Direkt zum Inhalt

Umweltkatastrophe in der Oder: »Die Dimensionen des Fischsterbens sind gewaltig«

Das Fischsterben in der Oder hat die Ostseeküste erreicht. Die Ursache ist unklar. Gewässerexperte Sascha Maier erklärt im Interview, wie der Fluss jetzt geschützt werden kann.
Toter Fisch in der Oder
Seit Ende Juli sterben in der Oder massiv Fische. Die Ursachen für das Fischsterben sind bislang unbekannt.

Seit rund einer Woche werden an deutschen Flussabschnitten immer mehr tote Fische angeschwemmt. Zunächst hatte das Fischsterben Ende Juli am Oberlauf der Oder oberhalb der polnischen Metropole Wroclaw begonnen. Nun hat die Giftwelle das Stettiner Haff an der Ostsee erreicht. Bislang wurden in und um das Mündungsgebiet des deutsch-polnischen Grenzflusses aber noch keine toten Fische entdeckt. Warum die Tiere massenhaft sterben, ist nach Angaben der polnischen Regierung weiterhin unklar.

Welche Folgen die Umweltkatastrophe langfristig für Natur und Tiere habe, sei noch nicht abschätzbar, sagt Sascha Maier, Experte für Gewässerpolitik des Naturschutzverbands BUND. Maier ist Sprecher des internationalen Aktionsbündnisses Lebendige Oder/Save Oder, in dem sich zahlreiche Nichtregierungsorganisationen zum Schutz des deutsch-polnischen Grenzflusses zusammengeschlossen haben. Im Interview spricht er über politische Versäumnisse auf beiden Seiten des Flusses und seine Hoffnung auf die Rückkehr des Lebens in die Oder.

»RiffReporter.de«: Was ist aktuell (Stand: 14.08.) über das Ausmaß der Katastrophe bekannt?

Sascha Maier: Es ist gewaltig, sowohl was die Ausdehnung angeht als auch mit Blick auf die Menge verendeter Fische. Gerade hat die Welle des Fischsterbens das Stettiner Haff und damit das Mündungsgebiet in die Ostsee erreicht. Damit sprechen wir von einem massiven Fischsterben auf einer Strecke von rund 500 Flusskilometern.

Sascha Maier | Der Experte für Gewässerpolitik zählt zum Bundesvorstand des BUND Brandenburg. Maier ist außerdem Sprecher der Initiative Lebendige Oder.

Gibt es Schätzungen darüber, wie viele Fische gestorben sind?

Ich denke, wir kommen in den Bereich von 100 Tonnen getöteter Fische. Wir bekommen täglich Meldungen, dass bei einzelnen Sammelaktionen bis zu fünf Tonnen Fische aus der Oder entnommen wurden – und selbst diese Dimensionen vermitteln uns noch nicht das gesamte Bild. Denn wir müssen davon ausgehen, dass wir nicht das ganze Ausmaß des Fischsterbens sehen.

Wieso?

Wir selbst waren von Montagnachmittag bis Freitag auf der Mittleren Oder von Malczycze bis Nietkowice mit dem Kajak unterwegs. Dort ist die Oder noch kein Grenzfluss. In den ersten beiden Tagen haben wir keine toten Fische gesehen. Das spricht dafür, dass bereits von polnischen Stellen ordentliche Mengen von Fischen entnommen worden sind. Je näher wir zur Grenze kamen, desto mehr tote Fische konnten wir ausmachen. Erst ab Milsko, rund 150 Kilometer stromaufwärts von Frankfurt an der Oder, haben wir am Donnerstag viele tote Fische gesehen. Hinzu kommt, dass viele Fische nach einigen Tagen auf den Grund absinken und dann nicht mehr zu sehen sind.

Erleben wir hier gerade einen GAU für das Flussökosystem – eine Art Tschernobyl für die Oder?

Tschernobyl passt insofern, als sich im Jahr der Reaktorkatastrophe, 1986, auch das Chemie-Unglück beim Schweizer Chemiekonzern Sandoz ereignete. Das ist vielleicht der passendere Vergleich. Nach dem Brand in einem Chemikalienlager gelangten damals Insektizide über das Löschwasser in den Rhein und verursachten ein massives Fischsterben. Die Aalpopulation ist damals komplett zusammengebrochen. Das ist die Dimension, an der wir uns auch jetzt orientieren müssen. Und trotzdem sehe ich noch nicht, dass die heutige Katastrophe an der Oder hier ähnliche Wellen schlägt wie damals das Fischsterben im Rhein in Westdeutschland. Die Dimension ist aber absolut vergleichbar.

