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Agrarklimatologie: Unheilvolle Fernbeziehungen

Dieses Christkind kommt zwar auch alle Jahre wieder. Aber wenn es in seiner extremen Form erscheint, hat es stets einen Haufen unangenehmer Überraschungen im Gepäck: brennende Regenwälder auf Borneo, leere Fischernetze vor Peru oder Überschwemmungen im trockenen Südkalifornien. Und das El Niño genannte Phänomen vernichtet Ernten in Afrika und lässt die Menschen dort hungern.
Dürre
Geht alles seinen normalen Gang, blasen kräftige Südostpassate über den tropischen Pazifik vor der südamerikanischen Westküste und treiben das Wasser vor sich her gen Westen. Dann steigt vor den Gestaden Perus und Ecuadors beständig kaltes Wasser auf und bildet den Humboldtstrom. Seine ergiebigen Fischschwärme nähren Myriaden Seevögel sowie zahllose kleine oder große Fischereibetriebe. Doch so fruchtbar das Meer, so unergiebig das trockene Hinterland, denn das unterkühlte Auftriebswasser begünstigt das Absinken von Luftmassen und damit den Aufbau eines stabilen Hochs: Küstenwüsten sind die direkte Folge.

Ganz anders sieht die Situation dagegen auf der anderen Seite des Pazifiks aus: Die Winde drücken hier das warme Wasser gegen die Inselwelten Indonesiens, der Philippinen und Neuguineas. Große Mengen Wasser verdunsten aus dem aufgeheizten Ozean und bringen den Regenwäldern der Archipele ergiebige Niederschläge. Dieses Zusammenspiel aus Hochdruck hier und Tiefdruck dort wird als Walker-Zirkulation bezeichnet und findet nur in einem begrenzten Gebiet beiderseits des Äquators statt.

Afrikanische Maisernten | Wenn El Niño zuschlägt, brechen vor allem im Süden Afrikas die Maisernten ein. Die Ernteverluste können für bis zu zwanzig Millionen Menschen Hungersnöte verursachen.
Stets zu Weihnachten schläft dieser Rhythmus etwas ein, warmes Wasser verdrängt für wenige Wochen seinen kalten Konterpart, die Meeresfauna verändert sich kurzfristig, und Kaltwasserarten werden durch tropischere Arten ersetzt. Wegen dieser Terminierung tauften die lokalen Fischer das Phänomen auf den Namen El Niño – das Christkind. In einem drei- bis siebenjährigen Turnus, der im Ganzen als El Niño-Southern Oscillation (ENSO) bezeichnet wird, nimmt diese Veränderung jedoch extreme Ausmaße an: Die Passate schlafen dauerhaft ein, das kalte Auftriebswasser vor Südamerika wird von warmem Oberflächenwasser überdeckt, und die Walker-Zirkulation verschiebt sich.

Die Folgen sind weltweit ökologisch und ökonomisch zu spüren: In Indonesien oder Australien geraten Brände außer Kontrolle, versengen hunderttausende Hektar Buschland und Regenwald, die Fischerei am Humboldtstrom bricht zusammen, Seevögel verhungern, und im Süden Kaliforniens sowie in den Wüsten Perus und Ecuadors gibt es sintflutartige Niederschläge. Sie begrünen zwar kurzzeitig diese ansonsten trockenen Ländereien, aber verheeren auch die Infrastruktur und kosten Menschenleben. Selbst im entfernten Afrika kann El Niño noch üble Wetterkapriolen und Hungersnöte auslösen.

