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Doping: Und ist er nicht willig ...

"Der Bessere möge gewinnen!" - Dieses hehre Ziel des Sports scheint nur noch eingeschränkt zu gelten. Denn wie die jüngsten Doping-Skandale wieder einmal offenbarten, greifen immer mehr Athleten zu unerlaubten Mittelchen, um ihre Leistungen ein wenig zu steigern. Und die Doping-Küche hat reichlich zu bieten.
Immer schneller, besser, länger: Hochleistungssport erlaubt keinen auch noch so kleinen Fitness-Einbruch oder gar einen Leistungsabfall. Der Druck auf die Athleten ist riesig. Da lockt es manch einen, mit illegalen Mitteln nachzuhelfen. Doping blickt daher bereits auf eine lange, zweifelhafte Karriere zurück: 1960 kam der dänische Radfahrer Knut Jenssen bei den olympischen Spielen in Rom ums Leben. Er war beim Mannschaftszeitfahren gestürzt und starb dann im Krankenhaus. Doping mit Amphetaminen wurde erst später als Grund bekannt gegeben.

Der diesjährige Tour-de-France-Sieger Floyd Landis und der Sprinter Justin Gatlin, Olympiasieger, Weltmeister und Weltrekordhalter über 100 Meter, scheinen die jüngsten Zauberlehrlinge zu sein. Bei beiden fand man einen ungewöhnlich hohen Wert von Testosteron/Epitestosteron. Bei Landis steht die so genannte B-Probe noch aus. Die beiden Spitzenathleten werden bei endgültiger Bestätigung sicherlich büßen – aber die Hexenküche brodelt weiter. Zunächst zu den Zutaten:

Die Klassiker: anabole Steroide

Nach wie vor weit verbreitet: Anabole Steroide wie das männliche Geschlechtshormon Testosteron und seine Abkömmlinge fördern als wichtigsten Effekt für den Sportler die Proteinsynthese in den Muskelzellen. Sie gelten daher besonders in Schnellkraft-Sportarten wie dem Radsport oder Sprint als Garanten für eine rasche Steigerung der sportlichen Leistung. Testosteron verkürzt wahrscheinlich auch die Regenerationszeit des Körpers nach Hochleistung und steigert die Aggressivität – im Wettkampf ein großer Vorteil. Das Anabolika-Angebot für Leistungs- und Freizeitsportler ist dementsprechend riesig.

Bei Doping mit Testosteron gilt das Verhältnis von Testosteron zum Epitestosteron im Harn als erster Indikator für Zufuhr von außen. Epitestosteron wird auch im Körper gebildet, ist aber biologisch nicht wirksam. Steigt der normalerweise relativ konstant bei 1 liegende Konzentrationsquotient der beiden Substanzen auf Werte über 4 an, besteht Doping-Verdacht. Es werden dann weitere Untersuchungen angeschlossen. Die Isotopenverhältnis-Massenspektrometrie (IRMS) erlaubt die eindeutige Feststellung, dass eine physiologische Substanz nicht im eigenen Körper gebildet worden ist. Dabei wird das Verhältnis der in jeder Kohlenstoff-Verbindung natürlich nebeneinander vorkommenden stabilen, nichtradioaktiven Kohlenstoff-Isotope C-12 und C-13 genau bestimmt. Dieses Verhältnis ist auf Grund natürlicher Auslesevorgänge je nach Herkunft unterschiedlich. Bei Radfahrer Landis ist mittlerweile die synthetische Herkunft des fraglichen Testosterons bewiesen.

Schlechte Aussichten – nicht nur für Landis und Gatlin, auch für die in den Medien oft strapazierte Meinung, dass die Doping-Analytik hoffnungslos hinter der angeblich laufend erfolgenden Neuentwicklung von Doping-Mitteln hinterher hinkt. Doping-Stoffe sind bis jetzt durchweg Arzneimittel mit in der Medizin seriösem Anwendungsprofil, die zum Doping missbraucht werden. Taucht ein solches neues Präparat als zunächst unbekanntes Signal auf, kann es rasch identifiziert und im Verwandtschaftsfalle mit verbotenen Doping-Stoffen sofort in das Verbot mit einbezogen werden. Der mögliche Vorlauf hat mittlerweile kurze Beine.

