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Wildtiermanagement: Ursus ante portas

Braunbär Bruno kam, wurde gesehen, und siegte dauerhaft - wenigstens im Gedächtnis vieler Menschen. Ein gezielter Schuss beendete jäh sein Leben, durch das hallende Medienecho drängt sich aber eine zentrale Frage auf: Gibt es in unserer Zivilisationslandschaft noch Platz und Toleranz genug für ein Zusammenleben zwischen Beutegreifern und Menschen?
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Unsichere Zukunft: Bären in Mitteleuropa | Im Gegensatz zu den heimlichen Wölfen und Luchsen fiel der erste Braunbär auf deutschem Boden seit 170 Jahren eher negativ auf: "Bruno", so sein Name, plünderte Bienenstöcke, riss Schafe und zeigte auch vor Dörfern keine übermäßige Scheu.
Früher waren sie einfach da: Bär, Wolf und Geier – alle drei gefürchtete Beutegreifer und Konkurrenten des Menschen um Lebensraum und Nahrung. Verleumdet als Kindesmörder und Nutztierräuber beschränkte sich das Artenmanagement unserer Vorfahren auf schlicht zwei Maxime: Töten und Vertreiben. Damit und wegen der kontinuierlichen Verknappung von Wildnis durch den wirtschaftenden Menschen gelang ihre – und etlicher Großsäuger und Vögel mehr – endgültige Ausrottung in Mitteleuropa bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Bissige Haushunde schufen fortan größere Probleme als etwa die gelegentliche Begegnung mit einem Wildschwein im Wald. Problem erledigt?

Bärenbande

Nicht ganz: Die Braunbären (Ursus arctos) zumindest lebten die ganze Zeit im heutigen Slowenien weiter, bis 1973 ein Männchen in Niederösterreich einwanderte. Das scheue Einzeltier fiel kaum auf und konnte sich etablieren. Und da sich mittlerweile die menschliche Wahrnehmung gegenüber "Raubtieren" geändert hatte, wilderte man zwischen 1989 und 1993 drei weitere Bären in Österreichs Alpen aus. Bis heute kamen in der Steiermark und in Kärnten etwa zwanzig Jungtiere zur Welt. Und die Bedingungen für ihr Überleben sind gut: Immer mehr Forst- und Weidewirtschaft wird in weiten Gebieten aufgegeben, die Bergwälder rücken wieder vor. Der Allesfresser Bär profitiert vom reichen Beeren- und Samenangebot und rundet seine Kost durch Aas oder Schlagen von Jungtieren ab.

Nach mehreren Jahren friedlichen Zusammenlebens von Mensch und Bär wurde 1994 jedoch zu einem "Problembärenjahr" in Österreich und verschiedene Tiere mussten erschossen werden – etwa weil sie wenig Scheu vor Menschen zeigten. So genannte "Bärenanwälte" vermitteln deshalb jetzt in der Alpenrepublik als Teil eines 1996 entwickelten Bärenmanagementplans zwischen Tier und Mensch und sind besonders für Problemlösungen vor Ort zuständig. Ein Schwerpunkt des Plans gilt dem Umgang mit zutraulichen Exemplaren, sodass Schwierigkeiten seitdem meist auf regionaler Ebene geklärt werden konnten – so gut, dass eine Revision des Planes mit neuen Schwerpunkten geplant ist.

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Wölfe bald auch in Bayern? | Vielleicht leben bald auch wieder Wölfe im bayerischen Grenzland: Immer wieder streunen Einzeltiere aus dem benachbarten Tschechien hinüber in den Freistaat, wo sie aber zumeist noch – illegalerweise – abgeschossen werden.
In der Schweiz wurde dagegen von einigen Kantonen bereits nach dem ersten bloßen Auftauchen eines Bären in Graubünden 2005 die Befugnis zum Abschuss gefordert, wenn das Tier als ernsthafte Bedrohung wahrgenommen wird oder gar Menschen verletzt oder tötet. Als hätte er es geahnt, trollte sich der unwillkommene Grenzgänger bald wieder in seine Heimat Italien zurück, obwohl er bis jetzt durch schweizerisches Gesetz und die 1979 unterzeichnete Berner Konvention zum Schutz gefährdeter Arten und Lebensräume in Europa geschützt ist. Ein Konzept zum Umgang mit Meister Petz haben die Schweizer allerdings seit kurzem auch.

