Tiefenpsychologie: »Der Schatten ist alles, was wir nicht wahrhaben wollen«

Frau Amling, was verstand C. G. Jung unter dem »Schatten«?
Der Schatten ist alles, was wir nicht wahrhaben oder zeigen wollen, was aber trotzdem zu uns gehört: Neid, Wut und Unsicherheit etwa. Diese Seiten verstecken wir nicht nur vor anderen, sondern auch vor uns selbst. Ein Beispiel: Jemand denkt von sich, immer nett und hilfsbereit zu sein. In dieses Selbstbild passt kein Neid. Wenn das Gefühl trotzdem auftaucht – und das ist unvermeidbar – , wird es verdrängt und landet im Schatten.
Und dann?
Verdrängte Gefühle können wieder hochkommen: als plötzlicher Wutausbruch, als Kritik oder als Vorwurf. Solche Gefühlsausbrüche haben oft mehr mit uns selbst zu tun als mit anderen. Deshalb ist es wichtig, hinzusehen, wenn wir etwas stark ablehnen oder unangenehm berührt sind, und zu ergründen, woher die Reaktion kommt.
Der Schatten bei Jung umfasst unbewusste, aber auch bewusst abgelehnte Erfahrungen. Was ist der Unterschied?
Beides überschneidet sich oft, ist aber nicht dasselbe. Nehmen wir zwei Beispiele: Lisa ist freundlich und harmoniebedürftig. Sie hat nie gelernt, Wut auszudrücken, und kennt das Gefühl kaum. Wenn jemand ihre Grenzen überschreitet, spürt sie ein Unwohlsein, sagt aber nichts. Lisas Wut liegt im Schatten – nicht, weil sie sie ablehnt, sondern weil ihr der Zugang fehlt. Anders ist es bei David. Er sieht sich selbst als rational und beherrscht. Er hasst wütende Menschen, trotzdem kennt er die Wut nur zu gut. Wenn er im Streit laut wird, schämt er sich und tut so, als sei nichts gewesen. Davids Wut liegt auch im Schatten, aber anders als bei Lisa lehnt er sie bewusst ab, weil sie seinem Selbstbild widerspricht.
»Jung erforschte sein eigenes Unbewusstes intensiv und begegnete dabei beängstigenden Gestalten«
Wie kam Jung auf sein Schattenkonzept?
Entscheidend war sein Bruch mit Sigmund Freud um das Jahr 1913. Während Freud das Unbewusste vor allem als Speicher verdrängter Triebe – insbesondere der Sexualität – verstand, erkannte Jung darin Archetypen, Mythen und Symbole. Um dem Unbewussten näherzukommen, analysierte er Träume und innere Bilder. Auch sein eigenes Unbewusstes erforschte er intensiv und begegnete dabei beängstigenden Gestalten. Er erkannte, dass sie zu ihm gehörten, dass sie verdrängte, abgespaltene Teile seines Selbst waren.
Und dann schloss er von sich auf die Allgemeinheit?
Jung entdeckte darin ein universelles Muster: das Ungelebte, das Verdrängte und das Ungewollte. Der Schatten war für ihn nicht per se schlecht und destruktiv; er sah darin auch eine Quelle der Kraft und Kreativität. Manche Jungianer nennen es das »Gold im Schatten«. Zum Beispiel kann man gelernt haben, dass Sexualität etwas Schmutziges und Verbotenes ist oder dass man nicht weinen darf: Dann landen wertvolle Anteile wie Lust oder Verletzlichkeit im Schatten – Anteile, die uns eigentlich stark machen. Dasselbe kann für Selbstbewusstsein gelten, wenn wir beispielsweise gelernt haben, immer leise zu sein und nur ja nicht aufzufallen.
Studien zeigen, dass Verdrängung auch gesund sein kann.
