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News: Um die Erinnerung betrogen

"Weißt du noch?" Ja, man erinnert sich, sogar ganz deutlich. Doch was sich vor dem inneren Auge abspielt, entspricht nicht immer der wahren Begebenheit. So erzählten Disneyland-Besucher, sie hätten Bugs Bunny dort getroffen - was gar nicht stimmte. Eine gefälschte Werbeanzeige mit dem weißen Hasen hatte ihr Gedächtnis erfolgreich durcheinander gebracht.
Ein wunderschöner Ausflug, so viele nette Leute, leckeres Essen, tolles Wetter. Als sei es gestern gewesen, hat man die Situation vor sich, selbst unbedeutende Kleinigkeiten haben sich tief eingeprägt. Aber wie realitätsnah sind diese Gedanken, vor allem, wenn sie auf einer Flut von Eindrücken beruhen?

Nicht sehr, berichten Wissenschaftler um Jacquie Pickrell und Elizabeth Loftus von der University of Washington. Sie überprüften den Wahrheitsgehalt der Erinnerungen von Disneyland-Besuchern. Dazu teilten sie ihre 120 Versuchspersonen in vier Gruppen. Die erste Gruppe bekam eine allgemeine Werbeanzeige für Disneyland gezeigt, auf der keine Comic-Figuren abgebildet waren. Der zweiten Gruppe setzten die Wissenschaftler dieselbe Anzeige vor, gleichzeitig postierten sie jedoch eine etwa 1,20 Meter große Bugs-Bunny-Figur aus Pappe im Raum. Die beiden anderen Gruppe sahen eine Anzeige mit dem weißen Hasen, wobei einer davon zusätzlich auch wieder die Pappfigur Gesellschaft leistete. Warum gerade Bugs Bunny? Der weiße Hase ist keine Disney-Figur und taucht daher auf keinen Fall in einem solchen Vergnügungspark auf.

Doch plötzlich offenbarten die Versuchspersonen ganz erstaunliche Erinnerungen an ihren Disneyland-Besuch: 30 Prozent der dritten Gruppe und 40 Prozent der vierten Gruppe versicherten, sie hätten Bugs Bunny dort gesehen, manche berichteten sogar, sie hätten ihm die Hand geschüttelt. Doch es beschränkte sich nicht allein auf ein Treffen der Figur. Die mit der gefälschten Werbeanzeige genarrten Versuchspersonen erzählten auch eher von anderen Situationen, in denen ihnen der weiße Hase auf dem Gelände begegnet sei – zusammen mit Mickey Mouse oder in der Main Street Electrical Parade, einem riesigen Lichtspektakel, das abends über das Gelände zieht.

"Das Entstehen einer falschen Erinnerung ist ein Prozess", erklärt Pickrell. "Wenn jemand sagt, 'ich weiß, das hätte passieren können', ist das bereits der erste Schritt, durch den eine Erinnerung entsteht." Die Ergebnisse zeigen, wie wirkungsvoll Werbung Spuren hinterlässt. "Das gefälschte Werbeplakat gab den Ausschlag", erläutert die Wissenschaftlerin. "Wenn man beiläufig einen Bugs-Bunny-Cartoon liest oder zufällig in anderer Form darüber stolpert, glaubt man noch nicht, dass man ihn getroffen hat. Erst die Werbung sorgt dafür."

Denselben Effekt können auch andere Werbeplakate erzeugen. Selbst wenn die eigene Erfahrung mit einem Produkt gar nicht so gut war, so können doch entsprechende Anzeigen dieses Gefühl in einem erzeugen und die eigenen Erinnerung womöglich gar überprägen. Man sollte die starke beeinflussende Wirkung von Werbung daher nicht unterschätzen, warnen die Wissenschaftler. Schließlich kann sie offenbar Erinnerungen an Erlebnisse wachrufen, die man nie hatte.

Und die Erinnerung an den wunderschönen Ausflug? Nun, wenn man noch einmal genauer nachdenkt, fällt einem vielleicht ein, wie lange man anstehen musste, wie teuer das Eis war, und dass es nachmittags geregnet hat. Wie schnell doch eine falsche Erinnerung entsteht – und wie hartnäckig sie sich hält.

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  • Quellen
University of Washington
American Psychological Society, 13. Annual Convention, 14. bis 17. Juni 2001, Toronto

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