A la Nature: Blut-Doping

Schwitzen in den Bergen ist erlaubt: Höhentraining führt zu einem noch mehrere Wochen danach erhöhten Anteil an roten Blutkörperchen, den Erythrozyten, im Blut. Der Sauerstoff kann so effektiver aufgenommen und umgesetzt werden – die Ausdauer steigt. Doch dann wird es illegal: Als Doping gilt einerseits die Zufuhr von Eigen- oder Fremdblut kurz vor dem Wettkampf, andererseits die Gabe von Erythropoetin (EPO) zur Ergänzung oder Ersetzung dieses Effektes. Das Hormon wird eigentlich in der Niere produziert und regt die Bildung von roten Blutkörperchen in den Stammzellen des Knochenmarks an.

Gentechnisch hergestelltes Erythropoetin ist bereits seit dem Jahr 2000 analytisch vom natürlichen Hormon zu unterscheiden. Bei Doping-Verdacht wird aber meist trotzdem zunächst erst indirekt gemessen: Die Bestimmung des Hämokritwertes, also des Anteil der roten Blutkörperchen, und anderer Blutparameter führen daher nicht zum eindeutigen Nachweis der Substanz. Eine Aussage gelingt über Vergleich mit Referenzwerten, wobei physiologische Schwankungen in den Werten auch zu einem positiven Testergebnis führen können oder umgekehrt.

Direkt kann man körperfremdes Erythropoetin im Urin über die isoelektrische Fokussierung (IEF) und ein anschließendes Immunblotting nachweisen. Synthetisches und körpereigenes Hormon unterscheiden sich unter anderem in der An- und Abwesenheit immer wiederkehrender Zuckereinheiten. Grenzen liegen in der aufwendigen und diffizilen Probenbearbeitung.

"Viele Athleten dopen, weil sie einen Nachteil ausgleichen wollen"
(Frank Schönborn)
Blut-Doping "klassisch", die Zufuhr von Eigen- oder Fremdblut, wird schon lange praktiziert. Es geriet mit der erfolgreichen Synthese von Erythropoetin etwas aus der Mode; seit man die synthetische Variante aber nachweisen kann, erfreut es sich aber wieder wachsender Beliebtheit. Die Zuführung von körpereigenen Erythrozyten ist bis heute kaum nachweisbar, Fremdblut kann mittlerweile nachgewiesen werden. Ein echter Hinweis auf Eigenblut-Doping wären verdächtige Blutkonserven, die über genetische Tests eindeutig einem Athleten zugeordnet werden können.

Schon Geschichte: Amphetamine

Die unter der NS-Regierung entwickelte "Panzer-Schokolade" und "Pepp-Pille" putschte bereits die deutschen Soldaten des Zweiten Weltkrieges zu mehr Aggressivität und weniger Todesangst – schon bevor ihr Wirkstoff Amphetamin als Doping-Mittel im Sport zum Einsatz kam. Trotz bekannter Suchtwirkung und Todesfällen bei Überdosierung wie bei dem bereits erwähnten Radfahrer Jenssen wurde er im Sport erst in den 1960er Jahren langsam durch die Steroide ersetzt.

Amphetamine spielen heute im Hochleistungssport keine nennenswerte Rolle mehr. Trotzdem sind sie immer noch da: Maskiert als Modedroge "Speed" oder als Grundsubstanz für "Ecstasy" gelten sie auf Grund der raschen Abhängigkeit und der fatalen Nebenwirkungen weiterhin als eine der gefährlichsten Drogen.

Nicht mehr Zukunftsmusik: Gen-Doping

Bereits in fünf bis zehn Jahren, so die Expertenmeinung, wird die Gentherapie das Doping-Mittel Nummer 1 sein – dabei sind die gefährlichen Nebenwirkungen noch kaum abzuschätzen. Geoffrey Goldspink und seine Kollegen von der Royal Free and University College Medical School in London entdeckten den so genannten mechanical growth factor (MDF), ein Peptidhormon, das beim Trainieren in Muskeln freigesetzt wird. Als sie es ins Muskelgewebe von Mäusen einschleusten, konnten sie innerhalb von zwei Wochen eine Gewebszunahme von 25 Prozent messen.

