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Unwetteralarm auf den Kanaren: Trockenem Süden drohen gefährliche Sturzfluten

Wegen einer gestörten Zirkulation über der Nordhalbkugel erwarten La Palma, Teneriffa und Gran Canaria historische Überschwemmungen – in Regionen, wo es normalerweise nie regnet. In Deutschland verpassen die außergewöhnlichen Wettermuster dem Frühling einen Rückschlag.
Luftaufnahme einer Küstenstadt mit Stränden und Gebäuden, umgeben von Bergen im Hintergrund. Der Himmel ist bewölkt, und das Meer zeigt verschiedene Blautöne. Die Stadtstruktur ist dicht, mit mehreren Hotels und Wohngebäuden entlang der Küste. Im Vordergrund sind zwei geschützte Buchten mit Sandstränden und Wellenbrechern zu sehen.
Der Süden Teneriffas verdankt seine bei Touristen beliebte Trockenheit den Vulkanbergen im Norden, die Wolken und Regen abhalten. Weil sich die üblichen Strömungsmuster umkehren, könnten die Berge nun für Überschwemmungen sorgen.

Den Kanarischen Inseln steht ein schweres und sehr untypisches Unwetter bevor. Von Freitag an drohen auf den Inseln La Palma, Teneriffa und Gran Canaria extreme Regenfälle, Sturm und starker Seegang mit hohen Wellen. Der spanische Wetterdienst Aemet warnte bereits am Mittwoch vor hohen Regenmengen, Sturzfluten, Erdrutschen und Überschwemmungen. In Teilen Teneriffas, Gran Canarias und La Palma könnten in kurzer Zeit 300 Liter pro Quadratmeter und mehr fallen, hieß es. In den Bergen der Vulkaninseln werden zudem erhebliche Schneemengen erwartet.

Der Grund für das außergewöhnliche Wetterereignis ist das mächtige Tief »Therese«, das sich am 17. März von der Höhenströmung abspaltete, in Richtung Kanaren bewegte und dabei verstärkte. Das Schlechtwettergebiet löst eine westliche bis südwestliche Strömung aus und lenkt mehrere Frontensysteme gegen die Vulkaninseln. Dabei werden Wolken mit sehr feuchter Luft gegen die hohen Berge gepresst – und regelrecht ausgequetscht. Da die Luft in der Höhe über den Kanaren vergleichsweise kalt ist, bilden sich heftige Schauer und Gewitter, die lokal extreme Niederschlagsmengen verursachen.

Die höchsten Regenmengen erwartet der spanische Wetterdienst daher auf den Inseln La Palma, Teneriffa und Gran Canaria. Dort haben die Vulkane, die vom Meeresboden aufragen, hohe Berge gebildet, dort könnten die Starkregenfälle am längsten anhalten. In der zerklüfteten Landschaft mit ihren tief eingeschnittenen Tälern und Schluchten könnten zudem Sturzfluten niedergehen, die in tiefer gelegenen Gebieten schwere Schäden an Straßen und Häusern anrichten. Weniger Regen erwartet der spanische Wetterdienst auf den eher flachen Inseln Fuerteventura und Lanzarote im Nordosten der Kanaren.

Einen heftigen Sturm erwartet auch die Meteorologin Tanja Egerer vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach. Der Extremwetterindex, ein meteorologisches Maß zur Einschätzung außergewöhnlichen Wetters, deute auf ein besonderes Regenereignis hin. Das sich bei den Kanaren eindrehende Tief habe viel Feuchtigkeit geladen, weshalb die Starkregenfälle länger anhielten, sagt Egerer. Weniger gut vorhersagen könne man die eingelagerten Schauer und Gewitter, die sich beim Durchzug der Fronten bilden. Diese konvektiven Gebilde könnten lokal extremen Regen bringen. Die Modelle jedoch tun sich schwer, ihre genaue Lage und Entwicklung abzuschätzen. Das ist der Grund, warum die Wettermodelle bei der Prognose bislang stark voneinander abweichen. Alles in allem ist der genaue Ablauf des Unwetters noch unsicher, teilt auch der spanische Wetterdienst mit. Sicher ist nur: Das Tief wird das ganze Wochenende wüten.

Im Gebirge ist Regen besonders gefährlich

Den heftigsten Regen erwartet das Modell des europäischen Wetterdiensts ECMWF. Dieser Prognose zufolge könnten an der Westseite von La Palma, im Süden Teneriffas und im Süden Gran Canarias bis Sonntagabend 300 bis 500 Liter Regen pro Quadratmeter zusammenkommen. Zum Vergleich: In Berlin fallen in einem Jahr rund 600 Liter. Das Modell berechnet die extrem hohen Werte beständig seit einigen Tagen und ist keineswegs für einen Hang zu Übertreibungen bekannt. Im Gegenteil: Die Modellentwickler des ECMWF gelten mit als die besten der Welt.

