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Raumfahrt: "Zurückkehren - und seine Erlebnisse erzählen"

Der deutsche ESA-Astronaut Alexander Gerst fliegt schon Ende Mai zur Raumstation ISS. Zuvor hat er sich jahrelang auf den Start ins All vorbereitet. Im Interview im russischen Sternenstädtchen vor Moskau erzählt er Spektrum.de vom Überlebenstraining im russischen Winter, dem Geist von Juri Gagarin und der Gefahr, lange vor der Mission nachts in ein Lagerfeuer zu rollen.
Bald im All? Kosmonaut Alexander GerstLaden...

Spektrum.de: Herr Dr. Gerst, Sie sind gerade mit Ihrer "Sojus"-Raumkapsel in der kasachischen Steppe gelandet. Wie war’s?

Alexander Gerst: Wir haben überlebt (lacht).

Also alles problemlos?

Nein, im Gegenteil. Während des Flugs hatten wir mit acht simulierten Fehlfunktionen zu kämpfen – vom Druckverlust in einem Modul bis hin zu Problemen mit dem Triebwerk. Letztlich ist es uns aber gelungen, sämtliche Probleme abzuarbeiten und unweit der geplanten Landestelle aufzusetzen.

Kosmonaut Alexander GerstLaden...
Kosmonaut Alexander Gerst | Der deutsche Geophyiker Alexander Gerst (* 3. Mai 1976 in Künzelsau) soll der nächste Deutsche im All sein: Wenn alles nach Plan läuft, wird er im Mai 2014 mit der "Expedition 40" zur Internationalen Raumstation ISS fliegen.

Es war nicht Ihre erste Landung. Seit Jahren simulieren Sie hier, im Gagarin-Kosmonauten-Trainingszentrum vor den Toren Moskaus, bereits einen Flug nach dem anderen. Macht das überhaupt noch Spaß?

Sehr sogar! Ich war schon immer ein Mensch, der Dinge gerne durchdenkt, durchspielt – egal, ob während der Zeit bei der Freiwilligen Feuerwehr in meiner Heimatstadt Künzelsau oder während meiner Geophysik-Exkursionen in der Antarktis. Das Gleiche machen wir hier auch: Ich muss ohne viele Worte wissen, was in einer Situation zu tun ist und wie meine beiden Kollegen reagieren. Von Training zu Training wird das besser.

Am Anfang hat also nicht alles geklappt?

Bei den ersten Trainings ist man zeitlich oft überfordert, vor allem, wenn im Simulator verschiedene Fehler direkt hintereinander eingespielt werden. Nach ein paar Mal weiß man aber, worauf zu achten ist, welche Prioritäten gesetzt werden müssen, was man zunächst weglassen kann. Auch die Crewdynamik entwickelt sich erst nach und nach.

Sie fliegen gemeinsam mit dem russischen Kommandanten Maxim Surajew und dem Amerikaner Reid Wiseman. Stimmt die Chemie?

Auf jeden Fall. Wir unternehmen auch außerhalb des Trainings viel gemeinsam: Langlauf mit Reid, gemeinsames Essen bei Max’ Familie und vieles mehr. Der heutige Tag im Simulator hat mir jedenfalls wieder gezeigt, dass wir als Crew auf dem besten Weg sind, Ende Mai gemeinsam zur ISS zu fliegen.

Seit Herbst 2011 bereiten Sie sich auf diesen Flug vor. Was war der härteste Teil des Trainings?

In drei Monaten ohne Vorkenntnisse Russisch zu lernen.

Nicht das Überlebenstraining im russischen Winter, nicht die Baupläne für die "Sojus"-Kapseln?

Das war auch hart, aber es war etwas völlig anderes. Wenn ich mir eine Schaltung oder ein Schema einprägen muss, dann weiß ich, wann ich fertig bin. Dann habe ich ein Erfolgserlebnis. Bei einer Sprache ist man nie fertig, da geht immer noch mehr. Das macht es so anstrengend.

Für jemanden, der bereits viele Wochen in der Antarktis gezeltet hat, muss sich das Winterüberlebenstraining doch wie ein Spaziergang angefühlt haben…

Sicherlich nicht – und sei es nur, weil wir in der Antarktis vernünftige Kleidung und ein Zelt hatten, während wir hier mit einem dünnen Raumanzug und einem Fallschirm auskommen müssen, aus dem sich ein Tipi bauen lässt. Das war nicht einfach, aber die drei Tage im Wald haben mir gezeigt, dass ich im Notfall auch solch eine Situation überleben kann. Und sie haben geholfen, mich selbst und meine Kollegen besser kennen zu lernen.

