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News: Unheilvolles Zusammenspiel

Das große Vergessen der Alzheimer-Patienten kommt auf verschlungenen Wegen. Sind es die Neurofibrillen, welche die Nervenzellen schädigen? Oder lassen die Plaques die Neuronen absterben? Fragen, auf die es nun wohl eine vorläufige Antwort gibt: Die Fibrillen erzeugen die neurodegenerativen Erscheinungen - und die Plaques kurbeln die Entstehung der faserartigen Strukturen an. Ob und in welchem Maße sie selbst auch Nervenzellen zerstören, müssen weitere Experimente noch klären. Eine neue transgene Maus, die als erste beide Krankheitsmerkmale zeigt, dürfte dabei eine große Hilfe sein.
Tau oder beta? Das ist die große Frage für die Erforscher der Alzheimer-Krankheit. Denn die Gehirne der Betroffenen weisen zwei charakteristische Merkmale auf: Sie enthalten zum einen kugelförmige Ablagerungen des beta-Amyloid-Proteins, die so genannten Plaques, sowie zum anderen die Neurofibrillenbündel des Proteins tau. Ob nun aber tau oder beta für den Untergang der Nervenzellen verantwortlich sind, und wie sie gegebenfalls wechselwirken, war für Wissenschaftler bisher immer noch ein Rätsel.

Denn sie standen vor einem grundlegenden Problem. In der ganzen Vielfalt an genetisch veränderten Mäusen, den auch für die Alzheimer-Krankheit beliebten Modellorganismen, gab es keine, die beide Merkmale gleichzeitig aufwies – Plaques wie Neurofibrillen. Denn die Nager, die nur Plaques produzieren, zeigten keine Neurofibrillen und auch kaum neurodegenerative Erscheinungen. Und ihre Artgenossen, die zwar mutiertes tau aufweisen, aber dafür keine Amyloid-Ablagerungen, entwickeln trotzdem neurodegenerative Störungen, was die Rolle der für die Krankheit so charakteristischen Plaques sehr undurchsichtig machte.

Doch nun können Jada Lewis und ihre Kollegen von der Mayo Clinic die erfolgreiche Zucht einer Maus berichten, die tatsächlich beides bildet [1]. Dafür hatten sie die Tiere zwei transgener Abstammungslinien gekreuzt, die jeweils nur eines der beiden Merkmale aufweisen. Allerdings ist das Modell noch nicht ganz perfekt: Bei Alzheimer-Kranken sind die Amyloid-Ablagerungen von schlecht ernährten Nerven umringt, in deren Zellen tau-Knäuel stecken. Bei den Mäusen jedoch fand sich diese Struktur nicht.

Aber sie zeigten, dass die Plaques die Bildung von Neurofibrillen fördern. Denn die Forscher stellten im limbischen System sowie im olfaktorischen Cortex ihrer transgenen Nager deutlich mehr krankhaftes tau-Protein fest als in gleichaltrigen Artgenossen, die zwar auch Neurofibrillen, aber keine Plaques bilden.

Zum selben Ergebnis kommen auch Jürgen Götz von der Universität Zürich und seine Kollegen [2]. Sie arbeiteten mit Mäusen, die nur mutiertes tau-Protein bilden. Als die Forscher den Tieren die krankhaft veränderte Form des beta-Amyloids direkt in den Hippocampus spritzten, stieg die Menge an tau-Fibrillen auf das Fünffache – allerdings nicht am Injektionsort, sondern in der Amygdala, wohin die Nervenzellen des Hippocampus ausstrahlen. Sie ist eine der Gehirnregionen, die bei Alzheimer-Patienten besonders von den Ablagerungen betroffen sind.

Die Resultate bestätigen andere Forschungsergebnisse, wonach die neurodegenerativen Erscheinungen bei der Alzheimer-Krankheit wohl mehr auf die mutierten tau-Proteine als auf Amyloid-Plaques zurückgehen, die jedoch deren Bildung offenbar ankurbeln. Das wirkt sich entscheidend auf die Behandlungsmethoden für Alzheimer-Patienten aus, kommentiert Virginia Lee von der University of Pennsylvania. Denn Medikamente oder gar ein Impfstoff, welche die Amyloid-Ablagerungen verhindern oder wieder beseitigen, bessern womöglich nur den Zustand derjenigen, die noch wenige Neurofibrillen aufweisen. Neue Ansätze sollten sich ihrer Ansicht nach darauf konzentrieren, das Vorgehen gegen die Plaques mit einer Strategie zu verknüpfen, mit der sich auch die Fibrillen beseitigen lassen. Denn die Antwort lautet nun deutlich: nicht oder, sondern beta und tau.

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