auch andere Fachrichtungen. Aber die grundlegende Art, wie man Adipositas behandelt, wird die Tablette nicht ändern.
Es könnten nun also deutlich mehr Menschen das Medikament nehmen. In den USA gab es ja vor Kurzem einen regelrechten Hype darum.
Das stimmt. In den USA kam die Pille im Januar auf den Markt, nachdem sich in einer Studie gezeigt hatte, dass sie zu einer mittleren Gewichtsabnahme von fast 14 Prozent geführt hatte, bei der Spritze waren es etwa 16 Prozent. Aus wirtschaftlicher Sicht war es eine der erfolgreichsten Markteinführungen, die es je gab. Man kann davon ausgehen, dass das Interesse an einer Pille zum Abnehmen auch hier sehr hoch sein wird.
Auch für nur wenig übergewichtige Menschen, die es sich über dubiose Kanäle besorgen, um mal schnell ein paar Kilo abzunehmen?
Auch bei denen wird die Hemmschwelle viel geringer sein, klar. Gerade da kann es aber gefährlich werden.
Warum?
Die an Apotheken vorbei bestellten Abnehmspritzen enthalten teilweise etwas anderes, als angegeben ist, weniger Wirkstoff zum Beispiel. Oder sogar völlig andere Inhaltsstoffe, die gesundheitsschädlich sein können. Bei den Tabletten wird es ähnliche Probleme geben.
Und wenn tatsächlich der Wirkstoff von Wegovy enthalten ist, Semaglutid?
Dann könnte es sein, dass man enttäuscht ist über die Wirkung, vor allem, wenn man nur wenig übergewichtig ist. Man weiß bislang nicht, ob es bei schlankeren Menschen auch dazu führt, dass sie deutlich abnehmen. Und man weiß zu wenig über die Nebenwirkungen bei solchen Menschen, weil sie nicht in die Zulassungsstudien eingeschlossen waren, in denen auch unerwünschte Wirkungen untersucht wurden. Man darf nicht vergessen: Die Tablette ist ein Medikament, und jedes Medikament hat potenzielle Nebenwirkungen. Es sollten also wirklich nur die Menschen das Präparat bekommen, für die es indiziert ist.
Für wen sind die Tabletten denn gedacht?
In Deutschland richtet sich das nach dem Body-Mass-Index (BMI). Wenn Menschen einen BMI von über 30 haben, können sie die Tablette verschrieben bekommen, oder wenn sie einen BMI von über 27 haben und zusätzlich an schwerwiegenden Begleiterkrankungen leiden wie einem Typ-2-Diabetes oder Bluthochdruck.
Sollte man das wirklich so streng handhaben? Immerhin vertragen die meisten Patienten das Medikament sehr gut, und Studien deuten darauf hin, dass Semaglutid, wie die anderen Präparate der Wirkstoffklasse auch, weitere positive Wirkungen hat, etwa auf das Herz-Kreislauf-System.
Die kurze Antwort ist: Ja. Man sollte die Tabletten nicht mit der Gießkanne verteilen. Semaglutid ist bislang nicht untersucht worden bei Menschen, die gesund und normalgewichtig oder nur leicht übergewichtig sind. Und wir greifen ja in die hormonelle Regulation unseres Energiehaushalts ein.
Und die lange Antwort?
Wenn es Daten zu Menschen gäbe, die deutlich weniger übergewichtig sind, in denen sich ein gesundheitlicher Vorteil zeigt, dann wäre ich dafür offen. Man könnte ja annehmen, dass man bei diesen Menschen eine weitere Gewichtszunahme und damit eine extreme Adipositas und deren Folgeerkrankungen verhindern kann. Aber solange man das nicht mit Studien belegen kann, wäre ich vorsichtig.
Seit Mitte Juli ist die Tablette in der EU und damit auch in Deutschland zwar zugelassen – allerdings wird die Therapie nicht von den Krankenkassen bezahlt.
In Deutschland werden von den gesetzlichen Kassen keine Medikamente zur Behandlung der Adipositas übernommen. Das ist so im Sozialgesetzbuch festgeschrieben.
Der Paragraf stammt aus dem Jahr 2004, als nicht absehbar war, dass es einmal solche Wirkstoffe wie Semaglutid geben würde, die ja nicht nur die Adipositas wirksam behandeln können, sondern weitere positive Wirkungen haben. Muss man da nicht über eine Neubewertung nachdenken?
Das kommt tatsächlich aus einer anderen Zeit. Es ging damals vor allem darum, Lifestylemittel wie Viagra auszuschließen – die Angst war groß, dass sich sonst zu viele Männer das einfach auf Kosten der Krankenversicherungen verschreiben lassen. Und die Abnehm-Medikamente damals waren auch eher Lifestylemittel, sie halfen nicht nachhaltig beim Abnehmen und wurden daher ebenso ausgeschlossen. Aber inzwischen wird Adipositas als chronische Erkrankung angesehen. In Ländern wie der Schweiz oder Großbritannien übernehmen Krankenkassen unter bestimmten Voraussetzungen bereits die Kosten der Medikamente.
So weit sind wir hier aber noch nicht …
… doch zumindest bewegen wir uns in der Debatte in eine ähnliche Richtung – was gut ist. Letztlich müssen aber Politiker die gesetzlichen Hürden abbauen. Sie müssen entscheiden, ob Adipositas für sie ein Lifestyleproblem bleibt oder endlich wie andere chronische Erkrankungen behandelt werden kann.
Würde der Paragraf geändert, könnten zwölf Millionen Erwachsene in Deutschland Anspruch auf die Wegovy-Pille haben, so viele haben einen BMI von über 30.
So pauschal würde ich Medikamente nicht verordnen. Ich würde zunächst Menschen behandeln, die am meisten von so einer Therapie profitieren, weil sie zusätzlich zum Gewichtsverlust einen Nutzen haben, also etwa Menschen, die an Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden. Es sollte vor allem darum gehen, dass man seine Gesundheit verbessert, Krankheiten verhindert, und nicht darum, eine bessere Figur für den Strand zu bekommen.
Wie viele Menschen kämen nach Ihrer Definition infrage?
Zwischen einer und zwei Millionen, würde ich schätzen.
Was müssten die denn für die Therapie mit der Tablette bezahlen?
Ich kann nur spekulieren, aber sehr wahrscheinlich wird es keine großen Preisunterschiede zwischen einer wöchentlichen Spritze und einer täglichen Tablette geben. Dann wären das, je nach Dosis, zwischen 170 und 280 Euro im Monat.
Brauchen die Patienten denn unterschiedlich hohe Dosierungen?
Manche sprechen schlechter auf die Behandlung an als andere, bei fünf bis zehn Prozent der Patienten wirkt es gar nicht, die verlieren kein Gewicht. Das muss man bei dem Hype um die Medikamente berücksichtigen.
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