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Stadtfüchse: Nachbarn im roten Pelz

Immer mehr Füchse haben sich in den letzten Jahrzehnten in Städten angesiedelt. Was aber suchen sie dort eigentlich? Warum kommen sie so gut zurecht? Und wie lässt sich das Zusammenleben von Mensch und Tier möglichst konfliktfrei gestalten?
Ein Fuchs liegt schlafend auf einem grauen Dach in einer Stadt, umgeben von grünen Blättern. Die Sonne scheint auf sein rotbraunes Fell, während er entspannt mit geschlossenen Augen ruht. Die Szene vermittelt Ruhe und Naturverbundenheit.
Allein in Berlin leben schätzungsweise mehr als 5000 Füchse – und scheinen sich hier pudelwohl zu fühlen.

Mal streifen sie durch Parks und Gärten, mal eilen sie geschäftig auf dem Bürgersteig entlang oder steigen in einen Bus. Manche stöbern auch in Mülleimern nach Fressbarem oder halten bei Gelegenheit ein Nickerchen auf einer Sonnenliege. In Berlin sind unangemeldete Besucher im roten Pelz sogar schon auf dem Gelände des Bundesnachrichtendienstes, rings um das Kanzleramt und als Zaungäste bei Staatsbesuchen aufgetaucht.

Rotfüchse (Vulpes vulpes) sind nicht nur die am weitesten verbreiteten Raubtiere auf der Erde. Sie sind auch diejenigen, die sich am erfolgreichsten in Städten angesiedelt haben. Schon in den 1930er-Jahren eroberten sie einige Vororte von London, etwa 20 Jahre später entdeckten sie die Vorzüge von Berlin. Und seit den 1980er-Jahren greift der Trend zum Stadtleben in Europa und Asien, Nordamerika und Australien unter Füchsen immer weiter um sich. Kein Wunder also, dass sie im Mittelpunkt zahlreicher wissenschaftlicher Studien stehen. Denn von diesen Verwandten der Hunde lässt sich viel lernen über Anpassungsfähigkeit, verblüffende Verhaltensweisen und die enge Beziehung zwischen Mensch und Tier.

Ungebetener Zuschauer | Rotfuchs bei einem Staatsempfang in Berlin.

Was aber zieht Füchse überhaupt in die Städte? Aus ihrer Sicht sind das attraktive Lebensräume: kein Jagdgewehr weit und breit, dafür reichlich Unterschlupf und Nahrung im Überfluss. Um davon zu profitieren, sind die flexiblen Raubtiere bestens gerüstet. Denn sie kommen in den verschiedensten Umgebungen zurecht und sind auch im Hinblick auf Ernährung nicht wählerisch. Was leicht zugänglich ist und genügend Energie liefert, wird in der Regel verspeist. Das können Früchte oder Insekten, Mäuse oder Regenwürmer sein. Aber ebenso Essensreste von der Straße, Katzenfutter von der Terrasse oder Küchenabfälle vom Kompost.

Ein so vielfältiges Angebot ist allerdings eine Herausforderung. Man weiß schließlich nie genau, was man heute finden wird. Manches sieht vielleicht seltsam aus oder riecht ungewöhnlich. Zudem lässt sich nicht alles auf Anhieb verschlingen. Eventuell steckt die Delikatesse des Tages in einer Verpackung oder unter dem Deckel eines Abfalleimers. Zu lange zögern und überlegen sollte man jedoch auch nicht. Sonst hat die Müllabfuhr den Leckerbissen womöglich schon entsorgt. Daher gelten Mut und Erfindungsreichtum als besonders gute Voraussetzungen für ein erfolgreiches Stadtleben.

In welchem Ausmaß Stadtfüchse diese beiden Eigenschaften besitzen, hat ein Team um Blake Morton von der University of Hull in Großbritannien untersucht. Dazu haben die Forscherinnen und Forscher an mehr als 100 Stellen in England und Schottland Apparate aufgestellt, aus denen die Tiere mit verschiedenen Tricks Futter herausholen konnten. Mal galt es, ein Türchen wegzuschieben, mal an einer Stange zu ziehen oder ein Plastikrohr umzudrehen.