Kurzfristig kann Verdrängung ein gesunder Schutzmechanismus sein, um nicht von Gefühlen überwältigt zu werden und handlungsfähig zu bleiben. Aber langfristig kann es zu psychischen Problemen führen – zu Angststörungen, Depressionen oder psychosomatischen Erkrankungen. Es gibt Studien, die sogar Zusammenhänge zwischen Verdrängung und somatischen Erkrankungen aufzeigen.
»Indem wir unsere abgelehnten Anteile auf andere projizieren, können wir innere Konflikte umgehen«
Ein wichtiger Aspekt bei Jung ist die Projektion – ein psychologischer Mechanismus, bei dem wir unseren eigenen Schatten auf andere Menschen übertragen. Warum tun wir das?
Wenn wir neidisch sind, aber glauben, dass Neid eine schlechte Eigenschaft ist, dann sehen wir plötzlich Neid in anderen Menschen und empfinden Abneigung oder Ärger darüber. Indem wir unsere abgelehnten Anteile auf andere projizieren, können wir innere Konflikte umgehen und unser Selbstbild aufrechterhalten. Wir sind überzeugt, dass wir mit dem Neid nichts zu tun haben. Dabei gehört er eigentlich zu uns.
Jung unterscheidet zwischen dem persönlichen und dem kollektiven Schatten. Unter Letzterem verstand er ein geteiltes Unbewusstes, ein seelisches Erbe der Menschheit. Wird man mit einem kollektiven Schatten geboren?
Ich halte diese Annahme für problematisch. Ein Neugeborenes hat noch keine moralischen Maßstäbe oder ein Verständnis von gesellschaftlichen Normen. Ich glaube, wir wachsen in den Schatten hinein – durch Erziehung, Sozialisation und kulturelle Erzählungen.
Jung hat dem Schatten etwas entgegengesetzt: die Persona.
Wenn der Schatten das ist, was wir nicht sein wollen, dann ist die Persona das, was wir glauben sein zu müssen. Die Persona ist die Anpassung an die Erwartungen anderer. Ein Beispiel: Thomas ist innerlich oft wütend und unsicher. In seinem Beruf als Arzt zeigt er sich aber kompetent und freundlich. Das ist seine Persona.
»Wir werden unser Leben lang immer wieder mit neuen Facetten des Schattens konfrontiert«
Kann man mit seinem Schatten auch in friedlicher Koexistenz leben?
Klar. Wir müssen den Schatten nicht besiegen. Vielmehr werden wir unser Leben lang immer wieder mit neuen Facetten des Schattens konfrontiert. Er entwickelt sich mit uns.
Gibt es empirische Belege für Jungs Schattenkonzept?
Der Schatten bei Jung ist ein metapsychologisches, kein messbares Konstrukt. Aber Forschende haben Einzelaspekte, die Jung mit dem Schatten verbindet, empirisch untersucht. Der Psychiater George Vaillant und die Psychologin Phebe Cramer haben Abwehrmechanismen erforscht und gezeigt, dass wir uns oft unbewusst vor unangenehmen Gefühlen oder Gedanken schützen, indem wir sie zum Beispiel verdrängen. Die US-Forscher Daniel Wegner und James Gross haben belegt: Wenn wir versuchen, bestimmte Gedanken oder Gefühle krampfhaft zu unterdrücken, kommen sie oft umso vehementer zurück – der sogenannte »Rebound-Effekt«. Wieder andere Forscher haben bewiesen: Menschen neigen dazu, Eigenschaften oder Gefühle, die sie an sich selbst nicht akzeptieren, eher bei anderen zu sehen. Und die moderne Persönlichkeitsforschung zeigt, dass es stabile blinde Flecken im Selbstbild gibt, eine Selbst-Fremd-Diskrepanz, die bewirkt, dass Menschen Eigenschaften an sich selbst oft anders wahrnehmen als ihre Mitmenschen.
Gibt es in der nichtanalytischen Psychologie vergleichbare Konzepte?
