US-Unabhängigkeitserklärung: Als Großbritannien die Kündigung bekam

Als der Kontinentalkongress am 4. Juli 1776 die amerikanische Unabhängigkeitserklärung veröffentlichte, war genau jene Trennung vom Mutterland vollzogen, die man lange überhaupt nicht angestrebt hatte. Seit 1773 schwelte der Konflikt mit Großbritannien, zunächst als Aufstand, dann ab 1775 als militärische Auseinandersetzung. Doch im Frühjahr 1776 nahm er eine Dynamik an, die am Ende fast schon unausweichlich in die Unabhängigkeit mündete.
Lange hatten die kolonialen Rebellen, die sich selbst als »Patrioten« bezeichneten, sich und der Welt eingeredet, ihr Kampf gelte ausschließlich den überzogenen Machtansprüchen des imperialen Parlaments in Westminster und der Regierung von Premierminister Lord North (1732–1792). Diese hätten die Kolonien mit ungerechtfertigten Steuern, Zöllen und Abgaben überzogen. Kritik am britischen König Georg III. (1738–1820) aus dem Hause Hannover war lange vermieden worden. Zwar kursierten in den Kolonien Gerüchte, der Monarch und die Regierung der königstreuen Tories hätten sich miteinander verschworen, um im britischen Empire eine absolutistische, katholische Monarchie zu errichten – trotzdem hielt eine breite Mehrheit der Kolonialbevölkerung an ihrem Loyalitätseid gegenüber dem König fest.
Die Revolutionäre befanden sich zunächst in der Minderheit. Sie waren überwiegend Anhänger der Whig-Partei und ihrer vielen rivalisierenden Fraktionen, deren jahrzehntelange Vorherrschaft in Großbritannien die Tories abgelöst hatten. Mindestens 20 Prozent der kolonialen Bevölkerung galten als königstreu, die Mehrheit verhielt sich jedoch abwartend und neutral. Und so eskalierte zwar der militärische Konflikt, politisch aber trat die Revolution der oligarchischen Eliten auf der Stelle.
Als die Stimmung kippte
Im Frühjahr 1776 begann sich die Stimmung allmählich zu ändern. Zunehmend griff die Royal Navy als Institution des Königs in die Kampfhandlungen ein. Überdies hatte sich Georg III. außerordentlich kritisch über die Rebellion der Kolonialen geäußert. Der Kontinentalkongress – die höchste legislative und exekutive Institution der 13 nordamerikanischen Festlandskolonien – stieß allerdings auf ein Problem: Man brauchte dringend Hilfe von außen. Die Kolonien näherten sich rasch dem Bankrott, und die britisch-deutschen Truppen waren der Kontinentalarmee und den kolonialen Milizen zumindest in Küstennähe militärisch ebenbürtig. Zudem war Ende 1775 ein Schlag der Revolutionäre gegen die britischen Stellungen auf dem Gebiet des heutigen Kanadas fehlgeschlagen. Doch ausgerechnet vom absolutistischen Frankreich, dem Erzfeind der Briten, Hilfe zu erhalten, war nur möglich, wenn man den nächsten Schritt wagte: die Unabhängigkeit.
In diese unklare Lage platzte im Frühjahr 1776 eine Propagandaschrift des Radikalen Thomas Paine (1737–1809), die vor persönlichen Beleidigungen gegen Georg III. nur so strotzte. Paine griff mithin eine in wachsendem Maße radikale Stimmung in der Bevölkerung auf und eskalierte mit seinem Pamphlet die Situation noch weiter.
Die Kernarbeit am Entwurf der Unabhängigkeitserklärung leistete Thomas Jefferson (1743–1826) aus Virginia. Er war Plantagenbesitzer und Sklavenhalter. Das Porträt schuf der Maler Mather Brown im Jahr 1786.
Einzelne Städte, lokale Handwerkervereinigungen, ja ganze Kolonien erklärten in der Folge ihre Unabhängigkeit. Das überzeugte die Fraktion der Zauderer im Kontinentalkongress – nunmehr sei der richtige Zeitpunkt gekommen, sich vom Mutterland zu lösen. Also übertrug man die Aufgabe, einen entsprechenden Trennungstext auszuarbeiten, an eine Kommission aus fünf einflussreichen Politikern: den radikalen Großgrundbesitzer Thomas Jefferson (1743–1826) aus Virginia und seinen Intimfeind, den eher moderaten, elitären Rechtsanwalt John Adams (1735–1826) aus Massachusetts. Als Vermittler zwischen den beiden Streithähnen wurde der Verleger und unter europäischen Aufklärern bestens bekannte Intellektuelle Benjamin Franklin (1706–1790) einberufen, der lange Zeit als Lobbyist für seine Heimatkolonie Pennsylvania und deren Quäkerelite in London tätig gewesen war. Mit den Juristen Roger Sherman (1721–1793) und Robert Livingston (1746–1813) war das Komitee komplett.
Jefferson fiel die undankbare Aufgabe zu, einen Text zu formulieren, der sämtliche, zum Teil divergierende Interessen und Vorstellungen der verschiedenen Fraktionen der Revolutionäre erfüllen sollte. Er bediente sich bei dieser Aufgabe verschiedener Quellen – darunter insbesondere der Naturrechtslehre des angloschottischen Whig-Philosophen John Locke (1632–1704) und der Kampfschrift seines Freundes Thomas Paine. Nachdem die Kommission Jeffersons Text bearbeitet und genehmigt hatte, wurde er am 28. Juni dem Kontinentalkongress vorgelegt. Am 4. Juli nahm das Plenum eine nochmals überarbeitete Fassung an. Beispielsweise hatte man eine Passage gestrichen, die Sklaverei als barbarisch und unmenschlich verurteilt hatte.
