US-Rückzug aus Weltbiodiversitätsrat: »Aus unseren Erkenntnissen kann man sich nicht zurückziehen«

Mit einem Schlag kündigte US-Präsident Donald Trump Anfang Januar die Mitgliedschaft der USA in gleich 66 internationalen Abkommen, Organisationen und Konventionen. Hart trifft es die Umweltabkommen: Trump ließ die USA nicht nur aus dem Weltklimarat (IPCC) und erneut aus dem Pariser Klimaabkommen austreten, sondern kündigte auch die Mitgliedschaft im Weltbiodiversitätsrat (IPBES). In diesem Gremium suchen Wissenschaftler aus 145 Ländern gemeinsam nach Lösungen für das fortschreitende Artensterben und die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen. Der IPBES ist das Pendant zum Weltklimarat und gilt als zentrales Instrument der Weltgemeinschaft im Kampf gegen die globale Ökokrise. Im Interview spricht IPBES-Chef David Obura über die Folgen des Rückzugs der USA, aber auch über Chancen, die sich daraus ergeben könnten.
Spektrum: Herr Obura, wie haben Sie vom Rückzug der USA aus dem Weltbiodiversitätsrat erfahren?
David Obura: Aus heiterem Himmel. Die US-Regierung hat das Präsidentendekret online gestellt, und als ich am Morgen aufgewacht bin, hatte ich die Nachricht schon über WhatsApp-Nachrichten und E-Mails auf meinem Smartphone. Eine offizielle Benachrichtigung von Regierungsseite haben wir bisher nicht erhalten.
Wie wichtig sind die USA für die wissenschaftliche Arbeit zu Wegen aus der Ökokrise?
Der Beitrag der USA ist von herausragender Bedeutung für die ganze Menschheit, weil US-Wissenschaftler und -Wissenschaftlerinnen zu den weltweit führenden in der Biodiversitätsforschung zählen. Die USA sind IPBES-Gründungsmitglied, und ihre Experten sind auch stark bei IPBES vertreten.
Was bedeutet der Ausstieg der USA konkret für Ihre Organisation?
Konkret bedeutet es, dass die USA als Mitglied aus dem ganzen Prozess herausfallen, mit dem die weltweite wissenschaftliche Expertise zu Fragen der Biodiversität und den Leistungen der Natur erarbeitet wird. Und das in einer Zeit, in der es wahrscheinlich wichtiger ist als je zuvor, dass Volkswirtschaften Rezepte für eine verträgliche Nutzung der Natur finden. Und wie andere Organisationen trifft uns der Schritt auch finanziell. Die USA steuern rund zehn Prozent unseres Budgets bei.
Wird US-Forschung denn dann künftig überhaupt noch in den globalen Kampf für den Erhalt der ökologischen Lebensgrundlagen einfließen können?
IPBES wird nicht völlig ohne amerikanische Wissensbeteiligung auskommen müssen. Wir werden zum einen nach wie vor auf alle veröffentlichten wissenschaftlichen Daten zugreifen können. Zudem werden in die Arbeitsgruppen, die an einem Bericht über ein bestimmtes Thema mitarbeiten, auch weiterhin Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den USA berufen werden können. Trotz dieser Regelungen wird es nun aber zu einer deutlich geringeren Beteiligung amerikanischer Wissenschaftler kommen – und das wird nicht ohne Folgen bleiben.
In welchem Zustand befindet sich die globale Biodiversität? Was sind die genauen Ursachen ihres Verlusts? Und welche Folgen sind damit verbunden? Zu diesen und weiteren Fragen erstellt der Weltbiodiversitätsrat regelmäßig umfassende Bewertungen. Die Berichte sollen die Politik dabei unterstützen, Entscheidungen auf Basis von wissenschaftlicher Evidenz zu treffen – ganz analog zum Weltklimarat, der dieselbe Aufgabe in Klimafragen hat.
Die Rekrutierung der teilnehmenden Fachleute (die alle ehrenamtlich tätig werden) erfolgt über einen zweiteiligen Auswahlprozess: 80 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einer Arbeitsgruppe werden von Regierungen berufen. Diese wählen angesichts des damit verbundenen Prestiges in der Regel eigene Staatsbürger aus. Die verbleibenden 20 Prozent werden von unabhängigen Fachorganisationen nominiert (in Deutschland etwa von Universitäten oder aus den großen Forschungsverbünden wie Helmholtz- oder Leibniz-Gemeinschaften), die im jeweiligen Themenfeld über die meiste Sachkenntnis verfügen. Über diesen Weg könnten künftig auch US-Fachleute in die Arbeitsgruppen gelangen.
IPBES selbst beschäftigt nur sehr wenige Festangestellte, vor allem in der Verwaltung. Eine eigene Forschung findet nicht statt, auch nicht in den Arbeitsgruppen: Bei der Erstellung der Berichte stützen sich die Gremien im Wesentlichen auf die bereits veröffentlichte internationale Fachliteratur zum Thema.
US-Präsident Trump begründet den Rückzug aus mehr als 60 Organisationen damit, dass diese gegen die Interessen der USA arbeiteten. Was ist Ihre Antwort auf diesen Vorwurf?
Wir handeln im Interesse all unserer Mitglieder – das sind fast 150 Staaten der Erde, allesamt mit eigener Natur. Unser Ziel ist es herauszufinden, wie diese Natur ihre Wirtschaft und Gesellschaft unterstützen kann. Das mag nicht im Interesse bestimmter Sektoren sein, etwa von Industrien, die die Umwelt verschmutzen oder zerstören. Doch unsere wissenschaftlichen Bewertungen dienen dem langfristigen Nutzen aller Länder, die Natur besitzen, die sie nutzen und erhalten müssen.