"Es ist wichtig, die Bevölkerung gründlich zu informieren", sagt Joanna Schönenberger vom WWF Schweiz dazu. "Wird das wilde Tier etwa gefüttert, verliert es seine angeborene Scheu vor Menschen und sucht auch bewohnte Gebiete auf, wo es Nahrung zu finden hofft". So jüngst zu beobachten bei Bruno, der zwar offiziell nie gefüttert wurde, aber etlichen Nutztierrisse auf dem Kerbholz hatte und offensichtlich immer geringere Scheu vor Menschen an den Tag legte. Wäre das gut gegangen, mit Bruno auf Du und Du? Nein, sagen die Experten. Eher früher als später hätte es wahrscheinlich einen unerfreulichen Zusammenstoß gegeben – nicht zuletzt auch weil die Bevölkerung während der letzten 170 bärenfreien Jahre längst den Umgang mit ihnen verlernt hat und erschreckend furchtlos und naiv auf den Beutegreifer zugegangen ist.

Schlechte Aussichten für Brunos Verwandte, die sicherlich aus Italien oder Österreich kommen werden. Die deutschen Alpen sind schließlich nicht so menschenleer wie weite Teile der Steiermark und Kärnten: Nutztiere werden heute sorglos gehütet, Touristen und Freizeitsportler dringen bis in die letzten unberührten Ecken vor. Bären brauchen aber große Reviere und ungestörte Plätzchen für die Jungenaufzucht und den Winterschlaf. Auch scheue Exemplare werden schnell lernen, wie einfach man unbeaufsichtigtes Vieh auf der Weide reißen kann oder wie lecker der Inhalt eines Wanderrucksackes schmeckt – Konflikte sind also vorprogrammiert. Als Teil des großartigen Natur- und Kulturerbes der Alpen sollten die dickfelligen Rückkehrer dennoch auf jeden Fall willkommen sein. Um ein zweites Chaos wie um Bruno zu vermeiden, erscheinen deshalb umfassende Aufklärungsarbeit und ein schlüssiges Konzept hierzulande dringend notwendig.

Wolfspack

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Zurück in den Alpen: Der Bartgeier | Der Bartgeier trägt seinen Namen dank der borstigen Federn, die über seinen Schnabel hängen.
Die Öffnung des eisernen Vorhangs wiederum hat ein anderer Beutegreifer für die Rückkehr genutzt: Auf leisen Pfoten ist der Wolf (Canis lupus) von Polen aus in Sachsen wieder eingewandert. Ein Truppenübungsplatz der Bundeswehr in der Oberlausitz ist heute Heimat für das erste deutsche Wolfsrudel seit 150 Jahren. Diese Wölfe sind echte Wildtiere, nachtaktiv und mit einer gesunden Scheu vor Menschen und Zivilisation. Die sächsische und brandenburgische Bevölkerung nimmt die neue Nachbarschaft trotzdem mit gemischten Gefühlen auf. Jäger erhielten bereits Geldstrafen für illegale Abschüsse.

Noch ist das menschenleere und militärisch bewachte Areal des Übungsplatzes sicherer Boden für Isegrim. Aber: Wölfe sind Opportunisten. "Sie brauchen nur zwei Sachen zum Überleben" sagt der Wolfsforscher Christoph Promberger, "ausreichend Nahrung und die Sicherheit, nicht vom Menschen abgeschossen zu werden." Deshalb werden besonders Jungwölfe versuchen, neue Reviere zu erobern. In einem benachbarten stillgelegten Tagebaugebiet wurden bereits Exemplare gesichtet. Der Fund einer überfahrenen Wölfin am Rande einer Straße und zahlreiche Beobachtungen beweisen, dass die Tiere Verkehrsadern überqueren und zur Futterbeschaffung nutzen.

Nach einigen Zwischenfällen betreibt die Naturschutzbehörde Sachsen in Zusammenarbeit mit Wildbiologen heute mit Erfolg eine intensive Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit. Maßnahmen wie Elektroschutzzäune und Herdenschutzhunde ließen Nutztierrisse fast verschwinden. Und nicht zuletzt das positive Medienecho bietet eine echte Überlebenschance für die Einwanderer.