Die Wissenschaftler arbeiten aktuell an einer Gentherapie für alte und kranke Menschen, die zu schwach zum Trainieren sind. Wie der Leistungssport mit einem anwendungsreifen Ergebnis umgehen wird, kann man sich trotz des bereits bekannten Krebsrisikos bei der Anwendung von Wachstumsfaktoren lebhaft vorstellen.

Ein bisher beim Menschen theoretischer Ansatz liegt im Ausschalten des in Muskelzellen vorkommenden Proteins Myostatin. Es verhindert auch bei Stimulation durch Testosteron oder intensivem Training unkontrolliertes Muskelwachstum. In der Viehmast spritzt man heute bereits Fleischrindern Antikörper gegen das Protein. Fände man beim Menschen einen Weg, den Regulationsmechanismus des entsprechenden Gens auszuschalten, würden die Muskeln ebenfalls entsprechend anschwellen. Was das Skelett und die Sehnen mittelfristig dazu sagen, die ja nicht gleichzeitig stimuliert werden, ist bis jetzt nur als Horrorvision vorstellbar. Die Rinder jedenfalls können heute schon kaum noch stehen. Da scheint der Schlachthof die reine Gnade.

Und was Sie bei der Anwendung beachten müssen

Nicht nur das Risiko einer jäh beendeten Karriere zerrt gnadenlos an Physis und Psyche der Athleten. Die Nebenwirkungen sind bei jeder Doping-Art fatal. Um nur einige zu nennen: Anabolika vergrößern auch den Herzmuskel, die Arterien aber nicht. Herzinfarkt durch Unterversorgung des Herzmuskels und Arteriosklerose durch Ablagerungen in den Blutgefäßen sind eine Folge. Zudem verändern künstliche Sexualhormone das Geschlecht: Die Brust der Frau geht zurück, und sie zeigt männliche Züge; die des Mannes wächst zu weiblichen Formen, während gleichzeitig seine Spermien abnehmen – er wird zeugungsunfähig. Zu beobachten war das nur zu deutlich bei den "Mannweibern" des DDR-Sportkaders aus den 1960er und 70er Jahren. Viele damalige Spitzensportler leiden heute unter schweren Depressionen und sozialer Ausgrenzung.

Problematisch beim Blut-Doping ist einerseits die Infektionsgefahr (Aids, Hepatitis) bei Fremdblutzufuhr, andererseits generell ein Thromboserisiko durch den erhöhten Feststoffanteil im Blut. Erfahrene Sportler trinken viel, um sowohl ihren Hämokritwert und damit die Gefahr einer Entdeckung als auch das Thromboserisiko zu senken. Unerwähnt müssen hier die noch theoretischen Gefahren beim Gen-Doping bleiben. Wissenschaftler warnen heute jedoch schon vor bisher nicht absehbaren Folgen.

... so brauch' ich Gewalt

Bis heute sind systematische Gründe für praktiziertes Doping verantwortlich: Gleichsetzung von internationaler Bedeutung mit dem Rang im Medaillenspiegel verhindern national jeden Ansatz auf Verzicht. Dazu kommt der gültige Standard von internationalen Leistungsnormen, die ihrerseits häufig unter Doping-Bedingungen entstanden sind. Und nicht zuletzt das absurde öffentliche Verlangen nach immer krasseren Rekorden. "Viele Athleten dopen nicht, weil sie sich einen Vorteil verschaffen wollen", meint Frank Schönborn von der Universität Witten/Herdecke, "sondern weil sie einen Nachteil ausgleichen wollen. Sie agieren reaktiv".

Begabter Nachwuchs sieht sich angesichts solcher Tatsachen ohne chemische Helferlein bereits vor dem Karriere-Aus, bevor diese überhaupt begonnen hat. Der so gerne beschworene "Geist des Sports" scheint vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse besonders weit entfernt. Eine verantwortungsbewusste Gesellschaft sollte eine Neufestsetzung von Normen und Standards dringend fordern und sportliche Leistungen so begrüßen, wie sie die Natur vorgibt.

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