Welche exakten Auswirkungen ENSO und ihr atlantisches Gegenstück NAO – die Nordatlantische Oszillation als Beschreibung für wechselnde Druckunterschiede zwischen dem Islandtief und dem Azorenhoch – auf die Landwirtschaft Afrikas haben, wollten nun mehrere Wissenschaftler um Leif Christian Stige von der Universität Oslo herausfinden. Deshalb verglichen sie die landwirtschaftlichen Produktionsergebnisse verschiedener Staaten aus allen Teilen des Kontinents mit den entsprechenden Klimadaten der letzten vierzig Jahre. Auf diese Weise wollten die Forscher sehen, ob Schwankungen zwischen den Jahren in den von der Welternährungsorganisation FAO gesammelten Ergebnissen des Mais-, Sorghum-, Hirse- oder Reisanbaus sowie der Viehzucht in einem Zusammenhang mit ENSO oder NAO stehen.

Sorghum | Sorghum dagegen widersteht den klimatischen Unbilden, die El Niño in in weiten Teilen Afrikas auslöst. Nur für das südliche Afrika stellt es auch keine Alternative dar, da die Dürre auch diese Pflanze zu extrem ausfällt.
Bislang gab es derartige Untersuchungen nur auf regionaler Basis, doch die von Stige und seinen Kollegen durchgeführte Analyse erbrachte einen eindeutigen kontinentalen Beweis: In extremen El-Niño-Jahren brechen die Maisernten gerade im Süden Afrikas um zwanzig bis fünfzig Prozent regelrecht ein. Aber auch der Westen des Kontinents bleibt nicht verschont und muss Einbußen bei diesem Getreide sowie bei Hirse und Reis hinnehmen. Und die ohnehin von häufigen Hungersnöten heimgesuchte Sahelzone südlich der Sahara hat bei vielen in Augenschein genommenen Kulturen Verluste zu verkraften. Sorghum und mit Abstrichen Erdnüsse sowie Hirse finden hier jedoch anscheinend gerade in El-Niño-Jahren optimale Wuchsbedingungen vor.

Sorghum und Erdnüsse leiden wiederum unter positiven NAO-Werten, wenn der Druckgegensatz zwischen Azorenhoch und Islandtief besonders stark ausgeprägt ist. Dann fallen die Niederschläge in Nordwest- sowie Südostafrika besonders kärglich aus, und auch im Sahel schrumpfen wieder die Ernten. Von diesen zyklischen Wetterunbilden unbeeindruckt zeigt sich dagegen überwiegend die Viehwirtschaft – obwohl entsprechende Satellitenbildauswertungen den Wissenschaftlern offenbarten, dass die Weiden unter den Klima-Anomalien ebenfalls litten. Stige und sein Team vermuten aber, dass die beteiligten Bevölkerungsgruppen wohl entsprechend flexibel reagieren und entweder ihren Herden zufüttern oder diese in begünstigte Gegenden treiben.

Insgesamt ziehen die Forscher eine negative Ernährungsbilanz, wenn es zu außergewöhnlichen El-Niño-Jahren oder positiven NAO-Abweichungen kommt. Allein die Verluste bei der Maisernte im Süden stürzen zwanzig Millionen Menschen in Hungersnöte; unter den Sorghum-, Reis- oder Kassava-Ausfällen leiden je nach Region und Kulturfrucht zwischen zwei und fünf Millionen Afrikaner. Da viele Klimatologen eine Zunahme extremer El-Niños und anderer Klima-Unbilden wegen des Klimawandels befürchten, könnten sich derartige Probleme zukünftig noch verschärfen.

Stige und seine Kollegen empfehlen daher eine groß angelegte Strategie zur akuten wie langfristigen Aufklärung der afrikanischen Landbevölkerung. Da sich El Niño in der Regel mittelfristig ankündigt, könnten die Bauern entsprechend vorgewarnt und zum zeitweiligen Umstieg auf andere, je nach Ereignis angepasste Anbaufrüchte bewogen werden. Ebenso sollen die Regierungen und Hilfsorganisationen nicht aus der Verantwortung entlassen werden und in weiser Voraussicht entsprechende Notfallvorräte anlegen. Das muss sich jedoch in der harten afrikanischen Realität erst noch durchsetzen – vielleicht ein Wunsch für das richtige Chriskind.

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