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Umweltpsychologie: »Ich wünsche allen Menschen Klimaangst«

Viele Jugendliche und junge Erwachsene fürchten die Folgen der Klimakatastrophe. Diese Klimaangst ist keine psychische Störung, sondern eine gesunde Reaktion: Eltern und Politiker verhalten sich falsch, wenn sie die Sorgen ignorieren oder pathologisieren.
Junge Klimaaktivistin hält ein Schild mit der Aufschrift »Act Now«
Die Weckrufe der Jugend hatten bislang nicht den erhofften Erfolg. (Symbolbild)

Anfang 2022 las Judith (35) den neuen IPCC-Klimabericht. Sie erholte sich damals gerade von einem Burnout, es ging ihr bereits wieder recht gut. Der Klimabericht warf sie erneut aus der Bahn. »Ich dachte: Müssen meine Söhne so aufwachsen? Was soll ich ihnen sagen, wenn sie mir später Fragen stellen?« Kurz darauf brach in der Ukraine der Krieg aus. Für Judith war das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. »Ich verfolgte wie besessen die Nachrichten. Zuerst wollte ich verstehen, wie groß das Klimaproblem war. Dann habe ich nach Lichtblicken gesucht. Gab es auch Studien, die das Problem relativieren? Bekommen Klimawissenschaftler noch Kinder? Es beruhigte mich ein wenig, dass sie das taten. Trotzdem verstand ich nicht, warum alles einfach so weiterlief, als ob nichts wäre.«

Judith begab sich in Psychotherapie, bekam Medikamente gegen ihre Angstzustände. Eine Zeit lang vermied sie die Nachrichten. Das half. Als sie wieder eine Zeitung aufschlug, erschienen ihr die Berichte weniger schlimm. »Vielleicht, weil ich sie schon verarbeitet hatte«, sagt sie. »Ich weiß jetzt, wie groß das Problem ist. Zugleich verstehe ich besser, dass die Welt nicht über Nacht untergeht. Das schafft etwas Abstand. Trotzdem reagiere ich noch sensibel. Was, wenn ein Klimaleugner wie Donald Trump wiedergewählt wird? Meine frühere Sorglosigkeit habe ich endgültig verloren.«

Judith ist damit nicht allein. Zwischen 2018 und 2022 befragten Forschende mehr als 12 000 Menschen in 32 Ländern. Knapp jeder Zweite gab an, sehr oder extrem besorgt über den Klimawandel zu sein. Das psychische Wohlbefinden hing mit dieser Besorgnis zusammen: Je größer die Klimaangst, desto schlechter fühlten sich die Menschen.

Chronische Angst vor dem Untergang der Umwelt

Eine klare Definition für Klimaangst gibt es nicht. Derzeit dient das Wort als Sammelbegriff für negative Gefühle wie Angst, Niedergeschlagenheit, Hilflosigkeit, Traurigkeit und vieles mehr. Die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung (APA) beschreibt Klimaangst als »chronische Angst vor dem Untergang der Umwelt«. Einige Fachleute sehen darin eine prätraumatische Belastungsstörung: Die Folgen des Klimawandels wirken traumatisch, noch bevor sie tatsächlich eintreten.

Junge Menschen leiden eher unter Klimaangst als Erwachsene. Caroline Hickman von der University of Bath in England sucht nach den Ursachen. Als Psychotherapeutin berät sie Jugendliche und deren Eltern in Fragen rund um Klimaängste. »Dass sie gemeinsam eine Therapie machen, ist kein Zufall«, sagt Hickman am Telefon. »Das Thema Klima erhitzt die Gemüter. Junge Menschen gehen damit viel aktiver um als Erwachsene. Das treibt die Generationen auseinander.« Die Therapeutin warnt vor schnellen Lösungen: »Glauben Sie keinem Therapeuten, der das verspricht.« Klimaangst sei eine komplexe und völlig neue Tatsache in unserer Geschichte. »Wir sehen bislang nur einen Teil des Problems.«

»Die Frage ist nicht mehr, ob wir die Folgen noch vermeiden können, sondern wie schlimm es wird«Caroline Hickman, University of Bath

