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Frühe Tage der Gattung Homo: Urmenschen waren primitiver als gedacht

Zwei Jahrmillionen alte Kieferknochen – der eine gerade erst entdeckt, der andere schon seit 50 Jahren bekannt – liefern neue Einblicke in die menschliche Evolution.
2,8 Millionen Jahre alter KieferknochenLaden...

Knochenfunde aus den frühen Tagen der Gattung Homo vor schätzungsweise zweieinhalb bis drei Millionen Jahren sind rar. Der Ursprung der menschlichen Abstammungslinie gibt Forschern daher bis heute noch so manches Rätsel auf. Neue Einblicke in dieses Kapitel der Menschheitsgeschichte bieten nun drei Studien, die in den Fachmagazinen "Science" und "Nature" erschienen sind.

Die Arbeit von Fred Spoor vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und seinen Kollegen wirft dabei zunächst ein neues Licht auf den Homo habilis, der zu den ältesten Vertretern der Gattung Homo zählt. Homo habilis wurde erstmals 1964 beschrieben, als Typusexemplar gilt das Fossil OH 7 bestehend aus Unterkiefer, Teilen der Schädeldecke und Handknochen, die Wissenschaftler in rund 1,8 Millionen Jahre alten Gesteinsschichten in der Olduvai-Schlucht im Norden Tansanias entdeckten. Der Kiefer ist dabei allerdings so stark verzogen, dass Forschern der Vergleich mit anderen Knochenfunden in den vergangenen Jahrzehnten schwerfiel.

Rekonstruierter Schädel von OH 7Laden...
Rekonstruierter Schädel von OH 7 | Die transparenten Teile basieren auf dem Schädel des Fossils KNM-ER 1813 aus Kenia, der am Computer so verändert wurde, dass er zum Fossil OH 7 passt.

Spoor und seinem Team ist es nun gelungen, mit Hilfe von CT-Scans die Fundstücke zu digitalisieren und so den Schädel von OH 7 am Computer zu rekonstruieren. Dabei entdeckten sie, dass Homo habilis aus anatomischer Sicht offenbar noch primitiver war, als man bisher angenommen hatte. So ähnelt der Unterkiefer in seiner ursprünglichen Form mit seiner langen und engen Zahnreihe eher dem Kiefer von Vertretern der wesentlich älteren Art Australopithecus afarensis mit ihren teils affen-, teils menschenähnlichen Merkmalen als etwa dem des Homo erectus. Anders sah es dagegen im Hinblick auf das Gehirnvolumen aus: Hier galt der Homo habilis bisher als das Schlusslicht der Gattung Homo, die Schädelrekonstruktion lässt nun aber vermuten, dass er im Hinblick auf seine grauen Zellen wohl doch mit dem Homo erectus mithalten konnte.

Alles in allem untermauern die Ergebnisse der Forscher damit die Theorie, dass vor 2,1 bis 1,6 Millionen Jahren drei verschiedene Frühmenschenarten nebeneinander existierten, Homo habilis, Homo erectus und Homo rudolfensis. Das herausragende Merkmal, das die drei Arten voneinander unterscheidet, war dabei offenbar nicht wie bislang vermutet das Gehirnvolumen, sondern die Gestalt des Unterkiefers. Der Vergleich mit anderen Knochenfunden offenbarte zudem, dass die Wurzeln des Homo habilis mit 2,3 Millionen Jahren weiter zurückreichen als bisher angenommen.

Auf einen noch früheren Ursprung der Gattung Homo deuten derweil Teile eines fossilen Unterkiefers hin, den Wissenschaftler bereits 2013 in Ledi-Geraru in Äthiopien entdeckten. Ein internationales Team um Erin DiMaggio von der Pennsylvania State University datierte die Mandibula nun auf ein Alter von rund 2,8 Millionen Jahren – rund 400 000 Jahre älter als die bis dato frühsten Funde von Vertretern der Gattung Homo. Im Hinblick auf die schmalen Backenzähne und die gleichmäßige Form entspricht der Kiefer dem der Urmenschen wie Homo habilis, während das abfallende Kinn eher Australopithecus ähnelt.

Die Knochen könnten damit möglicherweise einem Vorfahren von Homo habilis und anderen Vertretern der Gattung Homo gehört haben, glauben die Forscher. Dieser wäre dann sozusagen das evolutionäre Bindeglied zwischen dem Homo habilis und Australopithecus afarensis.

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