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Ungeplante Auswilderung: Die wilden Kühe von Tschernobyl

Im Sperrgebiet rund um den havarierten Reaktor lebt eine Herde schwarz-weißer Milchkühe. Ganz auf sich allein gestellt haben sich die Rinder zu echten Wildtieren entwickelt.
Eine Gruppe von schwarz-weißen Kühen steht im Schnee vor einem Hintergrund aus kahlen Bäumen. Die Kühe blicken in die Kamera, während der Boden mit Schnee bedeckt ist. Die Szene vermittelt eine winterliche Atmosphäre in einer ländlichen Umgebung.
Nur eine ungeplante Auswilderung von ihrem Urahn, dem Auerochsen, entfernt: Die Rinder der kleinen Herde aus der Wildnis um Tschernobyl verhalten sich wie echte Wildtiere.

Wenn Anastasiia Zymaroieva und ihre Kollegen in der Wildnis der Nordukraine nach ihren Studienobjekten suchen, darf ein Gegenstand an keinem Revers fehlen: Das Dosimeter zum Messen der Strahlenbelastung ist immer dabei. Denn die Wissenschaftler studieren Tiere im Sperrgebiet um das einstige Atomkraftwerk Tschernobyl.

Das stellenweise radioaktiv verseuchte Gelände hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Wildnislandschaft entwickelt, wie sie im übrigen Europa kaum noch zu finden ist. Nachdem Hunderttausende Menschen die Region verlassen mussten, eroberten sich Elche, Rothirsche und Wölfe ein Gebiet von der Größe des Saarlands zurück. Seit 2016 – dem 30. Jahrestag der Katastrophe vom April 1986 – sind große Teile der Sperrzone offiziell »Strahlenschutz- und ökologisches Biosphärenreservat«.

Fast zeitgleich mit der Parkgründung starb im kleinen Weiler Lubjanka im Zentrum des Reservats auch die letzte Einwohnerin, die, wie einige Dutzend andere ältere Menschen, trotz Verbots in den Jahren nach der Atomkatastrophe in das Dorf zurückgekehrt war. Die Rückkehrer lebten als Selbstversorger von dem, was die verlassenen Gärten und die wenigen Milchkühe hergaben, die sie mitgebracht hatten. Nach ihrem Tod war Lubjanka menschenleer. Neben den verlassenen Häusern blieben nur sieben schwarz-weiß gefleckte Rinder auf ihrer Weide zurück.

Menschenscheu | Die ältesten Kühe der Herde wurden einst noch gemolken, doch über die Jahre ist die Zutraulichkeit bei vielen Tieren gewichen.

Dies sind die Tiere, denen das Forschungsinteresse der Ökologin Zymaroieva und ihrer Kollegen des Biosphärenreservats gilt. Denn innerhalb weniger Jahre haben sich die herrenlosen Rinder von Milchvieh in echte Wildtiere verwandelt. Das erfolgte so schnell und so umfassend, dass sich aus Sicht der Forscher grundlegend infrage stellt, wie domestiziert unsere vermeintlichen Haustiere eigentlich sind.

Sieben Tiere trotzen den widrigen Umständen

Die Bedingungen, unter denen die Tiere nun überleben müssen, sind extrem. Lange, eiskalte und schneereiche Winter, dazu eine gesunde Population von Raubtieren wie Wölfen und Bären sowie reichlich Konkurrenz um Pflanzennahrung durch Rehe, Hirsche und wiedereingebürgerte Przewalski-Wildpferde. Auch die radioaktive Strahlung ist in einigen Bereichen immer noch hoch. Doch die schwarz-weißen Neubürger – ein Bulle und sechs Kühe – überlebten nicht nur ohne menschliche Versorgung: Sie pflanzten sich allen Widrigkeiten zum Trotz auch kräftig fort.

Sechs Jahre nach Beginn ihrer neu gewonnenen Freiheit hatte sich die Zahl der Herdenmitglieder auf 20 Tiere fast verdreifacht.

Für Wissenschaftlerin Zymaroieva ist das ein Beleg dafür, dass sich die als Haustiere geborenen Rinder in ein bestehendes Ökosystem eingepasst haben. Dort füllen sie dieselbe ökologische Nische, die einst der Auerochse einnahm, der von Menschen vor Hunderten Jahren ausgerottet wurde.

»Die Tiere haben innerhalb von zehn Jahren ohne menschliche Einflussnahme alle wesentlichen Schlüsselmerkmale entwickelt, die wilde Huftierarten wie Wisente, Wildpferde oder Rothirsche charakterisieren«, sagt die Forscherin. Dazu zählen die Ökologen in einer gerade im Fachjournal »Mammal Research« erschienenen Bilanz ihrer Beobachtungen neben der Fähigkeit, unter natürlichen Bedingungen in einem Ökosystem überleben zu können, auch die Organisation der Gruppe als sozial geschlossene Herde mit klaren Hierarchien und Aufgaben; das gemeinschaftliche Verhalten, wenn es darum geht, Wölfe oder Bärenangriffe abzuwehren; und die physiologische Fähigkeit, die Ernährung mehrfach im Jahr innerhalb kurzer Zeit komplett umzustellen, um sich den Bedingungen der jeweiligen Jahreszeit anzupassen.

»Die Rinder sehen aus wie Kühe aus dem Stall, aber sie erfüllen alle Kriterien für die Definition echter Wildtiere«, sagt Zymaroieva.

