Neurodiversität: Bei Autismus ist das Nervensystem ständig in Alarm

Sogenannte Meltdowns sind heftige emotionale Reaktionen, die bei Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen auftreten. Rund zwei Drittel aller Betroffenen zeigen dieses Verhalten. Werden sie von zu vielen Sinneseindrücken gleichzeitig oder von starken Gefühlen überwältigt, folgen Ausbrüche von Frustration und Wut.
Ein britisch-amerikanisches Forscherteam um Paul Soden von der Cornell University hat nun erstmals ein umfassendes Erklärungsmodell dafür vorgelegt. Demnach entstehen Meltdowns vor allem durch zwei Prozesse: eine erhöhte Grundanspannung und eine Überreaktion auf eigentlich harmlose Reize.
Eine zentrale Rolle spielt die Insula. Diese tief im Gehirn gelegene Struktur integriert Körpersignale, Sinneseindrücke und Kontextinformationen. So hilft sie dabei, Situationen als sicher beziehungsweise bedrohlich einzustufen. Bei autistischen Menschen ist die Kommunikation innerhalb der Insula gestört, so die Forschenden. Zudem ist die Region möglicherweise schwächer mit anderen Hirnregionen verbunden.
Daraus resultiert ein permanenter Anspannungszustand mit erhöhter Herzfrequenz und Kampf-oder-Flucht-Bereitschaft. Neutrale Details wie Geräusche oder Licht erreichen die Insula ungefiltert und werden als bedrohlich interpretiert. Dagegen können Sicherheitssignale wie ein freundliches Lächeln den aufkommenden Stress nicht mehr ausreichend dämpfen.
Meltdowns beruhen demnach auf schnellen, automatischen Prozessen – es handle sich mitnichten um eine bewusste Strategie oder schlicht Trotz, wie das Team betont. Neue Therapieansätze könnten ein frühes Interozeptionstraining umfassen: eine unmittelbare Rückmeldung körperlicher Veränderungen per Biofeedback. Das helfe den Betroffenen womöglich, ihre Körpersignale besser wahrzunehmen und einzuordnen und so auch Stressreaktionen besser zu regulieren.
Menschen mit Autismus oder autistische Menschen – wie heißt es richtig?
Die beiden großen internationalen Diagnosemanuale (DSM und ICD) zählen alle autistischen Störungen zu den Autismus-Spektrum-Störungen. Der Kürze wegen ist aber oft nur von Autismus die Rede. Doch auch der offizielle Begriff ist umstritten, weil er Autismus als Störung definiert. Viele Betroffene argumentieren, Autismus sei eine Variante in der Funktionsweise des Gehirns, und bezeichnen sich als neurodivers. Manche bevorzugen dagegen Autist oder Autistin, andere wiederum Mensch mit Autismus-Spektrum-Störung. Die Vorlieben können sich auch von Land zu Land unterscheiden. Der Selbsthilfeverband Autismus Deutschland e.V. verwendet viele verschiedene Begriffe, zum Beispiel Autisten, Autist:innen, Menschen mit Autismus und autistische Kinder. Dem schließen wir uns an: Spektrum der Wissenschaft wechselt mehrere Begriffe ab, wie auch beim Gendern. So schreiben wir der Kürze halber in der Überschrift häufig nur Autisten, in längeren Texten auch Autistinnen und Autisten oder Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung.
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