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Fußball: Ungerechter Höhenvorteil

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Mitte des Jahres sorgte Sepp Blatter – Präsident des Weltfußball-Verbandes Fifa – für starken Unmut in Teilen Lateinamerikas: Er wollte offizielle Länderspiele in Höhen oberhalb von 2500 Metern über dem Meeresspiegel untersagen. Eine medizinische Kommission der FIFA empfahl diese Maßnahme wegen möglicher Gesundheitsgefahren und weil Gästeteams einen Wettbewerbsnachteil durch die Höhenlage hätten. Studien von Patrick McSharry von der Universität Oxford zeigen nun, dass diese Bedenken zutreffen könnten.

Der Mediziner wühlte sich durch die Fußball-Statistiken der letzten hundert Jahre und analysierte die Ergebnisse von 1460 Begegnungen, die in verschiedenen Höhenlagen zehn lateinamerikanischer Länder stattfanden. Ausgewertet wurden Gewinnwahrscheinlichkeit, selbst erzielte und eingefangene Tore sowie die Höhendifferenz zwischen Heimteam und Auswärtsfahrern.

Und tatsächlich litten die reisenden Teams unter dünner Luft: Mannschaften wie Ecuador (kicken oft in Quito auf 2800 Meter Höhe), Bolivien (trägt seine Matches in La Paz in 3700 Meter Höhe aus) oder Mexiko (nutzt immer wieder das Azteken-Stadion seiner Hauptstadt in rund 2300 Metern über dem Meeresspiegel) trafen häufiger und kassierten weniger Tore als ihre keuchenden Gäste. Pro 1000 Meter Differenz zwischen Heimelf und Gastmannschaft wuchs die Tordifferenz um einen halben Treffer, den die Einheimischen auf ihrem Konto verbuchen durften.

Umgerechnet bedeutet dies, dass die Siegeschancen für die Heimmannschaft bei jeweils gleicher Herkunftshöhe nur etwas mehr als fünfzig Prozent beträgt. Muss allerdings Brasilien in Bolivien antreten, steigen die Chancen für die Andenbewohner – gemeinhin eher in der Klasse der Rumpelfüßer angesiedelt – auf 82 Prozent: Sie profitieren von der Kurzatmigkeit ihrer Opponenten, die zudem häufig unter Symptomen der Höhenkrankheit leiden. Das stete Höhentraining verhilft ihnen allerdings auch im Flachland zu einem unsportlichen Vorteil, wie McSharry überraschenderweise herausfand. Zwar können die brasilianischen Ballkünstler dort mit ihren technischen Fähigkeiten brillieren, dennoch bleibt ihre Siegeschance in diesem Vergleich nur minimal auf 21 Prozent an – der konditionelle Vorteil der Höhenbewohner überwiegt.

Um ihre Chance zu wahren, sollten Trainer aus Brasilien oder Argentinien deshalb vor allem auf Spieler setzen, die am wenigsten anfällig gegenüber der Höhenkrankheit sind, empfiehlt McSharry. Nach massiven Protesten der Andenländer setzte die Fifa die Grenze immerhin auf 3000 Meter Höhe. Fraglich bleibt allerdings, warum bislang noch nie eine Mannschaft aus einem Gebirgsland Weltmeister wurde. Selbst Mexiko wurde bei zwei Wettbewerben im eigenen Land niedergekämpft: Weltmeister wurden die Flachländler aus Brasilien und Argentinien. (dl)
21.12.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 21.12.2007

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