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Umweltschutz: Der Wert der Natur

Der Weltbiodiversitätsrat fordert, immaterielle Werte der Natur stärker in politische Entscheidungen einzubeziehen. Viel zu häufig würden diese zu Gunsten von Profit und Wirtschaftswachstum ignoriert.
Hand berührt Oberfläche eines Sees

Es gibt mehr als 50 Möglichkeiten, den Wert der Natur zu bemessen. Aber die meisten Forschungsarbeiten und politischen Entscheidungen beschränken sich auf nur eine Hand voll Methoden. Dazu gehören etwa das Zählen von Arten oder wie viel es kosten würde, eine von der Natur erbrachte Leistung zu ersetzen. Doch nur nach monetären Gesichtspunkten vorzugehen, kann schädlich für Mensch und Umwelt sein, so das Ergebnis der weltweit größten Untersuchung zur Umweltbewertung.

»Die Politik lässt die vielfältige Bedeutung der Natur für die Menschen, insbesondere für indigene Völker und einkommensschwache Gemeinschaften, weitgehend außer Acht«, heißt es in dem Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services).

So werden etwa bei Vorschlägen für Wasserkraftwerke die Bedürfnisse der betroffenen Gemeinschaften oft als zweitrangig gegenüber denen der städtischen Verbraucher angesehen – vor allem, wenn die Gemeinschaften umgesiedelt werden müssen. Das führe dazu, dass die Menschen ihre Lebensgrundlage verlieren und gezwungen werden, ihre Lebensweise zu ändern.

»Viele andere Werte werden zu Gunsten von kurzfristigem Profit und Wirtschaftswachstum ignoriert«(Unai Pascual, Wirtschaftswissenschaftler)

»Unser Versäumnis, die biologische Vielfalt in ihrem Wert richtig zu bemessen, hat zu einem langfristigen Rückgang einer Vielzahl von Leistungen geführt, die wir aus der Natur erhalten«, sagte Anne Larigauderie, die das IPBES-Sekretariat in Bonn leitet, bei der Vorstellung des Berichts am 11. Juli. »Die Fähigkeit zur Bestäubung von Nutzpflanzen oder zur Wasserregulierung ist seit 50 Jahren rückläufig.«

Laut Unai Pascual, Wirtschaftswissenschaftler am Baskischen Zentrum für Klimawandel in Leioa, Spanien, gibt es deutliche Hinweise darauf, dass die Bewertung der Umwelt anhand von Marktpreisen zur derzeitigen Krise der biologischen Vielfalt beiträgt. »Viele andere Werte werden zu Gunsten von kurzfristigem Profit und Wirtschaftswachstum ignoriert«, fügte Pascual hinzu, Erstautor des IPBES-Berichts.

139 Regierungen haben eine Zusammenfassung des Berichts für politische Entscheidungsträger angenommen. Die vollständige Version soll noch vor der UN-Biodiversitätskonferenz veröffentlicht werden, die im Dezember in kanadischen Montreal stattfindet. Man erwartet, dass sich die Delegierten auf neue Ziele für die Erhaltung der biologischen Vielfalt einigen werden.

82 Forscherinnen und Forscher aus den Fachgebieten Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften haben 79 000 Studien zur Umweltbewertung ermittelt und festgestellt, dass die Zahl der Publikationen seit vier Jahrzehnten jährlich um zehn Prozent zunimmt. Doch nur wenige dieser Studien werden von politischen Entscheidungsträgern beachtet. Die Forschenden wählten 1163 Studien für eine eingehende Prüfung aus und fanden heraus, dass nur in fünf Prozent die Empfehlungen von den Entscheidungsträgern übernommen wurden.

Die Hälfte der Studien, die einer eingehenden Prüfung unterzogen wurden, verwendeten biophysikalische Größen, wie die Anzahl der Arten oder die Menge der Waldbiomasse. Weitere 26 Prozent bedienten sich monetärer Indikatoren: zum Beispiel die Kosten, die entstehen würden, wenn Menschen die Bestäubung durchführen müssten, oder Beträge, die die Regierungen den Landwirten für die Erhaltung der biologischen Vielfalt auf landwirtschaftlichen Flächen zahlen.

Nur ein Fünftel der Untersuchungen bewertete die biologische Vielfalt nach soziokulturellen Kriterien wie der Bedeutung einer heiligen Stätte und dem Wert, den jemand seinem Heimatort beimisst. Soziokulturelle Werte haben nicht unbedingt eine numerische Größe oder ein Preisschild. »Der Wert heiliger Stätten muss nicht in Dollar oder Euro umgerechnet werden«, sagte IPBES-Mitautor Sander Jacobs, Ökologe am Forschungsinstitut für Natur und Wälder in Brüssel.

»Der Wert heiliger Stätten muss nicht in Dollar oder Euro umgerechnet werden«(Sander Jacobs, Ökologe)

Die Autoren des Berichts stellten fest, dass in den meisten Studien solche Werte nicht berücksichtigt werden, selbst wenn dies nachweislich zu besseren Ergebnissen für die Umwelt führt. Nur wenige Wissenschaftler beziehen die Menschen mit ein, die in Regionen mit hoher biologischer Vielfalt leben und arbeiten. Lediglich zwei Prozent der eingehend untersuchten Studien gaben an, dies getan zu haben. »Interessengruppen miteinzubinden, einschließlich solcher, die Daten und Informationen zur Verfügung stellen, ist meist sehr einfach«, heißt es in dem Bericht.

»Wir müssen Zusammenschlüsse von Wissenschaftlern aus verschiedenen Disziplinen bilden. Aber die Wissenschaft braucht auch Verbündete«, sagt Pascual. »Forscher sollten bescheiden sein und diejenigen einladen, die andere Fachrichtungen vertreten. Eine solche Koalition könnte einen lösungsorientierten Ansatz zur Bewältigung der Biodiversitäts- und Klimakrise bieten.«

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