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Das nochmalige Erleben kurzer, aber stressiger Ereignisse in Gedanken - zum Beispiel wenn jemandem auf der Landstraße die Vorfahrt genommen oder man von einem Fremden beleidigt wird - ist nicht nur unangenehm, die Erinnerung hat manchmal auch konkrete körperliche Folgen. Sie kann zu einem vorübergehenden Anstieg des Blutdrucks führen, sogar noch Tage nach dem eigentlichen Vorfall. Aus diesen Reaktionen kann auch gefolgert werden, wie manche Personen am besten mit schlechten Erinnerungen fertig werden.
Auf Dauer können sich lebhafte Erinnerungen jedoch als wohltuend für Geist und Körper erweisen. Diese These vertritt eine neue Studie unter der Leitung von Psychologen der University of California in San Diego. "Zugrunde liegt eine einfache therapeutische Idee: Die Erinnerung an unangenehme Ereignisse und das Nachdenken darüber sind schmerzhaft, und als Reaktion steigt Ihr Blutdruck", sagte Nicholas Christenfeld. "Hat man jedoch das Ereignis einmal verarbeitet, dann ist die Erfahrung das nächste Mal weniger schmerzhaft."

Die Studien, die am 26. März 1998 auf der Jahreskonferenz der Society of Behavioral Medicine vorgestellt wurden, stützen nicht nur die Vorstellung, daß eine populäre Form der Therapie – das erneute Durchleben schmerzlicher Erfahrungen im Geiste innerhalb einer behaglichen Umgebung – tatsächlich funktioniert. Sie deuten auch an, daß nachklingende, unangenehme Gedanken gesundheitsschädlich sein könnten. "Es ist nicht notwendigerweise negativ, unangenehme Gedanken zu haben", sagte Christenfeld, "aber wenn man unangenehme Gedanken wälzt, die zu einer physiologischen Reaktion führen, könnte dies schlecht fürs Herz sein."

An der Studie ebenfalls beteiligt waren Laura M. Glynn, Psychologiestudentin, Ebbe B. Ebbeson, Professor für Psychologie an der University of California und William Gerin, Professor am Cornell University Medical Center. In einer Reihe von Studien beschreiben die Forscher zwanzig Testpersonen, die gebeten wurden, Kopfrechenaufgaben durchzuführen. Während sie die Rechenaufgaben lösten, wurden die Probanden dauernd angehalten, schneller und schneller zu arbeiten. Herzschlag und Blutdruck jeder Versuchsperson wurden während des Tests ständig überwacht. "Am Schluß hatten die Testpersonen das Gefühl, daß die Person, die den Test durchführte, kaltherzig und geradezu ekelhaft war", sagte Christenfeld.

Die Aktivität rief in den Testpersonen unmittelbar einen Anstieg des systolischen Blutdrucks hervor, im Durchschnitt einen systolischen Anstieg um 27 mm Quecksilbersäule. (Im Ruhezustand betrug der systolische Blutdruck ursprünglich 110 mm, während der Übung stieg er auf 137 mm.) Hinterher wurden die Testpersonen gebeten, sich lebhaft an Details der Erfahrung zu erinnern und zwar in zwei unterschiedlichen Zeitintervallen. Zehn Testpersonen wurden nur 20 Minuten später gebeten, eine sogenannte "Grübel"-Aufgabe durchzuführen, weitere zehn sollten die Aufgabe eine Woche später durchführen.

Die Ergebnisse zeigten eine eindeutige Verknüpfung zwischen dem Nachgrübeln über die ärgerliche Erfahrung und einem Anstieg des Blutdrucks. Nach beiden Zeitintervallen stieg der systolische Blutdruck um ungefähr 12-15 mm Quecksilbersäule, ungefähr die Hälfte des Anstiegs, der durch die ursprüngliche Erfahrung hervorgerufen wurde. "Es war also unerheblich, wie lange das Ereignis zurücklag", sagte Christenfeld. "Als die Testpersonen gebeten werden, nochmals [über die durchgeführten Tests] nachzudenken, folgte immer eine eindeutige Reaktion."

Als Nachbereitung dieser Studie wurden die 10 Testpersonen, die ihre Erfahrungen 20 Minuten später noch einmal durchlebten, gebeten, eine Woche später wieder ins Labor zu kommen. Sie wurden gebeten, sich noch ein weiteres Mal in Gedanken mit dem unangenehmen Ereignis zu beschäftigen. Bei diesem Versuch erhöhte sich der Blutdruck jedoch bei keinem der Teilnehmer signifikant. "Mit anderen Worten: Wir hatten zwei Gruppen von Menschen, die nach einer Woche wieder erschienen", sagte Christenfeld. "Eine Gruppe hatte die Grübelphase bereits hinter sich, und sie zeigte keinerlei Blutdruckanstieg. Die andere Gruppe, die ihre Erfahrung noch nicht verarbeitet hatte, zeigte eine starke Reaktion."

Die Ergebnisse deuten darauf hin, daß der selbst auferlegte Zwang, über eine negative Erfahrung nachzudenken, deren Auswirkungen von einem stark aufgeladenen und emotionalen Erlebnis zu einem abstrakten und weniger peinigendem Erlebnis hin verändern kann. "Stellen Sie sich vor, wie erregt Sie waren, als Sie zum ersten Mal über den Vorfall auf der Landstraße von heute morgen nachdachten", sagte Christenfeld. "Wenn Sie das zweite Mal daran denken, wird die Angelegenheit etwas abstrakter. Es ist jetzt kühleres Grübeln."

"Dies ist alles äußerst vorläufig", fügte der Wissenschaftler hinzu. "Aber wir glauben, daß diese Ergebnisse zeigen, daß die Regel 'erst bis zehn zählen, damit der Ärger verfliegt' nicht funktioniert, weil man sich eine Woche später immer noch darüber aufregen kann. ... Aber wenn Sie ein Weile darüber nachdenken, dann können Sie die Angelegenheit etwas kühler betrachten."

Natürlich, meint Christenfeld, gibt es eine Alternative. Sie können die ärgerliche Erfahrung einfach vergessen, vielleicht indem Sie sich so sehr beschäftigen, daß Sie einfach nicht mehr daran denken. In der Tat haben frühere Studien gezeigt, daß schlechte Erfahrungen im Kopf beiseite geschoben werden können, wenn man sich Aufgaben zuwendet, die einen ablenken. "Das ist eine heiß diskutierte Frage in der Therapie", sagte er. "Einige Menschen argumentieren, irgendwann werden Sie über die negative Erfahrung nachdenken, deshalb könnten Sie es genauso gut gleich tun in einer angenehmen Umgebung. In diesem Fall verarbeiten Sie Ihre Probleme, müssen aber eine gewisse Zeit Trübsal blasen. Andere Leute raten Ihnen, Sie sollten versuchen, niemals darüber nachzudenken und sich vom Schmerz abzulenken. Dann sollten Sie jedoch wirklich zuversichtlich sein, daß Sie wirklich niemals erneut über dieses Problem nachdenken werden."

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