Kann man den längerfristigen ökologischen Schaden durch die Katastrophe schon ermessen?

Nein, dazu brauchen wir endlich Klarheit darüber, was genau geschehen ist und welche Substanzen in den Fluss geraten sind. Klar ist nur, dass eine erhebliche tödliche Welle den Fluss heruntergelaufen ist, die ein massives Fischsterben ausgelöst hat. Welche Schäden Pflanzen und andere Organismen genommen haben, können wir noch nicht ansatzweise abschätzen. Auch die Folgen für andere Tiere in der Nahrungskette sind noch komplett offen.

Der Scheitel der Giftwelle hat mittlerweile das Stettiner Haff erreicht. Müssen wir uns jetzt auch auf ein Fischsterben in der Ostsee einrichten?

Ich gehe schon davon aus, dass im Mündungsbereich der Ostsee noch einige Fische sterben, sich die Giftkonzentration dann aber zügig verdünnen wird.

Was muss aus Ihrer Sicht am dringendsten geschehen?

Die möglichst rasche Beseitigung der Fischkadaver ist jetzt eine der vordringlichsten Aufgaben. Viele Tierarten fressen die toten Fische und vergiften sich so. Wir selbst haben auf unserer Bootstour größere Ansammlungen von Reihern, Seeadlern, Weiß- und Schwarzstörchen gesehen, die die vergifteten Fischkadaver gefressen haben. Auch Fischadler oder Säugetiere wie Waschbären haben wir dabei beobachtet. Die Folgewirkungen in der Nahrungskette können wir erst dann beurteilen, wenn wir wissen, was in dem Giftcocktail enthalten war. Da warten wir auf Laborergebnisse.

Seeadler mit Fisch | Der Greifvogel fliegt vor Beginn des Fischsterbens mit seiner Beute durch die brandenburgische Natur.

Wie bewerten Sie den Umgang mit der Umweltkatastrophe auf polnischer Seite?

Es ist ziemlich offensichtlich, dass das Problem von den polnischen Behörden anfangs heruntergespielt wurde. Angeblich hat jemand aus der polnischen Verwaltung vor Ort das Ganze als regionales Ereignis eingestuft und deswegen die Meldekette nicht aktiviert. Das klingt alles sehr stark nach Schlamperei. Die polnischen Umweltverbände haben keinerlei Vertrauen in die staatlichen Stellen und fordern, dass unabhängige Experten die Untersuchungen übernehmen und aufarbeiten.

Was hätte besser laufen müssen?

Ein großes Versäumnis war, dass die Meldeketten nicht eingehalten wurden. Nach dem großen Sandoz-Chemieunfall wurde ein Alarm- und Reaktionsplan für den Rhein entwickelt. Dieses Knowhow hat man eigentlich auf andere Flüsse übertragen – auch auf die Oder. Erstaunlicherweise gibt es bislang aber noch kein Statement der Internationalen Kommission zum Schutz der Oder, an die Zwischenfälle gemeldet werden müssten. Auch der brandenburgische Umweltminister Axel Vogel hat ja betont, dass das Land keine offiziellen Meldungen und damit auch keine Hintergrundinformationen erhalten habe.

Gibt es nach Ihrer Einschätzung auch Versäumnisse von Seiten der Bundesregierung oder der brandenburgischen Landesregierung?

Es ist schon auffällig, dass erst am Freitag, drei Tage nachdem die ersten Fische in Frankfurt angeschwemmt wurden, einige kurze Sätze von Bundesumweltministerin Steffi Lemke kamen und die Ministerin erst am Samstag vor Ort war. Die Alarmglocken haben ziemlich spät geschrillt. Zum Vergleich: Der polnische Ministerpräsident Morawiecki hat nach eigenen Angaben erst am Montag von dem Fischsterben erfahren, war seitdem aber schon zweimal an der Oder und hat die Armee angewiesen, die toten Fische einzusammeln. Von daher sehe ich schon ein recht zögerliches Verhalten beim Bundesumweltministerium. Es ist zugleich aber auch vollkommen klar, dass das eigentliche Versäumnis in Polen stattgefunden hat und dort Meldeketten nicht eingehalten wurden. Wären wir in Deutschland Ende Juli oder Anfang August informiert worden, hätten wir uns ganz anders vorbereiten können.