Angst hat es immer gegeben. Vor einem halben Jahrhundert fürchteten die Menschen den Krieg, den sauren Regen oder den Kommunismus. »Die Klimaangst ist jedoch etwas anderes als etwa die Angst vor einem Atomkrieg«, sagt Hickman. Letzteren konnten die Menschen vermeiden. »Beim Klimawandel sind wir über diesen Punkt hinaus: Wir sehen die Schäden jeden Tag in den Nachrichten. Letztes Jahr wurde ein Drittel von Pakistan überflutet. In Europa sterben Menschen bei Waldbränden und Überschwemmungen. Ständig drohen Dürre, Missernten, Migration. Die Frage ist nicht mehr, ob wir das noch vermeiden können, sondern wie schlimm es wird.« Darin unterscheide sich Klimaangst von anderen, lösbaren Stressoren. »Es ist zu spät, so zu tun, als ob alles gut wird. Alles deutet darauf hin, dass wir die Kontrolle verlieren. Das macht den Menschen schreckliche Angst.«

Im Jahr 2021 befragte Hickman 10 000 junge Menschen in zehn verschiedenen Ländern. Zwei von drei gaben an, sich traurig und ängstlich zu fühlen. Drei Viertel fanden die Zukunft beängstigend. Mehr als die Hälfte glaubte, dass die Menschheit dem Untergang geweiht ist. Fast vier von zehn jungen Menschen zögern, später Kinder zu bekommen.

Löschversuche mit der Wasserpistole

Während ihrer Feldarbeit entdeckte Hickman: »Mehr als mit dem Klimawandel selbst hängt die Erfahrung junger Menschen mit der lahmen und laschen Reaktion der Erwachsenen zusammen. Je passiver die Erwachsenen reagieren, desto ängstlicher werden die jungen Menschen. Die Wissenschaftler schreien fast täglich, dass das Haus in Flammen steht. Doch Politiker, Unternehmen und Eltern scheinen diese Dringlichkeit nicht zu erkennen.« Das vorherrschende Bild: »Wir versuchen, den Brand erst einmal mit einer Wasserpistole zu löschen.«

84 Prozent der jungen Menschen fühlen sich zurückgewiesen, wenn sie über den Klimawandel sprechen wollen. »Eine schockierende Zahl«, sagt Hickman. »Junge Menschen sagen mir, es würde ihnen besser gehen, wenn sich alle große Sorgen machen würden. Das ist aber nicht der Fall. Oft bagatellisieren die Erwachsenen ihre Sorgen. Oder noch schlimmer: Sie missbilligen den Klimaaktivismus.« Diese ablehnende Haltung zeige eine fehlende Anerkennung der völlig verständlichen Sorgen. Und das verursache psychologischen Schaden: »Junge Menschen verstehen den Ernst der Lage der Situation nur zu gut. Wenn Erwachsene ihre Bedenken abtun, führt das zu zusätzlichem Stress und einem Vertrauensverlust.«

Sofie, ein Mädchen, das zusammen mit ihrer Mutter zur Therapie kam, fasste ihren Stress und ihre Gefühle der Mutter gegenüber so zusammen: »Du musst uns die Wahrheit über das Klima sagen. Sonst lügst du und wir können dir nicht trauen. Und wenn wir dir nicht vertrauen, können wir dir nicht sagen, wie wir uns fühlen. Dann fühlen wir uns alleingelassen.«

»Angst kann ein ausgezeichneter Ratgeber sein«Caroline Hickman, Psychotherapeutin

Hickman plädiert für eine offene, authentische Haltung. »Junge Menschen erwarten keine spektakulären Lösungen, sie wollen vor allem Verständnis. Erkennen Sie das Unbehagen an. Normalisieren Sie die Klimaangst Ihres Kindes und geben Sie zu, dass Sie manchmal auch nicht weiterwissen.«

In Workshops rät sie Menschen manchmal sogar zu Klimaangst, berichtet Hickman. »Ich wünsche allen Menschen Klimaangst. Angst kann ein ausgezeichneter Ratgeber sein. Am Rand eines Abgrunds sollte man auch nicht versuchen, den Leuten ihre Angst zu nehmen.« In ähnlicher Weise biete die Klimaangst Vorteile: Sie bringe Menschen dazu, nachhaltiger zu leben, Maßnahmen von Politikern zu fordern und auf die Straße zu gehen. Man sollte die Menschen nicht von der Angst befreien: »Unter den gegebenen Umständen wäre das lebensbedrohlich. Vielmehr sollten wir darüber nachdenken, wie wir die Klimaangst in unser tägliches Leben integrieren können. Wie wir mit ihr leben können und wie die Angst uns den Weg zu einem nachhaltigeren Leben weisen kann.«

