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Kommunikation: Unterwassergespräche

Fische sind keineswegs so still, wie man meinen möchte - Unterwassermikrofone offenbaren einen ganz erheblichen lautlichen Meinungsaustausch unter den Flossenträgern. Selbst einzelne Dialekte lassen sich unterscheiden. Und vielleicht nutzen wir Menschen ähnliche Tricks, damit eigenes Geblubber nicht die Ohren verstopft.
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen glücklich mit Ihrer frisch Angetrauten im gemütlichen Heim, da kommt ein anderes Männchen und will Ihnen Weib wie Wohnung streitig machen. Was werden Sie tun? Genau: Ihm gehörig die Meinung sagen und die Tür vor der Nase zuschlagen – es sei denn vielleicht, er ist zwei Köpfe größer als Sie und doppelt so breit.

Nun verlagern wir die Szene unter Wasser: Nemo, inzwischen erwachsen, hat ein heimeliges Anemönchen und ein nettes Weibchen ergattert und erhält ebenfalls unerwünschten Besuch. Nun lassen sich aber die umhüllenden Tentakeln schlecht zuschlagen, und die Meinung zu blubbern, wird wohl ebenfalls schwierig sein, nicht wahr? Von wegen: Im Streit ums traute Territorium schallt es nur so wider von Tschirps und Pops, welche sich die Beteiligten gegenseitig an den Kopf werfen. Wobei eins noch klarzustellen ist: Die Rausschmeißerfunktion übernimmt hier – weil größer – das Weibchen.

Denn Anemonen- oder Clownfische, bekannt für ihren seltsamen Geschlechtswechsel, ihre Orgelpfeifen-WGs und nicht zuletzt den orange-weißen Filmliebling, zeigen eine ganze Reihe von typischen Tönen, wenn sie kämpfen oder aber versuchen, ein Weibchen zu umgarnen. Diese Lautäußerungen sind von Art zu Art durchaus verschieden. Innerhalb einer Art aber sollten sich der eindeutigen Verständigung wegen die Laute schon gleichen. Nur – wie sieht das bei den so wenig reiselustigen Anemonenbewohner aus, deren Verwandte tausende Kilometer entfernt leben? Würde ein madagassischer Amphiprion akallopisos das ablehnende "Pop" seines indonesischen Cousins richtig interpretieren? Oder bedankte er sich mit einem erfreuten "Tschirp" für die gar nicht erfolgte Einladung?

Eric Parmentier von der Universität Liège ging den Fragen mittels Lauschangriff auf den Grund, als er vor Madagaskar als Forschungstaucher absteigen konnte. Vorsichtig schnitt er in der Tiefe von glücklichen Pärchen bewohnte Anemonen ab und setzte sie samt ihren verwirrten, aber treu nachziehenden Bewohnern in eigene Aquarien. Nachdem er seine Mikrofone installiert hatte, sorgte er für ungebetenen Besuch: Ein zweites Pärchen durfte den Entwurzelten Gesellschaft leisten. Die Empörung über die Wohnungskonkurrenten und die wilden Diskussionen über wer-wohnt-wo schlugen sich wie erwartet in wilden Pops und Tschirps nieder. Dann besuchte Parmentier Kollegen im französischen La Rochelle, die in ihrem Labor indonesische Anemonenfische halten, um dort ebenfalls Lauschproben aufzuzeichnen. Schließlich kam der Augenblick der Wahrheit: Würden sich die Schimpfkanonaden gleichen?

Im Prinzip ja – denn natürlich benutzten alle dasselbe Pop-Tschirp-Muster. Doch innerhalb der einzelnen Lautgruppen gab es so erhebliche Unterschiede, dass Bewohner der getrennten Gebiete, obwohl Artgenossen, wohl rechte Kommunikationsschwierigkeiten hätten [1]. Auch bei Fischen gibt es also Dialekte – und damit stellt sich auch die Frage, inwieweit der Artstatus bereits wankt. Denn welche dramatischen Folgen es haben kann, wenn sich Artgenossen nicht mehr verstehen, weil ihr Balz-"Gesang" zu unterschiedlich ist, demonstrieren zahlreiche Vögel, Insekten, Frösche und Säugetiere: Sie zeigen sich nun wählerisch in der Partnerwahl. Ohne gemeinsamen Nachwuchs aber ist er getan, der erste Trennungsschritt auf dem Weg zur eigenen, eigenständigen Art. Wie gut, dass bei der Spezies Mensch zumindest beispielsweise Schwaben und Berliner (setzen Sie ein, wen Sie möchten) trotz möglicher Verständnisschwierigkeiten offenbar keine Probleme bei der Fortpflanzung haben.

Warum Fische übrigens von ihren eigenen, nicht gerade leisen Pop-Tschirps oder sonstigem Knurren, Pfeifen, Summen keinen Hörschaden bekommen und auch während ihrer eigenen Lautäußerung sonstige Geräusche noch wahrnehmen können, haben Andrew Bass von der Cornell-Universität und seine Mitarbeiter aufgeklärt. Sie wählten dafür die bestens geeigneten Bootsmannfische – locken diese in den Sommermonaten Weibchen mit einem Brummen, beschweren sich Hausbootbesitzer gelegentlich über ein unangenehmes Vibrieren ihrer schwimmenden Heime.

Bootsmannfisch | Ein männlicher Bootsmannfisch (Porichthys notatus) über einem Eigelege. Die Graphik zeigt, dass die Nervenimpulse zur Lautproduktion (gelb) exakt synchron sind mit denen der Empfindlichkeitsbegrenzung der Haarzellen.
Nun kontrollieren die Tiere die Lauterzeugung – die Schwimmblase wird durch Muskeln zum Vibrieren gebracht – in derselben Hirnregion wie das Hören. Und als die Forscher nun eben jene Region genauer untersuchten, stellten sie fest, dass exakt in dem Moment, in dem die Muskelzellen ihre Schüttelanweisung erhalten, die lautempfindlichen Haarzellen im Innenohr signalisiert bekommen, sich ein wenig weniger empfindlich zu zeigen. Dieses innere Ohrenzuhalten ist nicht etwa ein Effekt des äußeren Lärms, denn dasselbe Muster trat auf, wenn die Tiere gelähmt waren, also gar nicht brummen konnten [2].

Denselben Mechanismus, so vermuten Bass und seine Kollegen, besitzen womöglich alle lautäußerungsfähigen Wirbeltiere, denn bei ihnen findet sich überall eine direkte Nervenverbindung vom Gehirn ins Innenohr. Wir Menschen zumindest haben sogar noch eine weitere Schutzvorkehrung: Bei Lärm zieht ein Reflex die das Trommelfell aufspannenden Muskeln zusammen und versteift es, sodass die Schallweiterleitung gedämpft wird. Allerdings ist dieser Effekt anfällig für Gewöhnung. Beide Mechanismen aber sind bestimmt nicht dafür verantwortlich, dass aufeinander einbrüllende Rivalen an Wohnungstüren ein Verständnisproblem haben oder gar zu taktiler Kommunikation übergehen.

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