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Neuzugang in der Großhirnrinde: Unbekannte Hirnzelle entdeckt

Das Nesthäkchen in der Familie der Neurone erinnert an eine buschige Heckenrose und sitzt in der obersten Schicht der Hirnrinde.
Digitale Rekonstruktion des »rosehip«-Neurons: ein kompakter Busch aus Dendriten und Axonen

Englische Wörter haben zuweilen Dutzende möglicher Übersetzungsvarianten. Und so könnte man den Namen »rosehip«, auf den ein neu entdecktes Neuron getauft wurde, profan mit »Hagebutte« übersetzen, in Anspielung auf die kompakten Knospen, die seine Synapsen bilden. Doch die Nebenbedeutung »Heckenrose« beschreibt die fein verzweigte Zelle einfach besser. Die neue menschliche Hirnzelle, die die Fantasie derart beflügelt, stellten ihre Entdecker unter der Leitung von Ed Lein vom Allen Institute for Brain Science in den USA und Gábor Tamás von der Universität Szeged in Ungarn diese Woche in der Fachzeitschrift »Nature Neuroscience« vor.

»Wir beschreiben einen spezialisierten GABAergen Neuronensubtyp im menschlichen Kortex«, fassen die Autoren zusammen. Es handle sich um ein so genanntes Zwischenneuron, das andere Nervenzellen miteinander verschaltet. Seinen Sitz hat es in der ersten der insgesamt sechs Schichten der Großhirnrinde. Die Heckenrose wächst sozusagen in den Kronen der größten Bäume im kortikalen Neuronenwald, der Pyramidenzellen. Sie erhalten ihren Input unter anderem über einen langen, dicken Zweig, den Apikaldendriten. Und an diesen Hauptzweigen bildet die Heckenrose kleine knospenartige Kontaktstellen, die synaptischen Endknöpfchen.

»Die Zellen zielen vorwiegend auf den Schaft von apikalen Dendriten der Pyramidenzellen in Schicht 3«, so formulieren es die Autoren. Die »rosehips« schicken der Pyramidenzelle hemmende Signale, dämpfen und kontrollieren also deren Aktivität. Das Besondere sei, dass sich die neuen Zellen nur an bestimmten Stellen anlagerten, was eine sehr spezifische Funktion nahelege – ähnlich einer Bremse, die an den Stellen funktioniert, wo andere Bremsen nicht greifen. Die neu entdeckten Neurone könnten schätzungsweise ein gutes Zehntel der hemmenden Neurone in der oberen Schicht der Hirnrinde bilden.

Die ungarischen Forscher hatten die Proben aus lebendem Hirngewebe von Patienten entnommen. Die Gewebeproben des US-Teams hingegen stammten von zwei verstorbenen Männern mittleren Alters, die ihre Körper der Forschung gespendet hatten. Aus deren Hirnzellen gewannen die Wissenschaftler RNA, die »Assistentin« der DNA, die genetische Informationen in Proteine übersetzt. Die identifizierten RNA-Muster ordneten sie dann verschiedenen menschlichen Hirnzellen zu und untersuchten außerdem, ob sich die Muster von denen bei Mäusen unterschieden. Demnach scheinen die neuen Zellen bei Nagern nicht vorzukommen. Das bedeute noch nicht, dass die neue Hirnzelle einzigartig für den Menschen sei, warnen die Forscher. Sie spekulieren jedoch, dass das Neuron eine für den menschlichen Geist einzigartige Funktion erfüllen könnte. Als Nächstes wollen sie es auch in anderen Hirnregionen sowie bei Menschen mit Hirnerkrankungen aufspüren, um mehr über seine Funktion zu erfahren.

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