Wie das?

In den eisigen Nächten muss ein Crewmitglied stets wach bleiben, das Feuer hüten und darauf achten, dass die schlafenden Kollegen nicht in die Flammen rollen. Man sitzt also dort, sieht die schlummernden Freunde, hört manchmal einen schnarchen, passt auf und gönnt ihnen dadurch etwas Schlaf. Das hat sich sehr gut angefühlt.

Langzeitbesatzung der ISS: Die Kosmonauten Gerst, Surajew und WisemanLaden...
Die Kosmonauten Wiseman, Surajew und Gerst | Der Kosmonaut Gerst (rechts) mit seinen Crewkollegen, dem Russen Maxim Surajew (Mitte) und dem US-Amerikaner Reid Wiseman. Als insgesamt 40. Langzeitbesatzung der Internationalen Raumstation ISS sollen die drei ab Ende Mai bis September 2014 im All bleiben.

Und wie fühlt es sich an, im russischen Trainingszentrum, dem Sternenstädtchen, zu leben und zu arbeiten?

Großartig. Überall sieht und spürt man den Geist von Juri Gagarin.

Wie macht sich der erste Mensch im Weltall heute noch bemerkbar?

Ich trainiere im selben Sportsaal wie einst Gagarin – in der Umkleide steht sogar noch der Spind mit seinen Sachen. Ich schwimme im selben Mosaikschwimmbecken. Ich begegne in der Sauna altgedienten Kosmonauten, die noch immer im Sternenstädtchen wohnen. Für mich ist das ein großartiger Antrieb.

"Blue Dot" haben Sie Ihre Mission getauft, "blauer Punkt". Da schwingt die legendäre Aufnahme der Erde von "Voyager 1" mit und die "Earthrise"-Bilder der "Apollo"-Astronauten. Ist das nicht abgedroschen?

Ganz und gar nicht. Wir dürfen nie vergessen, dass die bemannte Raumfahrt die einmalige Gelegenheit bietet, unseren Planeten aus einer anderen Perspektive zu sehen.

Und die wäre?

Wer einen Schritt zurück macht und die Erde von außen betrachtet, sieht eine Kugel aus Stein, die von einer dünnen Atmosphäre umgeben wird. Die Erde erscheint winzig, zerbrechlich und doch ist sie unser Raumschiff, das mit uns einmal im Jahr um die Sonne reist. Wenn wir die Erde vernachlässigen, wenn wir Kriege führen, wenn wir die Umwelt zerstören, sind wir erledigt. Wir haben nur dieses eine Raumschiff. Genau diese Perspektive will ich mit meiner Mission zurück zur Erde bringen. Genauso wichtig wird es aber sein, mit "Blue Dot" Kinder und Jugendliche von der Raumfahrt zu faszinieren.

Die sollen alle Astronauten werden?

Wenn es ihr Wunsch ist, dann sollten sie es zumindest versuchen. Auf jeden Fall können sie aber Wissenschaftler und Ingenieure werden. Als ich klein war, hat meine Umgebung mich ständig herausgefordert und die Neugier in mir geweckt. Das hat mir enorm geholfen, eine wissenschaftliche Karriere einzuschlagen – und genau das will ich nun an die nächste Generation weitergeben.

Würden Sie eines Tages gerne so weit wegfliegen, dass die Erde tatsächlich nur noch als ein kleiner, blauer Punkt zu erkennen ist?

Keine Frage, welcher Astronaut will das nicht?

Zur Not auch ohne Rückflugticket?

Es entspricht nicht meiner Ethik, Menschen in eine Umgebung zu schicken, die sie nicht kennen, die sie nicht beurteilen können – und ihnen allein aus Kostengründen die Möglichkeit zu nehmen, wieder nach Hause zu fliegen. Außerdem besteht für mich der wichtigste Teil einer Entdeckungsreise darin, zurückzukehren und von seinen Gefühlen, von seinen Erlebnissen zu erzählen.

Was wäre für Sie der Höhepunkt Ihrer eigenen Mission? Ein Außeneinsatz?