Meines Wissens gibt es in der nichtanalytischen Psychologie keine Theorie, die dieselben Phänomene in einem Gesamtmodell bündelt. Viele empirische Ansätze untersuchen einzelne Aspekte – etwa Abwehrmechanismen, Projektion oder Selbst-Fremd-Diskrepanzen – , aber sie sind nicht in einem einheitlichen Konzept zusammengeführt.
Und was ist am kollektiven Schatten dran?
Der lässt sich empirisch genauso wenig nachweisen wie der Schatten als einheitliches psychisches System.
Worauf basiert das Schattenkonzept dann?
Jungs Schattenkonzept basiert auf jahrelanger klinischer Erfahrung. Langzeitbeobachtungen und die Analyse realer Beziehungssituationen liefern eine Form von Evidenz, die für komplexe psychische Prozesse unverzichtbar ist. Die Psychoanalyse arbeitet mit einer anderen Art von klinischer Evidenz, die ebenso bedeutsam ist. Ihre theoretische Hermeneutik – das Verstehen von Sinnzusammenhängen – wird durch moderne Forschung zur Therapieeffektivität klar gestützt.
Wie wird das Konzept in der Praxis angewandt?
Therapeutinnen und Therapeuten, die mit Jungs Schattenkonzept arbeiten, achten auf starke emotionale Reaktionen, wiederkehrende Beziehungsmuster, Träume, Vorstellungen und Widersprüche, um aus ihnen auf Schattenanteile zu schließen. Dabei spielen sogenannte Übertragungen eine zentrale Rolle: Patientinnen und Patienten projizieren oft eigene ungeliebte Gefühle auf ihre Therapeutinnen und Therapeuten. Ziel ist nicht, den Schatten zu entlarven, sondern einen Zugang zu ihm zu bekommen, sodass sie ihre widersprüchlichen Selbstanteile erkennen, bewusst erleben und in ein realistischeres Selbstbild integrieren können.
Was an dem Konzept muss man heute kritisch betrachten?
Jungs Rollenbilder entsprechen nicht unserer heutigen Auffassung von Geschlecht und Identität. Seine Schriften sind außerdem sehr allgemein; viele Aussagen können unterschiedlich ausgelegt werden. Er arbeitet darüber hinaus mit rassistischen und antisemitischen Konzepten: Er sprach von einer »jüdischen«, symbolisch-spirituellen und einer »arischen«, rational-intellektuellen Psychologie. So versuchte er auch, Freuds Psychoanalyse als »jüdisch« und seine eigene Lehre als »arisch« darzustellen.
In Ihrer Doktorarbeit schauen Sie sich Jungs eigenen Schatten an: Sie untersuchen alle von ihm verfassten Texte auf Antisemitismus.
Genau, in meiner Doktorarbeit analysiere ich Jungs Primärquellen – Briefe, Interviews, Bücher und Artikel – auf antisemitische Inhalte und Diskursmuster. Dabei geht es auch um seine Rolle im Nationalsozialismus, aber nicht ausschließlich. Auch wenn ich den Eindruck habe, damit auf viel Widerstand bei den Anhängern seiner Lehre zu stoßen. Jung übernahm 1933 die Präsidentschaft der Internationalen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie. Die deutsche Sektion dieser Gesellschaft wurde rasch von Nazis durchdrungen. Gleichzeitig gibt es aber auch Hinweise, dass Jung jüdische Flüchtlinge unterstützte. Sein Verhalten bleibt widersprüchlich. Diese Aspekte sind historisch belegt und wurden in der Rezeption durchaus diskutiert, aber oft nur selektiv und beschönigend – sie liegen bis heute wie ein Schatten auf der analytischen Psychologie.
Was können wir heute noch von seinem Schattenkonzept lernen?
Trotz aller Kritik: Jung war ein Pionier. Sein Konzept regt zur Selbstreflexion an. Es hilft, ehrlich mit sich selbst zu sein und unangenehme Gefühle anzuschauen, anstatt sie zu verdängen. Wer sich mit seinem Schatten auseinandersetzt, kann innere Blockaden auflösen und begegnet anderen mit mehr Verständnis und Empathie.
Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.