»Wir brauchen eine gezielte und systematische Beseitigung der Fische«Sascha Maier

Und die Brandenburger Landesregierung?

Ich kriege aus den Kommunen und Landkreisen entlang der Oder schon mit, dass auch sie mit dem Krisenmanagement des Landes Brandenburg nicht ganz glücklich sind. So sind in Märkisch-Oderland viele tote Fische eingesammelt worden, von denen wir nicht wissen, womit sie belastet sind. Es gibt aber bisher keinen Plan, wo die toten Tiere zur Vernichtung hingebracht werden sollen. Auch eine zentrale Stelle fehlt, bei der sich Bürgerinnen und Bürger melden können, die vor Ort leben und nicht wissen, was sie tun sollen.

Wie kann es besser weitergehen?

Wichtig ist jetzt, die Menschen vor Ort über die Risiken zu informieren und die Maßnahmen zum Einsammeln der Fischkadaver zu koordinieren. Das darf nicht Freiwilligenaktionen überlassen werden. Wir brauchen eine gezielte und systematische Beseitigung der Fische. Ich habe selbst bei meiner Tour gesehen, dass über gut 50 Kilometer keiner da war, der Fische eingesammelt hat. Ganz wichtig ist auch, dass nicht nur aus dem Wasser und von den Fischkadavern Proben genommen werden, sondern auch aus dem Sediment, um zu sehen, was sich dort abgelagert hat. Und dann muss kurzfristig alles unterlassen werden, was die Oder zusätzlich beeinträchtigt – beispielsweise müssen die Bauarbeiten an der Erweiterung der Buhnen auf polnischer Seite zumindest erst einmal ausgesetzt werden.

Und längerfristig? Kann sich die Oder wieder in einen lebendigen Fluss verwandeln?

Wenn wir Glück haben, kommt das Leben über die Nebenflüsse wieder in die Oder – wie es beim Rhein damals war – und es bilden sich neue Tierpopulationen. Ich würde noch nicht den Teufel an die Wand malen. Aber natürlich sollten wir das nicht dem Zufall überlassen. Wir müssen jetzt auch auf Bundesebene im Haushalt Mittel für ein Renaturierungsprogramm einplanen – auch, wenn wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht genau sagen können, wie das konkret aussehen wird. Ich sehe die Gefahr, dass die Verursacher in Polen vielleicht nicht so schnell ausfindig gemacht werden. Was wir aber vermeiden müssen, ist ein Streit und Hickhack darüber, wer für die Sanierung aufkommt. Jetzt muss zügig Geld zur Verfügung gestellt werden. Und natürlich dürfen wir nicht sofort die Menschen vergessen, die in Not geraten sind.

Wen meinen Sie damit?

Menschen, die unmittelbar am und vom Fluss leben, müssen unbürokratisch entschädigt werden. Bei Anbietern von Naturtourismus, Fischern und einigen Viehhaltern, die auf Wasser aus der Oder oder deren Zuflüssen als Tränken angewiesen sind, geht es gerade um die Existenz. Da muss schnell dafür gesorgt werden, dass sie weiter eine Zukunft haben.

Zurück zur Renaturierung: Wo könnten entsprechende Maßnahmen ansetzen?

Wir sollten die Ökosystemfunktionen der einzelnen Lebensräume in den Blick nehmen. Entlang der Oder befinden sich zum Beispiel viele Auen, gerade im Nationalpark Unteres Odertal oder auf polnischer Seite. Wenn wir für mehr Auenrenaturierung sorgen, schaffen wir gleichzeitig Flächenfilter und helfen dem Fluss widerstandsfähiger zu werden. Ich habe auch jetzt schon eine gewisse Hoffnung, dass die Auen eine wichtige Rolle bei der Selbstreinigung in den kommenden Jahren spielen können.

Könnte die Katastrophe helfen, die Pläne auf polnischer Seite für den Oderausbau zu begraben, der das Ökosystem weiter schädigen würde?

Unabhängig von der jetzigen Katastrophe vertreten Umweltverbände und das Land Brandenburg die Position, dass der Oderausbau gestoppt werden muss. Morawiecki hat gesagt, dass die Oder wieder in ihren natürlichen Zustand versetzt werden soll. Ich hoffe, dieses Versprechen beinhaltet auch, den Ausbau der Oder kritisch zu hinterfragen.

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte