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Aviäre Influenza: Unter Verdacht

Auch wenn das Wetter noch dagegen spricht: Der Frühling naht unerbittlich - und mit ihm die Zugvögel. Schon wachsen aber ebenso die Bedenken, ob die Tiere nicht eine heimtückische Fracht mitbringen und H5N1 flächendeckend über die Republik streuen. Tote Schwäne und ein toter Habicht auf Rügen nähren diese Befürchtungen.
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Nun ist es so weit: Die Vogelgrippe hat Deutschland erreicht. Nach dem jahrelangen Toben des auch für Menschen potenziell tödlichen Virus H5N1 in ost- und südasiatischen Geflügelbeständen machte sich der Erreger im Sommer letzten Jahres auf den Weg nach Westen. Er erreichte zuerst die Mongolei, Russland und Kasachstan – was noch Monate dauerte – und anschließend die Ukraine, Kroatien, Rumänien und die Osttürkei. Überall wurden Notstandsmaßnahmen verabschiedet und riesige Hühner-, Enten- und Gänsebestände in Ställen und auf Bauernhöfen gekeult.

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Stockenten unter Verdacht | Wildvögel wie diese Stockenten stehen unter dem dringenden Verdacht den Vogelgrippevirus H5N1 zu verbreiten. Sie sterben allerdings sehr schnell selbst daran, was Zweifel an dieser Vermutung auslöst.
In der Türkei kam die Seuchenbekämpfung für vier Menschen allerdings zu spät; sie starben in Krankenhäusern der Region. Seitdem geht es Schlag auf Schlag: Das Virus überquerte die Grenze zum Irak und forderte dort ein weiteres Todesopfer. Gleichzeitig erreichte es Vororte von Istanbul. Dann sprang H5N1 nach Griechenland über und von dort aus nach Italien, Slowenien sowie Österreich, und jetzt trat es erstmalig auch in Deutschland auf: Das Robert-Koch- und das Friedrich-Loeffler-Institut gaben die offizielle Bestätigung heraus, dass in zwei von Touristen am 8. Februar auf Rügen tot aufgefundenen Höckerschwänen (Cygnus olor) sowie einem Habicht (Accipiter gentilis) der Vogelgrippekeim aus Asien nachgewiesen wurde.

Folglich werden landauf, landab Krisenstäbe eingerichtet, und es wächst neuerlich die Besorgnis von Politikern, Landwirten und großen Teilen der restlichen Bevölkerung vor einer großen Epidemie der Seuche. Denn sie könnte nicht nur große wirtschaftliche Schäden verursachen, sondern im schlimmsten Falle auch Menschenleben kosten. Doch was ist tatsächlich dran am misstrauisch beäugten Risiko durch Zugvögel?

Für Wildvögel tödlich

Vorneweg kann jedenfalls eines schon gesagt werden: Bislang gibt es immer noch keinen einzigen nachgewiesenen Fall eines Zugvogels, der das H5N1-Virus oder eine direkte Mutation davon in sich trug, aber nicht daran erkrankte. Zumindest legen das stichprobenartige Untersuchungen von erlegten Wasservögeln nahe. Im Falle des kroatischen Ausbruchs im Oktober 2005 wurden neben den beiden toten H5N1-positiven Schwänen weitere 2000 Proben von wildem und Zuchtgeflügel negativ getestet. Die Vogelgrippe gilt also für Wildvögel immer noch tödlich und schwächt sie soweit, dass sie nicht über lange Distanzen ziehen können – eine weitere Einschleppung des Keims durch Langstreckenzieher etwa aus Nigeria kann also nach dem bisherigen Stand der Dinge eher ausgeschlossen werden.

Franz Bairlein, der Leiter des Instituts für Vogelforschung in Wilhelmshaven, hält die Möglichkeit eines schlummernden H5N1-Viruses im Körper der Schwäne und anderer Wasservögel dennoch nicht für ausgeschlossen. Denn die in Deutschland betroffenen Höckerschwäne gehören nicht zu den klassischen Zugvögeln. Sie bleiben unter normalen Bedingungen standorttreu und legen allenfalls kürzere Strecken zurück – etwa aus dem Bottnischen Meerbusen in der östlichen Ostsee oder dem Baltikum nach Rügen oder aus dem Schwarzmeergebiet und der Türkei gen Süditalien. Auslöser für einen möglichen Wegzug könnte das Zufrieren von Binnengewässern und Meeresbuchten im Osten Europas sein. Allerdings gilt Nordosteuropa nach dem Stand der Dinge als nicht von Vogelgrippe betroffen.

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Zuchtgeflügel am Teich | Das enge Zusammenleben von Zuchtgeflügel und Wildtieren in Ostasien erhöht die Gefahr einer wechselseitigen Übertragung von H5N1, die beide Bestände tödlich trifft.
Womöglich haben sie sich also erst hierzulande infiziert – etwa an anderen Wasservögeln, die sich bereits zuvor an Artgenossen oder Haustieren angesteckt, diese Virenaufnahme aber überlebt haben. Erst der harte Winter in Europa und Nahrungsmangel haben die Schwäne dann derartig geschwächt, dass sie der Krankheit zum Opfer fielen. Der Haken daran: Es gibt nach all den Untersuchungen an Tausenden von Wildvögeln in Europa immer noch keine Anzeichen für ein derartiges stilles Reservoir oder eine entsprechende Mutation des Virus. Deshalb sollten jetzt verstärkt Wildvögel auf das H5N1-Virus untersucht werden, um festzustellen, ob und wie sehr der Erreger in den Tieren verbreitet ist, so Bairlein.

