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News: Umstandshalber geflügelt

Geht es tropischen Ameisen gut, so sind geflügelte Männchen nur teuer und überflüssig. Dafür sind sie unschlagbar flexibel - in wechselhafter Umwelt auf sie zu verzichten, kann sich kein Staat leisten.
Kopf eines geflügelten Männchens
Von einigen Träumen mussten wir uns beim Erwachsenwerden leider verabschieden – zum Beispiel dem, gleichzeitig Cowboy und Lokomotivführer zu werden, Schauspielerin und Kindergärtnerin, Nationaltorhüter und Chirurg oder Primaballerina und Professorin. Dass alle alles können, ist in einem Gemeinwesen sowieso teuer und uneffektiv – und zudem könnte niemand etwas besonders gut. Die Alternative ist eine Arbeitsteilung vieler Spezialisten: Im Idealfall werden so alle Herausforderungen von denen gemeistert, die genau dafür geboren sind.

Im Tierreich ist ein derartig sinnig zusammengewürfelte Gemeinwesen aus Spezialisten ein Ameisenstaat – etwa jener der weitverbreiteten tropischen Gattung Cardiocondyla. Wie bei allen Ameisen ist hier die Aufgabenteilung klar und effizient geregelt: Königinnen sorgen für die Vermehrung, abstinente Arbeiterinnen sorgen für das Futter. Junge Weibchen schwärmen entweder aus und gründen neue Kolonien oder bewerben sich um die Thronfolge im angestammten Nest. Allein zu Paarungszwecken existieren kurzzeitig sexuell aktive Männchen – ein klassisch kämpferischer Männchen-Archetyp, dessen einziges Sinnen darin besteht, mit seinesgleichen in althergebrachter Weise um die Gunst der Königin und die Weitergabe seiner Gene zu buhlen.

Und dann gibt es im Cardiocondyla-Staat noch auffällige Sonderlinge, die nicht so recht ins Bild passen wollen: geflügelte Männchen. Wie ihre ungeflügelten Gegenstücke paaren sie sich mit Königinnen, können zudem aber, wie die geflügelten Jungweibchen, ausschwärmen und die genetische Botschaft des Stammes in der Welt verbreiten. Anders als ihre Genossen erfüllen sie also zwei wichtige Aufgaben zugleich – leisten damit aber offenbar nichts, was nicht andere Staatsangehörige ebenso gut erledigen könnten. Zu diesem fragwürdigen Zweck verlangt es ihnen – mit ihren Flügeln, größeren Augen und dem energieintensiven Flugapparat – zudem nach dem etwa eineinhalbfachen an Energieressourcen im Vergleich zu den klassischen Männern. Ein kostspieliger Luxus, den sich die effizienzverliebte Natur gewöhnlich nicht erlaubt.

Außer es gibt gute Gründe dafür: Nach denen forschten nun Sylvia Cremer und Jürgen Heinze von der Universität Regensburg. Ihre Kreuzungsexperimente mit geflügelten und ungeflügelten Männchen erbrachte zunächst Erstaunliches: Auf genetischer Ebene unterscheiden sich die beiden äußerlich ungleichen Formen offenbar überhaupt nicht. Stattdessen beeinflussen die Umweltreize Temperatur und Koloniedichte das Entwicklungsschicksal eines männlichen Eis: Wird es kalt und weniger eng – werden die Umweltbedingungen also schlechter –, dann entstehen vermehrt geflügelte Männchen, die neue Kolonien jenseits des heruntergekommenen Standortes gründen können. Bis es soweit ist, erfüllen ungeflügelte Männchen die Aufgabe, das Koloniewachstum voranzutreiben, aber weitaus kostengünstiger.

Den Ameisen wird damit ein Werkzeug an die Hand gegeben, mit dem sie sehr flexibel auf wechselnde Umweltbedingungen reagieren können. Warum aber nutzt gerade Cardiocondyla diesen sinnigen aber kostenintensiven Mechanismus? Die Forscher vermuteten die charakteristischen Lebensumstände als Ausgangspunkt der männlichen Extravaganz: Cardiocondyla-Staaten blühen und gedeihen typischerweise in lokal begrenzten und verstreuten Habitaten – Monokulturen etwa, die zwar schwer zu entdecken und zu erreichen sind, dann aber optimal nutzbare Bedingungen versprechen. Nach einiger Zeit verschlechtern sich in einem derartig begrenzten Umfeld die Bedingungen allerdings auch sehr schnell – und die Ameisen sind gezwungen, sich baldmöglichst auf die schwere Suche nach neuen Habitaten zur Gründung einer Kolonie zu machen.

Gerade unter solchen Umständen scheint es sich generell zu lohnen, Energieressourcen in vermehrte Flexibilität zu investieren: Ähnlich teure, aber wandelbare männliche Erscheinungsformen entwickelten auch sessile, koloniale Organismen und sogar einige Pflanzen mit vergleichbar fordernden Habitaten.

Im unrealistischen Umkehrschluss könnte man demnach völlig unflexibel nur in einem grenzenlos unerschöpflichen Lebensraum sein, aus dem man nie vertrieben wird. Dort könnten dann tatsächlich alle bedenkenlos ständig nur dass tun, was sie am besten können – und gleichzeitig vielleicht auch alles werden, was sie wollen. Wohl auch nur ein Traum.

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