Judith versteht die Argumentation, hat aber auch Bedenken. »In meiner schlimmsten Phase habe ich mich so obsessiv mit dem Klima beschäftigt, dass Handeln unmöglich wurde. Ich fühlte mich verantwortlich für das, was geschah. Alles, was ich tat, schien das Problem zu verschlimmern. Unter der langen Dürre im letzten Jahr wagte ich zum Beispiel kaum zu gießen.« Erst die Therapie und Medikamente hätten die Lähmung durchbrochen, erzählt sie. Sie verschafften ihr eine Atempause, eine andere Perspektive. »Inzwischen mache ich mir klar, dass ich die Welt weder allein retten noch allein zerstören kann.«

»Wir verlieren ein Stück der vertrauten Welt«Kirsten Catthoor, Präsidentin der Flämischen Vereinigung für Psychiatrie

Die Forschung warnt, dass Klimaangst zu psychischen Störungen wie Depressionen oder Angststörungen führen kann. Das bestätigt auch Kirsten Catthoor, Präsidentin der Flämischen Vereinigung für Psychiatrie (VVP). Die Organisation arbeitet derzeit an einer Übersichtsstudie zu psychischer Gesundheit und Klimaangst. Erste Schlussfolgerung: Es handelt sich um ein Symptom, nicht um eine Krankheit. Catthoor: »Jeder psychologische Stressor, einschließlich Klimaangst, kann zu einer Psychopathologie führen. Trotzdem hoffe ich, dass sie nie im DSM stehen wird. Klimaangst ist eine logische, sogar eine gesunde Reaktion auf eine sich schnell verändernde Umwelt. Wir wissen nicht, was der Klimawandel uns bringen wird. Aber wir wissen, dass wir als Menschheit zu wenig dagegen tun. Das führt zu chronischer Verunsicherung und Stress.«

Catthoor vergleicht die Klimaangst mit Trauer. »Jemanden zu verlieren, tut weh; man fühlt sich gebrochen, verzweifelt. Auf dieselbe Weise verlieren wir ein Stück der vertrauten Welt. Der Meeresspiegel steigt, Tierarten und Gletscher verschwinden in rasantem Tempo, unser Wetter wird unberechenbar. Es ergibt keinen Sinn, all die unangenehmen Gefühle zu pathologisieren.«

Die Erwachsenen gehen auf Distanz

Die Psychiaterin bestätigt, dass junge Menschen eher unter Klimaangst leiden. »Erwachsene sind dem Klima gegenüber gleichgültiger, wie unsere Literaturrecherche zeigt. Vermutlich weil nicht sie, sondern die nächsten Generationen die schlimmsten Folgen tragen werden. Deshalb reagieren junge Menschen viel heftiger. Sie begreifen, dass ihre Zukunft auf dem Spiel steht.«

Hickman weist auf einen weiteren Grund hin. Ihr zufolge fehlen jungen Menschen die psychologischen Abwehrmechanismen, die Erwachsene haben. »Wenn man älter wird, zerstört das Leben alle Arten von Illusionen«, erklärt sie. »Man kann vielleicht nicht die Person heiraten, die man liebt, man hat Probleme im Job, man erlebt Rückschläge. Damit umzugehen, erfordert geistige Flexibilität. Allmählich lernt man, sich von dem zu distanzieren, was schwierig ist, man verfolgt besser erreichbare Ziele. Diese Abwehrmechanismen helfen, im Erwachsenenleben zurechtzukommen. Angesichts einer immensen Bedrohung wie des Klimawandels stehen sie jedoch einer angemessenen Reaktion im Weg.« Man könnte es eine Form der Dissoziation von den eigenen Gefühlen nennen. »Denn alle Generationen leiden unter Klimastress, bewusst oder unbewusst.«

Laut Hickman leiden Erwachsene unter Schuld- und Schamgefühlen wegen der Welt, die sie hinterlassen. »Diese Gefühle sind so unangenehm, dass wir sie wegfiltern. Zum Beispiel, indem wir unerschütterlich glauben, dass alles gut wird. Indem wir auf Rettung durch die Technik hoffen. Oder indem wir anderen die Schuld geben: China, den Ölgesellschaften, streikenden Schulkindern.« Die bösen Reaktionen auf Aktivisten würden vor allem zeigen, dass deren Aktionen eine höchst unbequeme Botschaft haben und bei den Älteren psychologische Abwehrmechanismen auslösen. »Junge Menschen spüren die Probleme sehr viel deutlicher. Sie können an ihren Ängsten nicht vorbei.«