US-Außenminister Marco Rubio sagte, es sei nicht länger akzeptabel, Institutionen wie dem Weltklimarat oder Ihrem Weltbiodiversitätsrat »das Blut, den Schweiß und die Schätze des amerikanischen Volkes zu schicken, und nichts dafür zurückzubekommen«. Wie profitieren die USA von Ihrer Arbeit?
Ich will das nicht direkt kommentieren. Aber ich betone, dass es für alle Volkswirtschaften und Gesellschaften von Vorteil ist, wenn sie Daten über den Zustand der Natur und Wissen über Möglichkeiten der nachhaltigen Nutzung bekommen. Die Erkenntnisse, die wir in unseren Berichten zusammenstellen, sind von allergrößter Bedeutung für uns alle. Es ist das gute Recht jeder Regierung, sich aus dem IPBES zurückzuziehen. Ich erinnere jedoch daran, dass dies nichts an der Relevanz unserer Wissenschaft für das Leben in den USA und in jedem anderen Teil der Welt ändert. Die USA können sich aus dem Weltbiodiversitätsrat zurückziehen, aber auch sie können sich nicht aus unseren Erkenntnissen und ihrer Bedeutung für sie zurückziehen.
Welche Erkenntnisse des IPBES meinen Sie?
Dass mehr als eine Million Pflanzen- und Tierarten vom Aussterben bedroht sind und dieser Verlust uns alle gefährdet, wie wir in unserem globalen Bericht zum Zustand der Natur 2019 dargestellt haben. Dass die Weltwirtschaft jährlich bis zu 25 Billionen US-Dollar durch schädliche Umweltauswirkungen verliert, wie wir im Nexus Assessment 2024 festgestellt haben. Oder die Erkenntnis, dass wir in den kommenden fünf Jahren die Chance verpassen könnten, fast 400 Millionen neue Arbeitsplätze zu schaffen, wenn wir mit der Umwelt weiter umgehen wie bisher – wie wir ebenfalls 2024 in unserer Stellungnahme zum transformativen Wandel herausgearbeitet haben.
»Wenn eine Großmacht sich zurückzieht, schafft dies auch Raum für andere, die Führung zu übernehmen«
Wird sich an der inhaltlichen Ausrichtung von IPBES durch die US-Entscheidung nun etwas ändern?
Das Mandat von IPBES ist glasklar: allen Entscheidungsträgern objektiv die glaubwürdigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse und Belege zum Thema Biodiversität zur Verfügung zu stellen – für fundiertere Entscheidungen und Maßnahmen. Unser Engagement für dieses Ziel – als gesamte IPBES-Gemeinschaft – bleibt unerschütterlich. Wissenschaft und Politik für Mensch und Natur.
Was bedeutet die Abkehr der USA vom Multilateralismus für die großen ökologischen Krisen der Welt?
Wir müssen unseren ökologischen Fußabdruck als Menschheit wieder in die planetaren Grenzen bringen. Der Rückzug der USA macht diese ohnehin nicht kleine Herausforderung nun noch etwas größer, ein zentraler Akteur, der traditionell eine Führungsrolle hatte, schlägt eine andere Richtung ein. Das ist ein schwerer Rückschlag, aber die Umweltprobleme werden nicht abnehmen. Und deshalb müssen wir diese Krise auch als Chance nutzen, um voranzukommen.
Sie sehen Chancen? Oder ist das Zweckoptimismus?
Wenn multilaterale Prozesse erodieren und eine Großmacht sich zurückzieht, schafft dies auch Raum für andere, die Führung zu übernehmen. China hat bereits eine entscheidende Rolle bei der Schaffung des globalen Biodiversitätsrahmens gespielt – des Weltnaturabkommens von Montreal 2022 – und ist führend bei Elektromobilität und erneuerbaren Energien. Auch andere Mächte wie Brasilien, Südafrika und weitere Länder werden jetzt in den Vordergrund treten. Den Rückzug der USA haben wir uns nicht gewünscht, aber wir müssen mit ihm umgehen. Wir haben nur den einen Planeten, und die Wissenschaft ist sehr klar in ihren Lösungsvorschlägen.
Wegweisende Abkommen wie der Pariser Klimavertrag und das Weltnaturabkommen von Montreal waren möglich, weil es der Umweltdiplomatie gelungen ist, so unterschiedliche Staaten wie Russland und die Ukraine, Iran und Israel, Saudi-Arabien und den Jemen an einen Tisch zu bringen. Ist so etwas künftig nicht mehr möglich?
Solche Meilensteine sind im Moment schwieriger zu erreichen, das ist klar. Doch wir müssen diesen Punkt überwinden. Die Wissenschaft ist sehr eindeutig in ihren Aussagen, was ein Weiter-so beim Klima- und Naturschutz bedeuten würde. Auch Menschen wissen Bescheid. Die Zivilgesellschaften und die Opfer der vielen Umweltkatastrophen fordern, dass wir liefern: in der Wissenschaft und in der Politik.
Die Welt hat sich mit den bestehenden Umweltabkommen ehrgeizige Ziele gesetzt. Bis 2030 sollen das Artensterben und der Verlust natürlicher Ökosysteme beendet werden. Für 2050 strebt die Weltgemeinschaft einen Planeten an, der »in Harmonie mit der Natur« wirtschaftet. Sind diese Ziele bei diesen Verwerfungen in der internationalen Ordnung noch zu erreichen?
Ich versuche, in dieser Frage ein optimistischer Realist zu sein. Wir werden nicht alle Ziele für 2030 erreichen, das ist in nur fünf Jahren. Aber wir können den Negativtrend stoppen und die Ziele für 2050 erreichen – vielleicht ein paar Jahre später. Solange die Politik uns in die richtige Richtung führt, werden wir es am Ende auch schaffen.
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