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News: Unterschätzte Giganten

Das Moratorium, das seit 1986 jeglichen kommerziellen Walfang untersagt, beginnt zu wanken. Schließlich hätten sich die Populationen weitgehend erholt, sodass ein begrenzter Fang wieder möglich sei. Doch dieses Argument könnte auf einer völlig falschen Einschätzung frühere Bestände beruhen.
Wale werden durch laute Geräusche in ihrer Kommunikation und Orientierung beeinflusst.
"Mithin halten wir aus all diesen Gründen den Wal in seinen verschiedenen Arten für unsterblich, wie vergänglich er als einzelnes Wesen auch sein mag", glaubte noch Herman Melville, der im Jahr 1851 den gigantischen Meeressäugern mit seinem Roman "Moby Dick" ein literarisches Denkmal setzte. Immerhin widmete er ein ganzes Kapitel seines Meisterwerkes der Frage, ob der Mensch den Wal jemals ausrotten könne. Doch angesicht der schieren Unendlichkeit der Meere erschien das Melville schlicht unvorstellbar.

Mit den damaligen lebensgefährlichen Methoden wäre das auch schwierig gewesen. Doch die Technik hat sich seit Melvilles Zeiten rasant entwickelt; seit den fünfziger Jahren können modernste Fangflotten die Meeresgiganten in jedem Winkel des Ozeans nahezu gefahrlos aufspüren und erlegen. Und so dauerte es nicht lange, bis die Bestände aller Walarten rapide sanken.

Zur Überwachung der schrumpfenden Bestände haben sich im Jahr 1946 die walfangenden Nationen zur Internationalen Walfangkommission (International Whaling Commission, IWC) zusammengeschlossenen, und 1986 haben alle IWC-Mitglieder – mit Ausnahme von Norwegen und Japan – jeglichen kommerziellen Walfang verboten. Das Moratorium soll den bedrängten Walpopulationen die Chance geben, sich so weit zu erholen, dass eine Bejagung wieder möglich ist. Dazu müssten die Bestände mindestens wieder 54 Prozent ihrer Größe vor dem industriellen Walfang erreicht haben.

Und das sei nun geschehen, argumentieren die Vertreter Japans, Norwegens und Islands: Von ursprünglich 20 000 Buckelwale im 19. Jahrhundert sollen heute wieder 10 000 Exemplare im Nordatlantik leben, die Bestände der Finnwale hätten sich von 50 000 wieder auf 56 000 Stück sogar vollständig erholt.

Worauf beruhen diese Zahlen? Sie sind das Ergebnis von Walsichtungen, die entsprechend hochgerechnet werden. Da jedoch das Ausmaß der Weltmeere – wie zu Melvilles Zeiten – immer noch gigantisch ist, bleiben diese Schätzungen mit hohen Fehlerquellen behaftet. Insbesondere die historischen Zahlen, die aus Logbucheintragungen der Walfangkapitäne des 19. Jahrhundert stammen, gelten als unsicher.

Joe Roman und Stephen Palumbi von der Harvard University versuchten daher, die historischen Bestände der Wale des Nordatlantiks auf anderen Wegen zu erschließen. Sie analysierten die mitochondriale DNA von 188 Buckel- (Megaptera novaeangliae), 235 Finn- (Balaenoptera physalis) und 87 Zwergwalen (Balaenoptera acutorostrata). Ihre Idee: Je größer die ursprüngliche Population, desto mehr variiert das Erbgut in den nachfolgenden Generationen. Aufgrund bekannter Generationszeit und abgeschätzter Mutationsrate müssten sich daher die ursprünglichen Populationsgrößen mit den gemessenen Variationen zurückrechnen lassen.

Das Ergebnis lässt bisherige Schätzungen weit hinter sich. Die genetischen Variationen waren so groß, dass nicht 20 000, sondern mehr als das Zehnfache, nämlich 240 000 Buckelwale einst durch die Meere zogen. Auch bei den Finnwalen gehen Roman und Palumbi von weit größeren Beständen aus: 360 000 Stück sollen ihrer Meinung nach vor 150 Jahren im Nordatlantik gelebt haben. Und bei den Zwergwalen sollen es 265 000 Tiere gewesen sein, wovon 149 000 überlebt haben.

Die beiden Forscher sind sich sicher, dass ihre Zahlen der Wahrheit näher kommen. Denn stimmten die bisherigen Abschätzungen, dann müssten Mutationsrate und Generationszeit extrem hoch sein, um die gemessenen Variationen erklären zu können.

Damit wären die Bestände noch weit von der Erholung entfernt. Frühestens in 70 bis 100 Jahren, schätzt Palumbi, dürfte man über die Bejagung von Buckelwalen wieder nachdenken. Bis dahin müssten die Meeressäuger auch weiterhin streng geschützt werden, sodass der majestätische Anblick Moby Dicks erhalten bleibt, den Herman Melville schaudernd fasziniert beschreibt: "Der mächtige Gott offenbarte sich, schwenkte zur Warnung das Banner seiner Fluken, tauchte weg und war verschwunden."

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