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Invasive Arten: Unerwartete Fischzüge

Die Ökologie geht verschlungene Wege, und das Drehen an einem Rädchen ihres Gefüges löst bisweilen Kettenreaktionen aus, deren Folgen an völlig unvermuteten Stellen auftreten. Manchmal genügen schon die Interessen an und für sich harmloser Angler, um ganze Lebensräume ins Chaos zu stürzen.
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Wer hätte gedacht, dass Sportfischer größere Auswirkungen auf die Lebewelt von Bächen und deren Einzugsgebieten haben? Abgesehen natürlich von den Fischen, die sie entnehmen oder dem Müll, den sie unter Umständen zurücklassen. Aber Petri-Heil-Jünger wie Jäger zählten bis in die jüngste Vergangenheit zu den einflussreichsten Überbringern exotischer Tierarten in fremde Ökosysteme. Um die Bedingungen für Angler im amerikanischen Westen zu verbessern, ging der US Fish and Wildlife Service sogar so weit, Regenbogenforellen (Oncorhynchus mykiss) aus dem Flugzeug in Seen abzuwerfen, wo sie eigentlich gar nicht vorkommen. Dort wurden sie dann zwar zu Fishermen’s friends, krempelten aber auch die Umwelt der Gewässer in ihrem Sinne um, verzehrten den Nachwuchs ganzer Froschpopulationen und trieben so den Gebirgs-Gelbschenkelfrosch (Rana muscosa) an den Rande des Exitus.

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Regenbogenforelle | Die Regenbogenforelle richtet als Beutegreifer in Lebensräumen, in die sie nicht gehört, gehörige Schäden an. Sie frisst verschiedenste Arten an Wasserlebewesen wie Insekten oder Frösche und dezimiert diese unter Umständen bis an den Rande der Ausrottung. Neuere Untersuchungen zeigen jetzt, dass durch ihren Appetit auch auf terrestrische Nahrungsketten Einfluss nehmen kann.
Diese Veränderungen sind schon lange bekannt, aber es geht noch darüber hinaus: Amerikanische und japanische Wissenschaftler um Colden Baxter von der Colorado State University haben jetzt herausgefunden, dass eben solche eingeschleppten amerikanischen Regenbogenforellen in japanischen Gebirgsbächen nicht nur die amphibische Fauna und Nahrungskette aus dem Lot bringen können, sondern selbst jene benachbarter Wälder.

Unter natürlichen Bedingungen frisst der in Nordjapan heimische Asiatische Saibling (Salvelinus malma) Insekten, die aus verschiedensten Gründen ins Wasser fallen. Diesen Part haben nun die Regenbogenforellen okkupiert. Sie verzehren derart viel dieser Beute, dass die Saiblinge auf Ersatznahrung ausweichen müssen. Als Kompensation tun sie sich stattdessen an Insekten und Larven gütlich, die Algenmatten am Gewässergrund abgrasen. Was Pech für diese Lebewesen ist, bedeutet Glück für die Algen: Ihrer Weidetiere entledigt, nehmen sie an Biomasse stark zu.

Abgesehen von den Veränderungen im Ökosystem Bach wie erhöhtem Sauerstoffverbrauch oder Eintrübung des Wassers bei Zersetzung der Algen sowie Verschiebungen im Artenspektrum, reichen die Konsequenzen aber noch über das Gewässer hinaus. Denn durch die Raubzüge der Saiblinge erreichen weniger Insektenlarven das Erwachsenenstadium, das die Kerfe normalerweise an Land verbringen. In den benachbarten Wäldern wird folglich das Futterspektrum für Insekten vertilgende Lebewesen knapper. Die Forscher beobachteten denn auch einen Rückgang bestimmter Spinnenarten um 65 Prozent. Konsequenzen für Vögel und Fledermäuse, die ebenfalls Kerbtiere jagen, sind nicht auszuschließen.

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Braune Nachtbaumnatter | Das unbeabsichtigte Einschleppen der Braunen Nachtbaumnatter führte auf Guam zum Aussterben von zehn der zwölf vormals endemischen Vogelarten der Insel. Sie waren an Feinde nicht angepasst und wurden dadurch leichtes Opfer der Schlange. Guam hat heute die höchste Schlangendichte der Erde.
In diesem Fall schlägt das Pendel zu Ungunsten der Spinnen aus. Es gibt aber auch ein Beispiel, in dem Arachniden von Neozoen profitieren. Anfang der 1950er Jahre schleppte man versehentlich die Braune Nachtbaumnatter (Boiga irregularis) nach Guam ein. Sie fand dort ein Schlaraffenland vor, ohne natürliche Feinde, und die unwissende Beute flog ihr – nicht gebraten, aber frisch – ins Maul. Irgendwann gab es keine Vögel mehr, dafür unzählige Spinnen in den stummen Wäldern, die den Platz als Insektenjäger einnahmen und selbst kaum mehr natürliche Feinde hatten. Heute leben auf Guam nur noch wenige einheimische Wirbeltiere, dafür besitzt die Insel eine der höchsten Schlangendichten des Planeten. Auf der Suche nach Nahrung dringen die Reptilien jetzt zunehmend in einen neuen Lebensraum ein – den des Menschen. Immer wieder kommt es zu Stromausfällen, da die Nattern sich in Transformatoren häuslich einrichten und dort Kurzschlüsse fabrizieren. Gelegentlich berichten Medien über Attacken auf schlafende Babys, die aber zu groß für den Verzehr sind.

Die Schlangen auf Guam wieder loszuwerden, erscheint im Moment utopisch. Im Falle der Regenbogenforelle beginnt man allerdings umzudenken. Um immerhin den eingangs erwähnten Frosch zu retten, entfernte man den Fisch wieder mit Erfolg aus einigen Gebirgsseen. Seine Populationen erholten sich doch tatsächlich wieder, was selbst die zunächst unwilligen Angler anerkennen mussten.
12.11.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 12.11.2004

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