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Aids: Unerwarteter Fund

Obwohl schon lange vermutet, gelang es Forschern erst kürzlich, wildlebende Schimpansen tatsächlich als Ursprung des HI-Virus nachzuweisen. Offenbar übertrugen die Menschenaffen den Vorläufer des Erregers aber nicht nur auf den Menschen: Auch Gorillas tragen ein davon abstammendes Affen-Immunschwächevirus. Und wieder einmal gibt es mehr Fragen als Antworten.
Flachland-Gorilla
Ende des Jahres 2005 waren, so schätzt die Weltgesundheitsorganisation, etwa vierzig Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Dieser Satz ist richtig, aber etwas ungenau – denn der Aids-Erreger tritt global in verschiedenen Stämmen mit zahlreichen Subtypen auf. Die weitaus meisten Betroffenen tragen dabei HIV-1 der Gruppe M (für Major). In West- und Zentralafrika trafen Forscher noch auf zwei weitere HIV-1-Gruppen: O (für outlier), die allerdings auch dort nur zwei bis fünf Prozent der HIV-positiven Proben ausmachen, sowie die offenbar auf Kamerun beschränkte Gruppe N (non-M, non-O). Dazu kommt noch das HIV-2, das ebenfalls vor allem in West- und Zentralafrika verbreitet ist.

All diese Stämme und Gruppen haben ihre eigene Geschichte. So zeigt das HIV-2 viele Gemeinsamkeiten mit dem Affen-Immunschwächevirus SIVsm (Simian immunodeficiency virus Sooty Mangabee), das bei Rauchgrauen Mangaben (Cercocebus atys) nachzuweisen ist. Wahrscheinlich sprang es durch den Verzehr von Buschfleisch bei mehreren Gelegenheiten auf den Menschen über. Ähnliches gilt für die Geschichte von HIV-1, nur dass hier die ursprünglichen Wirte unter den Menschenaffen zu suchen sind. Der Vorläufer der M- und N-Gruppe stammte offenbar aus Schimpansen – ihr SIVcpz ähnelte den menschlichen Typen bei genetischen Vergleichen am stärksten, und erst kürzlich wurde in Exkrementen von wildlebenden Tieren eine Immunreaktion auf HIV nachgewiesen – ein Beleg für die große Übereinstimmung der beiden Erreger. Für die O-Gruppe allerdings lag der Ursprung noch im Dunkeln.

Flachland-Gorilla | Übertrugen sie den Vorläufer einer besonderen HIV-Variante auf den Menschen? Zumindest tragen sie den bislang engsten Verwandten in sich, wie Forscher an Exkrementproben nachweisen konnten.
Dank Martine Peeters von der Universität Montpellier und ihren Kollegen ist das vorbei. Die Wissenschaftler hatten in Kamerun hunderte Exkrementproben von Schimpansen und Flachland-Gorillas gesammelt und auf Antikörper untersucht, die auf HIV-1 reagieren. Ein positives Resultat bedeutete, dass die Tiere von einem HIV-1 nahe verwandten SI-Virus infiziert worden waren. "Zu unserer Überraschung ergaben auch sechs von 213 Exkrementproben von wildlebenden Gorillas ein positives HIV-Signal", berichten die Forscher. Beherbergen also auch Gorillas HIV ähnliche Erreger?

Als die Wissenschaftler die aus den Proben isolierte RNA genauer untersuchten, stellten sie fest, dass die drei betroffenen Gorillas alle mit sehr ähnlichen, aber doch eigenen, bislang unbekannten Stämmen von SIV infiziert waren. Und: Diese sind die bislang engsten Verwandten der O-Gruppe von HIV-1, wie statistische Stammbaumanalysen enthüllten.

Sprang dieser HIV-Vertreter also nicht vom Schimpansen, sondern von Gorillas auf den Menschen über? Das können Peeters und ihre Mitarbeiter noch nicht beantworten. Auf jeden Fall liegt der Ursprung von SIVgor, wie die Forscher die neue Gruppe nannten, wiederum bei Schimpansen.
"Es macht das Puzzle viel komplizierter, als es vorher war"
(Martine Peeters)
Ob diese Vorläufer der O-Gruppe von HIV-1 nun von dort auf Gorillas und unabhängig davon auch direkt auf den Menschen übertragen wurden, oder ob ihr Weg indirekt über die Zwischenstation Gorilla lief, gibt die Stammbaumanalyse nicht her. Angesichts des Menschenhungers auf Gorillafleisch ist dieser Sprung über die Artgrenze aber durchaus denkbar – und ist damit ein immer noch bestehendes Risiko.

Aber eine viel grundlegendere Frage bleibt ebenfalls offen: Wie sollen die Schimpansen ihre Cousins überhaupt angesteckt haben? Die Menschenaffen begegnen sich im Freiland kaum und verhalten sich dann selten aggressiv. Und Gorillas lassen sich in Gefangenschaft zwar durchaus fleischige Happen schmecken, in ihrer ursprünglichen Heimat aber steht Buschfleisch nicht auf dem Speiseplan, sondern nur vegetarische Kost. Wie konnte sich das Virus unter diesen Bedingungen verbreiten – noch dazu in Populationen, die mehrere hundert Kilometer voneinander entfernt leben? Es mache, so Peeters, "das Puzzle viel komplizierter, als es vorher war".

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