Die Lage schon länger im Blick hat der Meteorologe Jörg Kachelmann. Er warnte bereits am Dienstag vor der besonderen Wetterlage und bat darum, von Freitag bis Sonntag auf allen südwestlichen Inseln der Kanaren an einem sicheren Ort zu sein: »Es wird womöglich Regenmengen geben, wie sie seit Menschengedenken nicht gefallen sind in kurzer Zeit«, schrieb er auf X.

Die südlichen Gebiete der Vulkaninseln sind normalerweise völlig trocken, Regen fällt hier kaum. Mehrere Hundert Liter Regen in kurzer Zeit sind immer ein gefährliches Wetterereignis. Das gilt vor allem im Gebirge, wo extreme Regenfälle schwere Sturzfluten auslösen können, die sich in die Täler ergießen.

Ähnlich hohe Regenmengen fielen Ende Oktober 2024 im hügeligen Valencia, bevor eine Sturzflut einen Vorort verwüstete. 236 Menschen kamen ums Leben. Eine im Februar 2026 in »Nature Communications« veröffentlichte Untersuchung ergab, dass in Turis, einer höher gelegenen Gemeinde in der Nähe von Valencia, sogar 772 Liter vom Himmel kamen – und die wärmere Atmosphäre infolge des Klimawandels die Starkregenfälle Ende Oktober 2024 noch verstärkt hatte.

Nicht alle teilen die dramatische Vorhersage

Ganz so schlimm muss es auf den Kanaren nicht kommen. Das ECMWF ist zwar ein sehr gutes Wettermodell, doch nicht alle Modelle sehen die Lage so ernst, nur der britische und der französische Wetterdienst ziehen aktuell mit. Das amerikanische Wettermodell GFS und das Icon-Modell des Deutschen Wetterdienstes hingegen berechnen deutlich geringere Regensummen, noch weniger Regen sehen die KI-Modelle. Das überrascht nicht: KI-Modelle sind häufig noch nicht in der Lage, außergewöhnliche Regenereignisse zu erkennen. Ihre Auflösung sei für Inseln und kleinräumige Gewitter zu schlecht, zudem unterschätzten sie grundsätzlich Extremlösungen, sagt Janek Zimmer, Meteorologe bei kachelmannwetter.com.

Normalerweise sind der Süden Teneriffas und Gran Canarias völlig trocken und sonnig. Die Halbwüsten wurden erst vor 50 Jahren für den Tourismus erschlossen, damals wurden große Wasser- und Stromleitungen in den Süden der Inseln verlegt. Heute sind sie die Hotspots des Massentourismus. Die große Trockenheit im Süden der beiden größten Inseln hat ihre Ursache im vorherrschenden Nordostpassat in diesen Breiten. Der Wind weht normalerweise meistens von Nordosten, deshalb liegen die Südseiten der Inseln im Windschatten der aufragenden Berge. Anrückende Wolken werden an den Nord- und Ostseiten ausgewrungen. Deshalb sind Las Palmas und Santa Cruz öfter in Wolken gehüllt, Regen fällt immer wieder. Anders der Süden: Hier scheint fast immer die Sonne. Doch jetzt kommt der Wind für ein paar Tage von Südwesten.

Das Wetter auf der Nordhalbkugel steht Kopf

Die ungewöhnliche Windrichtung ist eine Folge einer gestörten Zirkulation. Das Wetter ist auf der Nordhalbkugel derzeit wie auf den Kopf gestellt; dort, wo üblicherweise häufig Hochdruckgebiete liegen, haben sich Tiefdruckgebiete eingekringelt. Das Tief über den Kanaren ist wie eingeklemmt. »Ihm bleibt nichts anderes übrig, als an Ort und Stelle zu verharren«, sagt Tanja Egerer vom Deutschen Wetterdienst.

Der Grund für die gestörte Zirkulation könnte auch mit den Vorgängen in der Stratosphäre in diesem Winter zu tun haben. Gleich zweimal kam es zu einer plötzlichen Erwärmung der höheren Luftschicht, die sich auf die Troposphäre auswirkte, unsere Wetterschicht. Die erste Stratosphärenerwärmung ereignete sich zu Winterbeginn, die zweite vor einer Woche. Der ganze Winter war dadurch von blockierenden Hochdruckgebieten geprägt, die Westwinddrift blockiert. Regen und Sturm gab es kaum.

Die Folgen dieser Zirkulation bekommt nächste Woche auch Deutschland zu spüren. Ein kräftiges Hochdruckgebiet über dem Atlantik löst über Mitteleuropa eine Nordströmung aus. Von Skandinavien zieht Kaltluft auf, der Frühling geht auf Talfahrt. Manche Modelle lassen es sogar bis ins Flachland schneien. Der Frühling erlebt einen ersten, heftigen Rückschlag.

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  • Quellen
Calvo-Sancho, C. et al., Nature Communications 10.1038/s41467–026–68929–9, 2026

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