Fast immer nahmen die Füchse die Herausforderung zur Kenntnis, schauten sich die Sache also an oder schnupperten in die jeweilige Richtung. Aber nur in 31 Testgebieten berührten sie den Apparat auch. Und in gerade einmal zwölf Fällen bekamen sie tatsächlich die Leckerbissen heraus. Interessant war dabei der Vergleich zwischen Tieren in der Stadt und auf dem Land. So zeigten sich erstere zwar viel häufiger bereit, an der unbekannten Konstruktion zu zerren, zu lecken oder zu knabbern. Sie kamen dabei jedoch nicht häufiger zum Erfolg. Stadtfüchse sind demnach zwar draufgängerischer, aber nicht unbedingt innovativer als ihre Kollegen auf dem Land. »Nur weil er in der Stadt lebt, ist ein Fuchs nicht zwangsläufig in der Lage, Probleme zu lösen«, resümiert Blake Morton.

Mut und Erfindungsreichtum im Test | Ein Team um Blake Morton hat an mehr als 100 Stellen in England und Schottland Objekte aufgestellt, aus denen die Füchse mit verschiedenen Tricks Futter herausholen konnten. Gelb gestrichelte Pfeile zeigen das erforderliche Verhalten, um an die Belohnungen heranzukommen.

Die Geschichte geht allerdings noch weiter. Denn die Londoner Füchse kamen in dieser Studie viel erfolgreicher an das Futter heran als ihre Artgenossen in anderen Städten. Also hat das Team seine Tests für Mut und Innovation auf 284 Orte ausgedehnt und auch deren Besiedlungsgeschichte analysiert. Dabei kam heraus, dass vor allem die tierischen Bewohner sehr alter Stadtpopulationen wie der von London die Futterapparate erfolgreich überlisteten. Möglicherweise verläuft die Urbanisierung der Füchse also in mehreren Stufen: Zunächst kommt das Draufgängertum, vielleicht erst Jahrzehnte später dann die Innovation. Schließlich bieten Städte eine ganze Menge Futterquellen, die sich mit etwas Wagemut selbst ohne große geistige Verrenkungen nutzen lassen.

Fast Food für Füchse

Aber ist Reineke Fuchs tatsächlich ein so begeisterter Müllschlucker und Resteverwerter, wie das Klischee behauptet? Herausfinden lässt sich das mithilfe einer Isotopenanalyse. Dabei misst man, welche Mengen der unterschiedlich schweren natürlichen Varianten von Kohlenstoff und Stickstoff eine Probe enthält. Diese sogenannten Isotope kommen in verschiedenen Pflanzen und Lebensmitteln jeweils in einem typischen Verhältnis vor. Unter anderem gibt es charakteristische Muster, die Nahrung aus Menschenhand von solcher aus natürlichen Quellen unterscheiden. Als chemischer Fingerabdruck spiegelt sich das dann auch im Gewebe von Tieren wider, die die entsprechende Kost verspeist haben.

Solche Isotopenverhältnisse hat eine Gruppe um Jonathan Fletcher von der Nottingham Trent University in den Schnurrhaaren von 93 Füchsen aus diversen Regionen Großbritanniens analysiert. Die Ergebnisse waren deutlich: Bei Stadtbewohnern bestand die Kost zu mehr als einem Drittel aus Abfällen und anderen Nahrungsmitteln, die der Mensch zur Verfügung gestellt hatte. Auf dem Land waren es gerade einmal sechs Prozent. Weibchen zeigten dabei eine größere Vorliebe für Futter aus Menschenhand als Männchen. Möglicherweise deshalb, weil sie während der Aufzucht des Nachwuchses auf eine optimale Energieversorgung angewiesen sind. Da nehmen sie das üppige Angebot in den Gärten, Parks und Straßen offenbar besonders gern an.

Das heißt aber nicht, dass jeder Fuchs wahllos alles Mögliche in sich hineinstopft. Zu diesem Fazit kommt eine ähnliche Studie, die Fachleute um Carolin Scholz vom Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin und Brandenburg durchgeführt haben. In den Schnurrhaaren der 119 untersuchten Tiere fanden sich zwar die chemischen Fingerabdrücke ganz unterschiedlicher Nahrungsmittel. Für die Art insgesamt stimmt das Bild vom flexiblen Allesfresser also. Doch jedes einzelne Tier hat seine eigenen kulinarischen Gewohnheiten und Vorlieben, an denen es relativ stur festhält. Dabei ernähren sich die Landfüchse abwechslungsreicher. Sie verspeisen sowohl pflanzliche Kost als auch Weichtiere, Insekten und größere Beute. Berlins City-Füchse dagegen folgen dem Trend aus London und fressen zu einem großen Teil weggeworfene Lebensmittel.