Kontaminierter Dung

Da Wildvögel bislang immer innerhalb von wenigen Tagen an H5N1 sterben, gehen Experten der internationalen Vogelschutzorganisation Birdlife International – die auch Forschungsarbeiten unterstützt – davon aus, dass sich aber zumindest die in Slowenien, Italien und Griechenland gestorbenen Schwäne schon kurz vor ihrem Abflug angesteckt haben. Als möglichen Infektionsherd ziehen die Wissenschaftler mit Hühnerkot gedüngte Wiesen in Betracht – eine in Osteuropa wohl gängige Praxis. Es kann demnach nicht ausgeschlossen werden, dass dabei auch mit Viren kontaminierter Dung ausgebracht wurde, den die Wildvögel dann beim Grasen aufgenommen haben. Deshalb warnt die Welternährungsorganisation FAO auch vor der unsachgemäßen Handhabe von Geflügelmist, da sich Viren darin über Wochen halten können.

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Hühnermarkt in Nigeria | Illegale Einfuhren von Hühnern aus China oder Türkei haben wahrscheinlich den Ausbruch der Vogelgrippe in Nigeria ausgelöst.
Problematisch ist ebenfalls die in Teilen Russlands, der Ukraine, Moldawiens und anderer Staaten Osteuropas gängige Nutzung von Geflügeldung als Fischfutter. Mehrere der von Birdlife International und der Vogelwarte Radolfzell (Max-Planck-Institut für Ornithologie) bislang erfassten Ausbrüche in Europa fanden just an Fischzuchtteichen statt – etwa in Kroatien oder Rumänien, sodass auch diese Möglichkeit der Übertragung nicht ausgeschlossen werden kann.

Von den einheimischen Wasservögeln scheinen dabei gerade Schwäne am anfälligsten für die Vogelgrippe zu sein, denn sie gehörten bei den meisten europäischen Ausbrüchen bislang zu den häufigsten Opfern. Sie scheiden wohl vor und nach ihrem Tod kleine Mengen des Keims aus, ohne dass sich in den nun bekannten Fällen weitere Wildvögel daran angesteckt haben. Auch dies spricht nicht unbedingt für ein stark erhöhtes Risiko durch wilde Enten oder Gänse, die jedoch dennoch ein bekanntes natürliches Reservoir für eine Vielzahl unterschiedlicher Grippenviren sind.

Illegale Geflügeltransporte

Es gibt dazu noch weitere Hinweise, die gegen Zugvögel als gängige fleißige H5N1-Schleudern sprechen. Die meisten Seuchenherde in Russland, Kasachstan und der Mongolei etwa brachen in Geflügelfarmen auf, die entlang wichtiger Fernstraßen und -bahnlinien liegen – eine Einschleppung durch illegale Geflügeltransporte ist daher durchaus wahrscheinlich. Nach dem Auftreten einzelner Vogelgrippefälle in Südkorea und Japan – ausgelöst durch den Import infizierten Entenfleisches – und der folgenden Ausmerzung 2004, sind beide Länder bis heute wieder verschont geblieben. Und dies, obwohl im benachbarten China ständig neue Krisenfälle bekannt werden und die beiden Staaten das Ziel einer Vielzahl an Zugvögeln sind. Vogelgrippefrei sind weiterhin auch noch Australien und Neuseeland, wo sich ebenfalls Millionen von Zugvögeln aus Ostasien und Sibirien im Südsommer einfinden.

Und das erstmalige Auftreten von H5N1 in einem afrikanischen Staat hängt nach Angaben des nigerianischen Agrarministers Adamu Bello auch eher mit illegalen Geflügeleinfuhren zusammen. Seine Behörde hat daher entsprechende Importe aus China oder der Türkei im Verdacht. Bezeichnenderweise brach die Krankheit in Nigeria in einer geschlossenen Legebatterie aus, was nicht über Zugvögel möglich ist: Sie muss also durch Menschen unfreiwillig dort eingeschleppt worden sein. Noch dazu finden gegenwärtig keine Vogelzugbewegungen aus Europa oder Nahost nach Westafrika statt, sodass dieser Weg eigentlich ausgeschlossen werden kann.

Auch wenn also noch immer nicht klar ist, welchen Part die Zugvögel an der Übertragung der Vogelgrippe einnehmen, so stoßen die gegenwärtig eingeleiteten Maßnahmen in Deutschland durchaus auf Zustimmung der Naturschützer. Begrüßt werden vor allem die Einfuhrverbote für Geflügel aus betroffenen Ländern sowie der Bann des Wildvogelhandels. Gleichzeitig warnen die Naturschutzverbände vor panischen Reaktionen beim Auftauchen toter Vögel, denn zum Ende gerader harter Winter steigt die natürliche Sterblichkeit geschwächter Tiere an, ohne dass dies auf die Vogelgrippe zurückzuführen ist.

Auch Franz Bairlein erachtet die Gefahr eines Überspringens der Krankheit von Wildvögeln auf den Menschen als sehr gering: Zu scheu sind die Tiere, als dass es zu entsprechend engen Kontakten kommen könnte. Nur tote oder offensichtlich kranke Vögel sollten nicht unbedacht angefasst werden.
16.02.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 16.02.2006

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