In Rumänien, Italien und Spanien leben Wölfe heute schon inmitten der Kulturlandschaft, meist vom Menschen unbemerkt oder mit Hunden verwechselt. Die italienischen "Spaghettiwölfe" der Vororte Roms ernähren sich von Nudelresten. Direkt am Stadtrand der rumänischen Großstadt Brazov ziehen Wölfe ihre Jungen groß. Sollte Isegrim den Weg auch in die deutsche Hauptstadt wagen, darf man auf die Begrüßung gespannt sein. Buletten gäbe es jedenfalls genug.

Knochenbrecher Lämmergeier

Deutlich länger – seit rund 27 Jahren – zieht der Bartgeier (Gypaetus barbatus) wieder seine Kreise über seinem angestammten Lebensraum. Zum Ende des 19. Jahrhunderts komplett im gesamten Alpenraum ausgerottet, schaffte die größte heimische Geierart die Rückkehr aber nur mit Hilfe des Menschen: Mit einem Brutpaar des Alpenzoos Innsbruck begann die Nachzucht zur Wiederansiedlung 1978. "Zur Zeit zählen wir 135 freilebende Geier", berichtet Dagmar Andres-Brümmer von der Zoologischen Gesellschaft in Frankfurt, einer der Hauptsponsoren des Projektes, "27 Junggeier flogen bis jetzt in Freiheit aus".

Als Aasfresser benötigen die Vögel eine hohe Säugetierdichte in ihrem Revier damit viele Kadaver anfallen: Nutztiere gibt es mit der Ausnahme von Ziegen genau so viele wie zum Zeitpunkt ihrer Ausrottung – wenn nicht mehr. Und Wildtiere wie Hirsch, Reh und Gämsen kommen heute wieder deutlich häufiger als vor hundert Jahren vor. Die Chancen für das eigenständige Überleben nach Projektende sind daher gut. Seinen Beinamen "Knochenbrecher" trägt der Vogel übrigens zurecht: Knochen machen bis zu 90 Prozent der Nahrung aus. Zu große Stücke lässt er aus großer Höhe so lange auf Felsen fallen, bis sie zerbrechen. Dagegen ist der Ruf als Lämmerräuber unberechtigt. Die Gewohnheit, große Stücke Aas mit den Fängen wegzuschleppen, hat ihm diesen üblen Leumund eingebracht.

Auch hier hat intensive Aufklärungsarbeit über die Lebensgewohnheiten wesentlich dazu beigetragen, dass die Vögel heute nicht mehr als Bedrohung empfunden werden. Menschen haben ihre Rückkehr initiiert, Menschen begleiten seit Beginn des Projektes fachlich, ehrenamtlich oder durch Spendengelder das Überleben der Population. Und Menschen haben in die Geier investiert: "Nach Überschlagsrechnungen kommen wir auf einen Betrag von weit über 100 000 Euro pro freigelassenem Bartgeier", sagt Frau Andres-Brümmer, "insgesamt fliegt also ein Wert von 13 bis 15 Millionen Euro im Alpenraum herum". Als Lotto-Jackpot angekündigt, versetzt eine solche Summe das ganze Land in Fieber. Das Beispiel macht deutlich, dass die Wiederansiedlung einer bereits ausgestorbenen Art nur die letzte aller Lösungen sein kann: Artenschutz lebender Arten – und dazu zählen auch die Wiedereinwanderer – lohnt sich, nicht nur ökologisch sondern vor allem ökonomisch.

Die Wölfe haben bereits andernorts bewiesen, dass sie mit Zivilisation zurecht kommen. Sie und auch der eher unbequeme Rückkehrer Bär haben eine wohlwollende Begrüßung und einen fachlichen Umgang verdient – wenn sie denn bleiben wollen. Überlegungen, wie und nicht ob es funktionieren könnte, sind gefragt. Nicht nur, weil die Anwesenheit dieser Beutegreifer an der Spitze der Nahrungspyramide eine wichtige Bedeutung für das gesamte Ökosystem hat. Nicht nur, weil gerade solche Arten die Schönheit und Einzigartigkeit von Natur deutlich vor Augen führen. Und auch nicht nur, weil sie durch ihr Dasein ein Stück Wildnis "vor die Haustür" zurückbringen. Ihre freiwillige Heimkehr ist schlicht und einfach billiger.
16.08.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 16.08.2006

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