Bundesweite Umfrage: Knappe Mehrheit der Jugendlichen für Social-Media-Verbot

Eine knappe Mehrheit der Jugendlichen in Deutschland spricht sich für ein Social-Media-Verbot aus – obwohl die große Mehrheit die eigene Nutzung positiv erlebt. Das ist das Ergebnis einer Online-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse im Frühjahr 2026 unter 1400 Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren. Wie die Techniker Krankenkasse mitteilt, lehnten 39 Prozent ein Verbot ab. 47 Prozent wollten soziale Medien erst ab einem bestimmten Alter erlauben, weitere 8 Prozent sie grundsätzlich verbieten. Ältere sprachen sich eher für ein Verbot aus als Jüngere, Mädchen häufiger als Jungen. Die gewünschte Altersgrenze lag im Mittel bei 14 Jahren.
Doch zugleich gab mit 65 Prozent der Großteil der Jugendlichen an, dass ihnen die sozialen Netzwerke »eher« guttun, 15 Prozent sagen, sie täten ihnen »sehr gut«. 14 Prozent erleben sie überwiegend negativ – wegen Werbung, Falschnachrichten, dem Gefühl, zu viel Zeit dort zu verbringen, Mobbing und Beleidigungen sowie anderen unerwünschten Inhalten wie Gewaltdarstellungen. Viele steuern gegen – indem sie bestimmte Profile blockieren oder entfolgen, Benachrichtigungen ausschalten oder das Handy zeitweise bewusst weglegen. Gleichzeitig wünschen sich fast alle mehr Unterstützung, zum Beispiel durch Aufklärungsvideos, Ansprechpersonen an Schulen oder Gespräche mit den Eltern. Nur zwölf Prozent geben an, keine Hilfe zu brauchen.
»Die meisten Befragten finden, dass Social Media ihnen selbst guttun, aber dennoch ist ein großer Anteil für ein Verbot oder Altersgrenzen«Julius Klingelhoefer, Kommunikationswissenschaftler
Das Empfinden der Kinder und Jugendlichen selbst sei der wichtigste Faktor – man sollte ihre Perspektiven und Wünsche ernst nehmen, sagt der Kommunikationswissenschaftler Julius Klingelhoefer von der Universität Erlangen-Nürnberg gegenüber dem Science Media Center (SMC). Allerdings warnt er vor dem »Third-Person-Effekt«: Er besagt, dass wir die Auswirkungen von Medien auf andere stärker einschätzen als auf uns selbst. Und das zeige sich auch in dieser Umfrage: »Die meisten Befragten finden, dass Social Media ihnen selbst guttun, aber dennoch ist ein großer Anteil für ein Verbot oder Altersgrenzen.«
Social-Media-Verbot: Das Für und Wider
Wenn hohe Nutzungszeiten mit einem schlechten psychischen Befinden einhergehen – wie auch laut dieser Umfrage –, dann lägen oft noch andere problematische Bedingungen vor, etwa ein niedrigerer sozioökonomischer Status. Auf Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge könne man aus solchen Studien nicht schließen, und die Effekte von Digital-Detox-Experimenten etwa seien klein. »Die Mechanismen der Effekte der Social-Media-Nutzung sind noch weniger gut erforscht, als wir uns das für eine effektive Regulierung wünschen würden«, sagt der Kommunikationsforscher. Es gebe problematische Mechanismen, etwa soziale Vergleiche, aber auch positive, beispielsweise soziale Unterstützung. Eines der wichtigsten Argumente gegen ein Verbot: das Recht von Kindern und Jugendlichen, sich eigenständig zu informieren.
Die Psychotherapeutin Isabel Brandhorst vom Universitätsklinikum Tübingen hält das Recht auf digitale Teilhabe für wichtig, aber nicht für wichtiger als das Recht auf Schutz: »Wir haben schließlich auch Altersbeschränkungen für brutale Filme oder digitale Spiele.«
»Jugendliche brauchen Grenzen an den Stellen, an denen sie sich die Grenzen nicht selbst setzen können«Isabel Brandhorst, Psychologin und Psychotherapeutin
Die Befragung einer repräsentativen Stichprobe ergänze die objektiven Daten und die Perspektiven von Erwachsenen, sagt die Psychologin und Leiterin der Forschungsgruppe Internetnutzungsstörungen gegenüber dem SMC. »Kinder und Jugendliche können ihr Empfinden im Hier und Jetzt, die Relevanz von Social Media oder die Folgen einer Altersbeschränkung in ihrer Peer-Group besser beurteilen als viele andere.« Allerdings könnten sie die Folgen eines übermäßigen Social-Media-Konsums unterschätzen, gibt sie zu bedenken. Ihnen fehle schlicht die Lebenserfahrung und die langfristige Perspektive.
Dennoch sieht die Psychologin »eine hohe Übereinstimmung zwischen den Wünschen der Jugendlichen aus der Befragung und den Empfehlungen von Expertinnen und Experten«, auch bei der gewünschten Altersgrenze von 14 Jahren. Die Frage sei, »warum die Älteren eher ein Verbot befürworten – weil es sie nicht mehr betreffen würde oder weil sie rückblickend lieber darauf verzichtet hätten?«
»Jugendliche brauchen Grenzen an den Stellen, an denen sie sich die Grenzen nicht selbst setzen können«, sagt Brandhorst, sei es durch veränderte Angebote, Altersbeschränkungen und den Aufbau von Medienkompetenz, verbunden mit guter Kommunikation: »Wenn der Widerstand unter Kindern und Jugendlichen groß ist und eine kritische Masse weiterhin Social Media nutzt – beispielsweise durch Umgehen der Altersverifikation oder VPN-Verbindungen –, dann wird die Altersbeschränkung nicht ausreichend wirksam sein.«
In Deutschland wird derzeit über eine solche Altersgrenze für soziale Medien diskutiert. Australien hat als erstes Land ein Mindestalter für Social Media eingeführt; in Frankreich dagegen wurde ein bereits beschlossenes Verbot für unter 15-Jährige vorerst gestoppt. Zu den alternativen Vorschlägen, wie sie auch der Kommunikationswissenschaftler Klingelhoefer empfiehlt, zählen eine unabhängige Kontrolle von Social-Media-Plattformen, verpflichtende sicherheitsorientierte Designprinzipien und mehr Trainings- und Unterstützungsangebote für Eltern und Lehrkräfte.
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