Ich würde mich natürlich darüber freuen, auch wenn noch nicht klar ist, ob es während meiner Zeit einen solchen Einsatz geben wird. Als alleinigen Höhepunkt würde ich ihn allerdings nicht bezeichnen, das würde dem Rest der Wissenschaft nicht gerecht werden. Eine Herausforderung wäre solch ein Außeneinsatz aber sicherlich – schon allein, weil Astronauten dabei ihr Können zu 100 Prozent zeigen können und nicht nur zu zehn Prozent.

Das heißt, der Alltag an Bord verläuft eher entspannt?

Zumindest sind die meisten Dinge auf der Raumstation so ausgelegt, dass man nicht an seine Grenzen gehen muss. Andernfalls würde das Risiko, einen Fehler zu machen, deutlich steigen. Die Arbeit im Raumanzug lässt sich dagegen nicht mit einem Bruchteil der Kenntnisse erledigen. Da muss man an die 100-Prozent-Marke rangehen und alles reinstecken, was zuvor trainiert worden ist. Das macht Außeneinsätze zu einer anspruchsvollen Tätigkeit – aber auch zu einer, die einem viel zurückgibt.

Vor sieben Monaten wäre Ihr ESA-Kollege Luca Parmitano während eines Außeneinsatzes fast erstickt, weil sich Wasser in seinem Anzug breitgemacht hatte. Wenn Sie als Astronaut so etwas mitbekommt, sehen Sie die Arbeit dann plötzlich mit anderen Augen?

Wir sind uns bewusst, dass Flüge ins All gefährlicher sind als Autofahren auf der Erde. Und wir wussten schon vor der Sache mit Luca, dass Einsätze im All noch mal riskanter sind. Genau deshalb trainieren wir.

Und es jagt einem keinen Schauer über den Rücken, wenn man sieht, wie der Kollege nach solch einem Zwischenfall sichtlich mitgenommen aus dem Raumanzug befreit werden muss?

Es hätte schiefgehen können, wenn Luca falsch reagiert hätte, aber er hat genau richtig gehandelt. Genau aus solchen Gründen gibt es immer auch einen Plan B und einen Plan C. Das Risiko ist überschaubar und wir sind bereit, es einzugehen. Es ist schließlich keine Lotterie und kein russisches Roulette.

Lieben Sie das Risiko?

Im Gegenteil, ich bin eigentlich ein risikoscheuer Mensch.

Obwohl Sie tauchen und Fallschirm springen? Obwohl Sie während Ihres Studiums auf Vulkane geklettert sind?

Ich bin nie auf einen Vulkan gestiegen, ohne vorher exakt zu analysieren, wie gefährlich das ist, wie häufig Eruptionen sind und welche Gebiete sie betreffen. Wer das nicht tut, lebt nicht lange. Genau das ist auch heute noch meine Arbeitsweise: Ich analysiere Risiken, ich kenne sie und ich gehe sie bewusst ein.

Aber manchmal haben Sie doch auch Angst?

Jeder Mensch kennt Angst. Sie ist ein Gefühl, das aufkommt, wenn man den Eindruck hat, die Kontrolle zu verlieren. Um genau das zu verhindern, bereiten wir uns auf alles vor, was schiefgehen kann. Genau deshalb steigen wir so oft in den Simulator.

Mehr als 100 Experimente stehen während Ihres sechsmonatigen Aufenthalts auf der Raumstation an. Gehen Sie als einziger Wissenschaftler in ihrer Crew anders an solche Aufgaben heran?

Für mich ist das eine große Herausforderung, eine positive Verantwortung. Ich weiß, dass ich der ausführende Arm einer Heerschar von Wissenschaftlern, Ingenieuren, Technikern bin. Mache ich bei einem Experiment einen Fehler, kann das die jahrelange Arbeit einer Forschergruppe ruinieren. Das wäre für mich als Wissenschaftler besonders schlimm, da ich weiß, wie viel Herzblut in so etwas steckt.

Und was würde Ihnen besonders gefallen?

Mir macht es unheimlich viel Spaß, wenn Forscher zu mir kommen und mir erklären: Mit dem, was uns dein Immunsystem im All verrät, können wir eventuell eine Impfung entwickeln, die vielen Menschen auf der Erde helfen würde. Das ist für mich großartig. Genau das gibt mir die Energie, um das manchmal wirklich harte Training durchzustehen.


Offenlegung: Das Interview mit Alexander Gerst im Sternenstädtchen wurde ermöglicht durch eine Einladung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt sowie der Europäischen Raumfahrtagentur ESA, die sich an den Reisekosten beteiligt haben.

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