Sich darauf zu spezialisieren, scheint durchaus seine Vorteile zu haben. So beginnen Füchse in Warschau etwa zwei Wochen früher im Jahr mit der Familiengründung und bekommen mehr Nachwuchs als ihre Artgenossen auf dem Land. Letzteres liegt offenbar zumindest teilweise an der besseren Ernährungslage.

Andererseits ist der üppige Verzehr von hoch verarbeiteten Lebensmitteln bekanntlich für Menschen nicht gesund. Industrienahrung, die reichlich gesättigte Fettsäuren und Zucker, dafür aber wenig Mikronährstoffe und Ballaststoffe enthält, gilt als Risikofaktor für Übergewicht und allerlei Krankheiten. Was also passiert, wenn die vierbeinigen Großstädter in rauen Mengen Fast Food verspeisen?

»Vermutlich ist das für sie ebenfalls ungesund«, meint Fuchs-Expertin Sophia Kimmig von der Arbeitsgruppe Ecological Novelty an der Freien Universität Berlin. Schließlich weiche die Zusammensetzung dieser Kost stark von dem Nahrungsspektrum ab, an das sich die Tiere im Lauf der Evolution angepasst haben. Allerdings sei die Lebenserwartung von Stadtfüchsen ohnehin nicht sehr hoch. Deshalb hält es die Forscherin für fraglich, ob die ungesunden Leckerbissen sie tatsächlich beeinträchtigen. »Viele bekannte Effekte hoch verarbeiteter Nahrung wirken sich vor allem langfristig aus«, argumentiert die Biologin. »Und ein Fuchs, der mit zwei Jahren überfahren wird, kommt nicht mehr in die Verlegenheit, im Alter verkalkte Gefäße zu entwickeln.«

Autos sind die größte Bedrohung für Stadtfüchse

Wie wahrscheinlich ein Tod im Straßenverkehr für die Tiere ist, weiß Sophia Kimmig aus eigener Anschauung. Jahrelang hat sie das Leben der Berliner und Brandenburger Füchse erforscht. Fast alle Individuen, die sie im Rahmen dieser Untersuchungen mit GPS-Halsbändern ausgerüstet hat, sind früher oder später unter die Räder gekommen. Offenbar haben sie trotz aller Flexibilität und Cleverness noch kein gutes Rezept gegen motorisierte Bedrohungen entwickelt.

Das zeigen schon die Routen, auf denen die Vierbeiner ihre Großstadt durchstreifen. Die beliebtesten Wege führen nämlich nicht etwa durch die Grünanlagen, sondern entlang von Autobahnen und S‑Bahn-Trassen. »Das hat mich gewundert«, sagt Kimmig. »Es wäre ja viel sicherer, wenn sie sich auf Bereiche mit weniger Verkehr konzentrieren würden.« Die Biologin vermutet, dass es den Berliner Füchsen in dieser Hinsicht an Risikobewusstsein fehlt. Vor allem die noch unerfahrenen Jungen können wohl nicht richtig einschätzen, dass die wirklichen Gefahren heutzutage von Autos und Zügen ausgehen und nicht von harmlosen Fußgängern im Park. Die alte Angst vor Jägern auf zwei Beinen sitzt offenbar so tief, dass sie das Verhalten der Tiere bis heute beeinflusst.

»Von den mehr als 5000 Füchsen, die schätzungsweise in Berlin leben, bekommen wir die meisten kaum zu sehen«Sophia Kimmig, Biologin

Angesichts mancher dreister Fuchsrabauken, die überhaupt keine Scheu vor ihren zweibeinigen Nachbarn zu kennen scheinen, ist das ein überraschendes Ergebnis. Doch das Bild von den Draufgängern im roten Pelz wurde offenbar durch eine Minderheit geprägt. »Von den mehr als 5000 Füchsen, die schätzungsweise in Berlin leben, bekommen wir die meisten kaum zu sehen«, so Kimmig. Die Auswertung von Hunderttausenden von GPS-Ortungen zeigt, dass die Tiere Begegnungen mit Menschen tatsächlich eher zu vermeiden versuchen. Auch in Berlin sind sie größtenteils in der Dämmerung oder nachts aktiv und nutzen tagsüber gern Bereiche wie Brachen, Trassen und ruhige Betriebsgelände, in denen sie sich besonders sicher fühlen und in denen sich nur wenige Menschen aufhalten.

