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News: Und sie sind doch schneller...

Männer sind anscheinend tatsächlich von der ganz schnellen Truppe - zumindest im Evolutionsgeschehen erfüllt sich der Traum, auf der Überholspur an den Frauen vorbeizuziehen. Dass Männer bei weitem mehr Änderungen in ihrer Erbsubstanz anhäufen als ihre weiblichen Pendants, vermuten Evolutionsbiologen schon seit knapp fünfzig Jahren. Studien der letzten Jahre widersprachen aber dieser These - und geraten jetzt durch neuere Ergebnisse amerikanischer Wissenschaftler selbst unter Beschuss.
Millionen von Basenpaaren ist unsere Erbinformation lang – da schleicht sich trotz komplizierter Kontroll- und Reparaturmechanismen ab und zu ein Fehler ins Genom. Möglichkeiten gibt es viele: Basen können ausgetauscht werden oder gehen einfach ganz verloren. Manchmal fehlen auch größere Stücke der DNA, bauen sich an anderer Stelle wieder ins Genom ein oder drehen ihre Position. Meist bleiben diese Änderungen unbemerkt, da sie sich in den 90 Prozent des Genoms abspielen, die aus noch immer ungeklärten Gründen den stillen, anscheinend funktionslosen Part übernehmen und nicht in Proteine übersetzt werden.

Vergleicht man die genaue Basenabfolge bestimmter Genombereiche, lassen sich solche Unterschiede aufzeigen. So geschehen in der Arbeitsgruppe von Wen-Hsiung Li und Kateryna Makova an der University of Chicago. Sie untersuchte die Geschwindigkeit, mit der sich das männliche im Vergleich zum weiblichen Erbgut verändert. Ihre Ergebnisse widersprechen zwei der jüngeren Studien auf diesem Gebiet: der im Jahre 2000 veröffentlichten Untersuchung des Whitehead Institutes und der ein Jahr später erschienen Studie vom International Human Genome Sequence Consortium.

Unbestritten ist, dass sich im Genom des Mannes mehr Mutationen als im weiblichen Genom ansammeln. Diskutiert wird, wie viel schneller dies geschieht. Während die erwähnten Studien aus den letzten Jahren dem Mann nur eine doppelt so hohe Mutationsrate wie der Frau zubilligen, sehen Li und Makova eine Steigerung um den Faktor 5,25.

Der Unterschied beruht nach Meinung der Wissenschaftler um Li und Makova vor allem auf dem unterschiedlichen Ausgangsmaterial. Das Whitehead Institute betrachtete relativ nahe miteinander verwandte Arten. Für solche Arten erhielten auch Li und Kollegen einen niedrigen Wert. Der Vergleich von Menschen, Gorillas und Pygmäenschimpansen ergab nur eine bescheidene Rate von 1,4. Nach Meinung der Forscher aus Chicago repräsentieren verwandtschaftlich weiter entfernte Tiere den generellen Trend über das Evolutionsgeschehen besser. Dies begründet sich in dem unterschiedlichen Auftreten von Polymorphismus bei Autosomen – also den nicht geschlechtsbestimmenden Chromosomen – gegenüber den Geschlechtschromosomen wie dem Y-Chromosom. Auch in der Studie des International Human Genome Sequence Consortiums scheinen die Wissenschaftler statistische Fehler gefunden zu haben.

Li und Makova sind die ersten, welche die Berechnungen der Mutationsrate ohne Einbeziehung des X-Chromosoms angestellt haben. "Einige Forscher argumentierten, dass die hohe Rate eher von der reduzierten Mutationsrate im X-Chromosom herrührt, als von der erhöhten Rate im Y-Chromosom" erklären die Forscher. Um diesen Kritikpunkt ausschließen zu können, verglichen sie Sequenzen des Y-Chromosoms mit denen auf einem Autosom – Chromosom Nummer 3.

Der von ihnen gemessene Wert von 5,25 bestätigt nun erste Ergebnisse aus den fünfziger Jahren, als der Mann bereits im Verdacht stand, ein Jäger und Sammler von Genomveränderungen zu sein. Doch Sorgen ob ihrer Geschwindigkeit müssen sich die Männer nicht machen. Die Mutationsrate ist an sich so niedrig, dass die angesammelten Mutationen bei einem Individuum kaum bemerkbar sind – egal, ob sich die Rate nun verdoppelt oder verfünffacht.

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