Auch Klimawissenschaftler kämpfen mit Klimaangst. Hickman erklärt: »Ihre Aufgabe ist es, so objektiv wie möglich auf die Welt zu schauen. Dabei haben psychologische Abwehrmechanismen keinen Platz.« Die Klimawissenschaftler, die sie getroffen habe, hätten ihr genau das Gleiche erzählt wie die jungen Leute: Niemand höre zu, man ignoriere sie völlig. Dass sie ihre Botschaft schon seit Jahrzehnten vergeblich verkünden, vertiefe das Unbehagen. Auch sie fühlten sich verraten und machtlos.

»Wir müssen unsere Ängste umarmen und sie als Katalysatoren nutzen«Caroline Hickman, Psychotherapeutin

Laut Gus Speth, einem führenden US-Klimaberater, ist die Lösung des Problems nicht technologischer, sondern spiritueller Natur. Lange Zeit glaubte er, die Wissenschaft müsse Lösungen finden: für den Verlust der biologischen Vielfalt, den Zusammenbruch der Ökosysteme und den Treibhauseffekt. Bis er verstand, dass die eigentlichen Ursachen nicht im Klimawandel liegen, sondern im Egoismus, in der Gier und Apathie der Menschen. Um dagegen zu kämpfen, brauche man eine kulturelle und spirituelle Transformation, nicht eine technisch-wissenschaftliche. Denn was nützt eine Lösung, wenn niemand mitmacht?

»Speth verwendet bewusst das Wort ›transformieren‹, nicht ›anpassen‹«, erklärt Hickman. Es gehe nicht um ein Zeitalter der Veränderung, sondern eine Veränderung des Zeitalters. »Wir müssen unsere Ängste umarmen und sie als Katalysatoren nutzen. Die Angst vor dem Klima verrät in erster Linie Besorgnis. Warum in aller Welt sollten wir auf besorgte junge Menschen wütend sein? Und was bedeutet diese Wut eigentlich? Wenn wir lernen, sie als verdeckten Schmerz zu sehen, machen wir einen großen Schritt. Dann wird das Klima ein gemeinsames Anliegen und wir können – endlich – reden.«

Die Passivität überwinden

»Im Prinzip können wir diese Klimakrise überleben. Doch dafür müssen wir uns erst einmal von der Vorstellung befreien, dass wir ohnehin dem Untergang geweiht sind«, sagt die britische Psychologin und Klimaaktivistin Renee Lertzman. Sie erforscht, wie man die Angst vor dem Klima in konkretes Handeln umwandeln kann, und sagt, nachhaltige Verhaltensänderungen seien immer möglich. »Aber die Herausforderung fühlt sich so überwältigend an, dass wir blockieren.« Jeder habe einen Punkt, an dem der bewusste oder unbewusste Stress die eigenen Kapazitäten übersteigt. »An diesem Punkt gehen wir auf Abstand: Wir meiden das Thema, schieben unangenehme Gefühle beiseite.« Das führe oft zu Passivität, was allerdings nicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln sei. Sie habe überall auf der Welt Menschen zum Klimawandel befragt, berichtet Lertzman. Die meisten hätten zunächst cool reagiert, schienen bei weiterer Nachfrage dann aber dennoch besorgt.

Wie kommt man da wieder heraus? Die Psychologin empfiehlt, nah an den eigenen Gefühlen zu bleiben und nachsichtig mit sich und anderen zu sein. »Mit Gefühlen wie Angst, Hilflosigkeit oder Verleugnung kann man nur umgehen, wenn man sie erkennt und anerkennt. Sagen Sie sich, dass jedes Gefühl in Ordnung ist, und sprechen Sie mit anderen. Erzählen Sie offen von Ihren Erfahrungen und Ängsten. Sie werden feststellen, dass auch die anderen besorgt sind. Gegenseitiges Verständnis legt den Grundstein für gemeinsames Handeln.« Nachrichten über den Klimawandel bewirken laut Lertzman weniger – ein weiterer dramatischer Klimabericht werde die Menschheit nicht plötzlich aufwecken. Und ein »Wir schaffen das!« mobilisiere weniger als »Ich habe auch Angst, aber wir sitzen im selben Boot. Wenn wir zusammenarbeiten und zusammenbleiben, können wir es schaffen.«

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