Berlin ist eine Insel

Im Vergleich zu einem Landfuchs aus Brandenburg sind die vierbeinigen Berliner allerdings immer noch deutlich toleranter gegenüber Zweibeinern. Und das hat sogar Spuren in ihrem Erbgut hinterlassen. Zu diesem Ergebnis kommt eine genetische Untersuchung, die Sophia Kimmig zusammen mit Kollegen aus Deutschland und Luxemburg durchgeführt hat. Das Team hat Proben von mehr als 370 Füchsen analysiert – und dabei festgestellt, dass sich die Populationen in Berlin und Brandenburg genetisch unterscheiden. Die Hauptstadtfüchse leben offenbar auf einer Art urbaner Insel und haben relativ wenig Kontakt zu denen im Umland.

Woran liegt das? Finden sich im Fuchsgenom immer noch die Spuren der deutschen Teilung? Schließlich hat die Mauer jahrzehntelang nicht nur Menschen, sondern auch Tiere in Ost und West voneinander getrennt. Das könnte zu genetischen Unterschieden zwischen den Stadtfüchsen im Westen und ihren Artgenossen im ländlichen Brandenburg geführt haben. Allerdings ist der Fall der Mauer inzwischen so lange her, dass die beiden Populationen schon längst wieder zu einer einzigen hätten verschmelzen müssen. Aus der Fuchsperspektive gibt es also wohl noch heute Barrieren, die Wanderungen zwischen Berlin und Brandenburg verhindern.

Wie die aussehen könnten, hat die Gruppe um Sophia Kimmig mit Computermodellen simuliert. Demnach gibt es in der Tat physische Hindernisse wie Flüsse oder Gebäude, die einem freien Austausch zwischen Stadt und Land im Weg stehen. »Allerdings ist die Stadtgrenze eine stärkere Barriere als jeder Fluss«, sagt Kimmig. »Damit hatten wir nicht gerechnet.« Selbst wo die letzten Häuser direkt an die Felder grenzen, bleiben die beiden Populationen unter sich. »Was Stadt- und Landfüchse voneinander trennt, sind also weniger die geografischen Hindernisse«, resümiert die Biologin. »Viel wichtiger sind ihre unterschiedlichen Verhaltensweisen.«

So sind die Tiere auf dem Land offenbar nicht sonderlich gut darin, Menschen und deren Aktivitäten in ihrer Nähe auszuhalten. Da setzen sie lieber keine Pfote nach Berlin. Umgekehrt mag ein vierbeiniger Hauptstädter zwar manchmal seine Ruhe haben wollen, aber ein reich gedeckter Tisch ist wohl immer noch attraktiver als eine Auszeit vom Getümmel. Zumal zwei- und vierbeinige Nachbarn recht gut miteinander auskommen können.

Was juckt denn da?

»Voraussetzung ist allerdings, dass man die Tiere nicht füttert«, betont Silke Voigt-Heucke, die sich am IZW mit dem Verhältnis zwischen Menschen und Füchsen beschäftigt. Denn wenn die Raubtiere einmal gelernt haben, unsere Nähe mit Leckerbissen zu assoziieren, verlieren sie jede natürliche Scheu und werden mitunter übergriffig. Die Biologin kennt in Berlin sogar einen Fall, in dem ein solcher Fuchs einen kleinen Hund angegriffen hat. »Wer Füchse füttert, meint es zwar gut«, sagt die Forscherin. »Das schürt aber Konflikte zwischen Mensch und Tier.« Doch solange die Lage nicht durch falsch verstandene Tierliebe eskaliert, lassen sich dafür meist Lösungen finden.

Oft sind dabei allerdings Fachwissen und Kreativität gefragt. So wie im Sommer 2025, als bei den Berliner Behörden ungewöhnliche Hilferufe eingingen: Mehrere Schulen und auch Privatpersonen meldeten einen massiven Flohbefall. Schädlingsbekämpfer behandelten daraufhin die jeweiligen Innenräume, bekamen das Problem aber nicht in den Griff. Zeitweise mussten sogar Schulen geschlossen werden, denn die lästigen Insekten erwiesen sich als äußerst hartnäckig und tauchten immer wieder auf. Christian Kutscher vom Senckenberg Deutschen Entomologischen Institut (SDEI) in Müncheberg wurde zurate gezogen und identifizierte den Verursacher der juckenden Plage als Menschenfloh (Pulex irritans).