Ein Bollwerk gegen Beutegreifer

Besonders eindrucksvoll wird die gelungene Verwandlung in Wildtiere beim Abwehrverhalten gegenüber Wölfen sichtbar. »Sie haben es nie gelernt, aber sie verhalten sich wie Wisente oder andere in Herden lebende Tiere«, beschreibt Zymaroieva: Wenn Wölfe sich ihnen nähern, bilden die Rinder eine Art pyramidenförmige Verteidigungsformation. An der Spitze dieser Pyramide steht ein dominanter Bulle, an beiden Seiten stehen weitere Bullen. Kühe und Kälber befinden sich gut geschützt innerhalb dieses Rings, haben die Forscher beobachtet.

In der Wildnis geborene Tiere geben inzwischen auch im Sozialgefüge den Ton an. Der noch als Haustier geborene und über lange Zeit auch nach der Verwilderung dominante Bulle wurde inzwischen von einem vierjährigen kräftigen Bullen abgelöst, der in der Wildnis geboren wurde. Beim Kampf um die Herrschaft verlor der frühere Leitbulle ein Auge – Zeichen eines erbitterten Kampfes unter wilden Tieren.

Die Wildtierreflexe setzen sich auch dem Menschen gegenüber durch. »Die Tiere fliehen, wenn Menschen sich nähern, oder postieren sich sogar in ihrer Wolfsabwehrstellung«, sagt die ukrainische Ökologin. Nur gelegentlich verrate eines der älteren Tiere noch seine Vergangenheit als Haustier – so wie jene Kuh, die sich den Forscherinnen und Forschern neugierig näherte, deren Proviant witterte und »mit größtem Vergnügen unsere Brote fraß«, erinnert sich Zymaroieva. »Die jüngeren sind dagegen bereits sehr scheu, und dieser Prozess wird sich mit jeder Generation weiter verstärken.«

Über Jahrhunderte sind unseren Hausrindern Eigenschaften angezüchtet worden, die vor allem für den Menschen nützlich sind. Dass sich die Tiere davon zu befreien beginnen, zeigt sich durch die körperliche Umstellung bei weiblichen Tieren. Ihr Nachwuchs kommt nun dann zur Welt, wenn die Nahrung am reichhaltigsten und das Risiko durch Wölfe am geringsten ist.

Der Auerochse lebt

Beobachten die Wissenschaftler ausgerechnet in der Todeszone von Tschernobyl – 800 Kilometer von dem Ort entfernt, an dem im Jahr 1627 der letzte wilde Auerochse geschossen wurde – gerade so etwas wie die Wiedergeburt einer ausgestorben geglaubten Tierart? »Eher eine Wiederentdeckung«, glaubt Jens-Christian Svenning, Direktor des Center for Ecological Dynamics in a Novel Biosphere (ECONOVO) an der dänischen Universität Aarhus.

Wer auf europäische Rinder nur als Nutztiere blicke, übersehe die Tatsache, dass sie genetisch – wenn auch nicht dem Namen nach – zur gleichen Art gehören wie die ausgestorbenen Auerochsen. In gewisser Weise sei dieser große wilde Pflanzenfresser gar nicht ausgestorben, sondern lediglich in Vergessenheit geraten als potenzielles in Europa heimisches Wildtier, sagt Svenning.

Allein auf weiter Flur | Im Sperrgebiet hat sich in der weitgehenden Abwesenheit von Menschen eine ursprüngliche Natur entwickelt, in der sich auch die wiederangesiedelten Przewalski-Pferde wohlfühlen. Trotz der stellenweise hohen Strahlung gedeihen Pflanzen und Tiere in der Sperrzone.

Für den Ökologen sind die Erkenntnisse aus Tschernobyl auch für den Naturschutz in Ländern wie Deutschland oder Dänemark relevant. Unter dem Schlagwort »Rewilding« sollen dort natürliche Ökosysteme wiederhergestellt werden. »Rinder können dabei eine wichtige Rolle spielen«, erklärt Svenning. Denn es waren einst die großen Pflanzenfresser wie Auerochse, Wisent oder Wildpferde, die viele Landschaften durch ihre Bewegung geprägt und gestaltet haben. Bürgert man Tiere wieder ein, die diese ökologische Nische besetzen, profitiert die lokale Artenvielfalt unter Pflanzen, Insekten oder auch Vögeln.

Und dennoch macht sich das ukrainische Expertenteam um die Zukunft der Tschernobyl-Herde Sorgen. Denn die Herde ist binnen kurzer Zeit von 20 auf nur noch 12 Tiere eingebrochen. An mangelnder Anpassungsfähigkeit dürfte das nicht gelegen haben. Viel eher tippen die Fachleute auf den Krieg als Ursache. Dafür spricht jedenfalls die Tatsache, dass der drastische Verlust eines Drittels der Herde mit einem Schlag exakt in die Zeit nach dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine fällt, in dessen Verlauf auch das Gebiet um Tschernobyl zeitweise von russischen Soldaten besetzt war. »Wir können es nicht nachweisen, aber wir glauben, dass sie die Kühe geschlachtet haben, um sie zu essen«, sagt Zymaroieva.

Nun wächst die Gefahr einer genetischen Verarmung durch Inzucht. Um ihr zu begegnen, empfiehlt die Gruppe, weitere Rinder in die neue Wildnis zu entlassen. Damit alle Tiere der Herde auch künftig wohlauf blieben und sie weiter die ökologische Nische der ausgestorbenen Ahnen ausfüllen könnten, müsse darauf geachtet werden, zur Verstärkung nur Tiere auszuwählen, die robust genug seien. Mit dem bestens an die lokalen Gegebenheiten angepassten ukrainischen Graurind stehe schon ein Kandidat bereit.

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  • Quellen
Zhyla, S. et al., Mammal Research 10.1007/s13364–026–00856-y, 2026

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