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Fossilien: Unerwarteter Fund

Wer Kolibris in freier Wildbahn bewundern will, muss sich in die Neue Welt begeben, denn hier, im alten Europa, kommen die fliegenden Juwele schlicht nicht vor. Überhaupt liegen die Wurzeln der hochspezialisierten Nektarsauger jenseits des Atlantiks, dachte man - bis eine Tongrube südlich des badischen Wiesloch verblüffende Knochenreste preisgab.
Rostamazilie
Eurotrochilus inexpectatus | Eurotrochilus inexpectatus, das älteste Fossil eines modernen Kolibris, gefunden in einer Tongrube südlich von Wiesloch. Es belegt, dass die Gruppe durchaus auch in der Alten Welt vorkam.
"Inexpectatus" – einen treffenderen Namen hätte Gerald Mayr kaum wählen können. Denn das zartknochige Skelett, das der Paläontologe vom Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt so betitelt, ist wirklich ein höchst unerwarteter Fund: Es stammt ganz offensichtlich von einem Kolibri und ist etwa 30 bis 34 Millionen Jahre alt. Und dieser beherrschte womöglich schon den charakteristischen Schwirrflug der Tiere, um seinen ebenfalls "modernen" Schnabel tief in Blüten versenken zu können.

Wie aber kommt ein solches Kolibri-Skelett nach Europa? Schließlich liegt nach gängiger Meinung der Ursprung der fortschrittlicheren Trochilidae, so der wissenschaftliche Name der Vogelfamilie, in Südamerika, von wo aus sie irgendwann auch den Nordkontinent eroberten. Den Sprung nach Eurasien aber habe die Gruppe nie gemacht, wie der – allerdings insgesamt magere – Fossilienstand belege. Doch da hat sich die Wissenschaftlergemeinde wohl geirrt.

Anatomie | Die Skelettknochen mit den anatomischen Bezeichnungen: co (linkes Coracoid), cra (Cranium, Schädel), fe (rechter Femur, Oberschenkel), fm (Foramen magnum, Hinterhauptsloch), fu (Furcula, Gabelbein), hu (linker Humerus, Oberarmknochen), man (Mandibel), max (Maxillare), mpr (medialer Fortsatz an der Ansatzstelle des Musculus pronator superficialis), prt (distale Ausstülpung am Oberarmkopf), qu (rechtes Quadratum), r (Rippe), sca (Scapula, Schulterblatt), st (Carina des Sternum, Brustbeinkamm), sup (Foramen des Supracoracoidalnervs), tbt (rechter Tibiotarsus), tmt (rechter Tarsometatarsus), ul (linke Ulna, Elle), v (Vertebra, Wirbel)
Mayr entdeckte das nur vier Zentimeter große Skelett aus Sedimentschichten einer Tongrube südlich von Wiesloch in den Schubladen eines Stuttgarter Museums und war sich zunächst gar nicht bewusst, welch spektakulären Fund er vor sich hatte. Als er dieses und ein weiteres Exemplar genauer untersuchte, fielen ihm aber unter anderem die extrem kurzen Oberarmknochen der Tiere auf, die in einer kleinen Knochenkugel enden. Sie sind ein typisches Merkmal der heute verbreiteten, Nektar fressenden Kolibris und ermöglichen wahrscheinlich den Flügeln, während des Schwirrfluges – also wenn die Vögel im Flug vor einer Blüte "stehen" – ständig zu rotieren.

Außerdem zeigten die Fossilien sehr lange Schnäbel, ein weiterer Hinweis auf ihre moderne Verwandtschaft, die sich ebenfalls überwiegend von dem süßen Pflanzenfutter ernährt, während die ursprünglicheren Varianten sich Insekten und anderes Kleingetier einverleiben. Sie sind damit gleichzeitig der älteste Nachweis für diese Ernährungsweise bei Vögeln – und zeigen, wie früh die dazugehörige Koevolution zwischen Tieren und Pflanzen schon eingesetzt haben könnte.

Gemäß Eurotrochilus inexpectatus, so der vollständige Name des zarten Überraschungsfundes, waren auch die abgeleiteten fliegenden Juwele also keineswegs auf die Neue Welt beschränkt. Hinweise auf ursprünglichere Familienangehörigen gab es schon aus der Grube Messel bei Darmstadt, in der ein 49 Millionen Jahre alter Kolibri-Angehöriger gefunden wurde, der aber noch Insekten fraß. Zwei weitere Arten stammen aus dem Kaukasus, doch auch ihnen fehlen die fortschrittlichen Merkmale.

Und der kleine Kerl könnte ein weiteres Rätsel lösen. Denn in der Eurasien und Afrika gibt es einige Pflanzenarten, deren Blüten bestens für langschnäblige Nektarfresser geeignet wären – doch fehlten bisher die entsprechenden Besucher. Warum aber entwickelten sich dann diese Formen? Sollte es nun tatsächlich schon im Tertiär darauf spezialisierte Kolibris in diesen Gefilden gegeben haben, würde das die Anpassung erklären. Damit stellt sich dann nur noch die Frage, warum die Flugkünstler wieder ausgestorben sind und ihr Platz von Bienen und manchen Singvögeln eingenommen wurde.

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