»Wer Füchse füttert, meint es zwar gut, schürt aber Konflikte zwischen Mensch und Tier«Silke Voigt-Heucke, Biologin

Trotz des Namens handelt es sich dabei eigentlich um einen Tierfloh, der unter anderem auf Dachsen, Füchsen und Wölfen vorkommt. Anders als der Rest seiner Verwandtschaft muss er aber nicht unbedingt in einem Fell leben, um sich wohlzufühlen. Am weitgehend haarlosen menschlichen Körper kommt er ebenfalls problemlos zurecht. Deshalb war er historisch gesehen der häufigste Floh, der den Menschen befiel. Er hat ihn nicht nur als Blutquelle genutzt, sondern fand in dessen Umgebung auch hervorragende Lebensbedingungen. Im Zeitalter von Staubsaugern, versiegelten Fußböden und Zentralheizungen ist es damit allerdings vorbei. Menschenflöhe sind in Deutschland daher selten geworden. Wo also kam die Berliner Plage plötzlich her?

»Auf dem Gelände einer betroffenen Schule gab es einen Fuchsbau, und es kam der Verdacht auf, dass der Flohbefall damit zu tun haben könnte«, berichtet Silke Voigt-Heucke. »Also hat man uns vom IZW hinzugezogen.« Als sich die Wildtierfachleute die Umgebung des verdächtigen Baus ansahen, waren sie erstaunt: »Man sah dort schon mit bloßem Auge massenhaft Flöhe«, erinnert sich die Forscherin. »Je näher man dem Bau kam, umso mehr sprangen einem an die Beine.« Ähnlich sah es auch an anderen Stellen aus. »Manche Leute konnten deswegen ihren Garten gar nicht mehr nutzen«, sagt Silke Voigt-Heucke. »Dass die Füchse solche Mengen davon mit sich herumtragen, hat uns überrascht.« In Deutschland sei die Art eigentlich kein klassischer Fuchsbewohner.

Die Taskforce des Leibniz-IZW im Einsatz | Die Forscher prüfen Fuchsbauten in Berlin auf Flohbefall.

Die Biologin koordiniert inzwischen eine Taskforce zum Thema Fuchs und Floh, die das IZW zusammen mit dem Berliner Senat und dem Entomologischen Institut in Müncheberg auf die Beine gestellt hat. In einer Pressemeldung des IZW wird als Ziel genannt, die Übertragung der Plagegeister von Wildtieren auf Menschen besser zu verstehen und Strategien zur Eindämmung zu entwickeln. Im Rahmen des vom Senat geförderten Projekts »Wildtiernah Berlin« haben die Experten dazu ein Informationsblatt erstellt und ein Beratungstelefon für Betroffene eingerichtet.

Dort haben bereits mehr als 80 Berlinerinnen und Berliner angerufen, die einen Zusammenhang zwischen Fuchsbauten und Flohbefall beobachteten. Weitere Untersuchungen am Entomologischen Institut bestätigten, dass es sich bei den meisten der Parasiten um Menschenflöhe handelte. Zwar übertragen sie nach derzeitigem Wissen wahrscheinlich keine Krankheiten. Sicherheitshalber sollen die Insekten aber auf mögliche Erreger getestet werden. »Außerdem würden wir gern Füchse in ganz Berlin auf Flöhe untersuchen, um einen besseren Überblick über das Geschehen zu bekommen«, sagt die Biologin. So will das Team nicht nur herausfinden, was hinter dem ungewöhnlichen Phänomen steckt, sondern auch, was sich dagegen tun lässt.

Ein Freund und Helfer

»Die Füchse können jedenfalls nichts dafür, sie leiden ja selbst unter dem Befall«, betont Silke Voigt-Heucke. Davon abgesehen bringe es nichts, sie zu vertreiben oder zu töten. Denn die Jugendstadien der Flöhe leben nicht nur im Fell ihrer Wirte, sondern auch im Boden. Verschwindet ihr Gastgeber, suchen sie sich einfach einen neuen. Das können andere Wildtiere, Haustiere oder Menschen sein. »Dadurch kann sich das Problem vor Ort sogar noch verschärfen«, erklärt die Biologin. Und wenn sich ein vertriebener Fuchs mitsamt seinen stechenden Passagieren woanders ansiedelt, breiten diese sich noch weiter aus.

»Viel sinnvoller ist es dagegen, die Füchse als Freunde und Helfer zu rekrutieren«, erklärt die Forscherin. Das haben sie und ihr Team im vergangenen Sommer bereits erfolgreich getestet. Dazu haben sie an den jeweiligen Bauten Köder mit Anti-Floh-Mitteln ausgelegt. Wenn ein Fuchs die gefressen hat, ist er ein paar Monate lang gegen die Plagegeister geschützt. Alle Flöhe, die ihn stechen, sterben bald. Damit ist nicht nur ihm selbst geholfen. Solche Tiere erwiesen sich als echte Menschenfloh-Magnete, die auch den aus dem Boden krabbelnden Nachwuchs erfolgreich aus dem Verkehr zogen. »Solange der behandelte Fuchs auf dem Schulgelände unterwegs war, hat das wunderbar funktioniert«, berichtet Silke Voigt-Heucke. »Nach einer Woche hatten wir das Problem im Griff.« Im kommenden Sommer soll das Ganze wiederholt werden.

Sämtliche Rotfüchse Berlins dauerhaft mit Flohmitteln zu schützen, ist allerdings keine Lösung. Denn das wäre einerseits sehr aufwendig und hätte andererseits unerwünschte Nebenwirkungen. Schließlich töten die Präparate nicht nur die angepeilten Parasiten, sondern auch andere Insekten. »Deshalb muss sich die Behandlung ganz gezielt dort konzentrieren, wo viele Menschen betroffen sind«, erklärt die Expertin. Dadurch lässt sich verhindern, dass immer mehr blinde Passagiere aus Schulen, Kitas oder Freilufttheatern in die Wohnungen reisen und sich weiterverbreiten. »Wir wollen eine Strategie entwickeln, wie Menschen und Füchse gut zusammenleben können«, sagt die Biologin. Und das kann ihrer Einschätzung nach gut klappen.

»Wir wollen eine Strategie entwickeln, wie Menschen und Füchse gut zusammenleben können«Silke Voigt-Heucke, Biologin

Zumal Füchse heutzutage ein recht gutes Image haben. So treten sie in vielen Kindergeschichten als listige, aber durchaus charismatische Helden auf. Und auch viele Erwachsene beschreiben sie als schön, clever oder süß. Bei manchen Menschen gelten sie allerdings als Hühnerdiebe und Krankheitsüberträger, die überall Chaos anrichten. Ein Team um Sophia Kimmig hat untersucht, wovon diese Einstellung abhängt. Dazu wurden 2646 repräsentativ ausgewählte Deutsche gefragt, was sie über Füchse wussten, welches Verhältnis sie zu ihnen hatten und ob sie die Tiere als Risiko wahrnahmen.

Wie jemand darauf antwortet, hängt offenbar von einer ganzen Reihe von Faktoren ab. Deutlich wird das etwa bei der Frage, ob von Füchsen Gefahren wie eine Übertragung von Tollwut oder Fuchsbandwürmern ausgeht. Beide Risiken sind gering, Deutschland gilt seit 2008 als frei von klassischer Tollwut, und beim Fuchsbandwurm werden hierzulande 40 bis 50 Fälle pro Jahr gemeldet. Frauen, Ältere und Menschen aus ländlichen Gegenden bejahten die Frage häufiger als Männer, Jüngere und Städter. Auch eine geringere Bildung und weniger Zufriedenheit im Leben führten zu einem höheren Risikoempfinden. Generell aber kamen die Füchse in dieser Untersuchung durchaus gut weg.

Eine ähnlich positive Einstellung bescheinigte Blake Morton der Bevölkerung in Großbritannien. Er und sein Team hatten einer Gruppe von Menschen Videos oder Pressemitteilungen über draufgängerische Füchse gezeigt, die andere Hälfte bekam neutrale Informationen zur Ökologie der Tiere. Anschließend füllten alle einen Online-Fragebogen aus. Das Ergebnis war deutlich: Mehr als 80 Prozent der Leute ließen sich selbst durch Berichte über dreistes Verhalten nicht von ihrer positiven Einstellung abbringen. »Füchse werden zwar durchaus als unverschämt und gerissen wahrgenommen«, resümiert der Forscher. »Aber wir scheinen sie trotzdem zu lieben.«

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  • Quellen

Fletcher, J. et al., Ecology and Evolution 10.1002/ece3.70844, 2025

Kimmig, S. et al., Molecular Ecology 10.1111/mec.15345, 2019

Morton, B. et al., Animal Behaviour 10.1016/j.anbehav.2023.07.003, 2023

Scholz, C. et al., Ecology and Evolution 10.1002/ece3.6584, 2020

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