Ein juristischer Kniff
Jefferson gab der Unabhängigkeitserklärung die rechtliche Form einer Kündigung, genauer gesagt: Der Kontinentalkongress kündigte den feudalen Lehensvertrag mit dem britischen Monarchen. Dabei erwähnte er den eigentlichen Auslöser der Auseinandersetzung, den Konflikt mit dem Westminsterparlament, nur beiläufig an einer einzigen Stelle: »[König Georg III.] hat sich mit anderen zusammengetan, um uns einer Rechtsprechung zu unterwerfen, die unserer Verfassung fremd und von unseren Gesetzen nicht anerkannt war.«
250 Jahre amerikanische Unabhängigkeitserklärung
Am 4. Juli 1776 verkündeten 13 britische Kolonien in Amerika den Bruch mit dem Mutterland. Als sie sich von Großbritannien lösten, standen sie bereits im Krieg mit der Kolonialmacht. Die »Declaration of Independence« empörte und begeisterte zugleich. Für die damaligen Menschen in Amerika, aber auch lange danach, wurde sie zum wirkmächtigen Dokument. Drei namhafte Amerika-Historiker berichten, was es mit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung auf sich hat.
Die US-Unabhängigkeit war eine Kriegserklärung, von Christopher Magra
Als Großbritannien die Kündigung bekam, von Michael Hochgeschwender
Wie gleich ist gleich?, von Volker Depkat
Das ergab insofern Sinn, als sonst die gesamte Argumentation von Jeffersons Text widersprüchlich gewesen wäre. Hätten sich die Amerikaner auch vom Parlament unabhängig erklärt, hätten sie indirekt die britische Lehre vom »King in Parliament« anerkannt. Die besagte, dass König und Parlament zusammen die Souveränität innehaben. Steuern und Abgaben in den Kolonien beschloss aber das Parlament. Wäre die Loslösung an Westminster adressiert gewesen, hätte man im Nachhinein dessen Hoheitsgewalt bestätigt. Nach amerikanischer Lesart war aber das »Volk« der Kolonien Träger der Souveränität. Der König fungiere hingegen als eine Art Vermittler zwischen den diversen autonomen Parlamenten im Reich.
Insofern konnte einzig der Monarch Adressat der Unabhängigkeitserklärung sein. Er habe eine lange Reihe von Übergriffen verübt und seine Pflichten als Herrscher verletzt. Doch damit stellte Jefferson den gesamten bisherigen Verlauf der Konflikteskalation auf den Kopf. Denn nicht Georg III. allein erhob Steuern und verabschiedete Gesetze; auch nicht gegen ihn allein richtete sich anfangs der Groll der Revolutionäre, sondern gegen das britische Parlament.
Das höchste Eigentum war Glück
Um die Kündigung des Herrschaftsvertrags lehensrechtlich legal zu gestalten, griff Jefferson im ersten Teil der Erklärung – einer naturrechtlichen Grundlagendiskussion – auf mehrere zeitgenössische Theorien der angloschottischen Aufklärung zurück. So bediente er sich des Kontraktualismus: Dem zufolge beruhten Staaten und Gesellschaften auf einem hypothetischen Vertrag zwischen Herrschern und Beherrschten. Dafür nutzte Jefferson die Lehren von John Locke (1632–1704) und stellte sie den Ideen Thomas Hobbes’ (1588–1679) gegenüber.
Auch Benjamin Franklin (1706–1790) aus Pennsylvania war Mitglied des Ausschusses, der die Erklärung ausarbeitete. Franklin war vielseitig: Verleger, Erfinder, Naturwissenschaftler und Gründervater. Der Franzose Joseph Siffred Duplessis porträtierte den Amerikaner im Jahr 1778.
Für Locke ergab sich der Gesellschaftsvertrag nicht aus der Notwendigkeit, den Krieg jedes gegen jeden zu beenden, sondern aus einem freiwilligen Zusammenschluss aller freien und gleichen Individuen im Interesse des gemeinsamen, kooperativen Fortschritts. Demnach war der Staat kein erforderliches Zwangsinstrument oder gar eine unausweichliche, also natürliche Folge der Beziehungsfähigkeit des Menschen, sondern ein bloßes Konstrukt, um Wohlstand und Wachstum zu befördern.
Aus Lockes Anthropologie rezipierte Jefferson dessen Lehre von den unveräußerlichen Rechten auf Leben, Freiheit und Eigentum aller Staatsbürger gegenüber dem Staat. Allerdings ersetzte er den Begriff »Eigentum« durch »Streben nach Glück«, was indes inhaltlich nahezu identisch war. Es klang nur weniger materialistisch. Im Grunde ging es Jefferson wie Locke darum, das Privateigentum der besitzenden Klassen gegenüber der Übergriffigkeit des Staats zu sichern. Eigentum wurde in diesem Kontext sehr breit verstanden, nicht allein materiell, sondern auch geistig. Insgesamt war Eigentum eng mit Freiheit, Glück und Tugend verbunden – denn wer ohne Eigentum war, konnte keinen dieser Werte in rechter Weise erlangen.
Ein Sklavenhalter sprach von Freiheit
Wie Locke vor ihm knüpfte Jefferson seine Lehre an das natürliche und göttliche Recht und machte sie so universalistisch gültig. Hierauf folgte eine bis heute andauernde Kontroverse: Wie, so der kritische Einwand, konnte ein Sklavenhalter wie Jefferson vom universalistischen Grundrecht auf ein Leben in Freiheit reden – somit der Sklaverei skeptisch gegenüberstehen –, ohne die Konsequenzen für sich selbst zu ziehen?
Ganz so einfach war die Sache jedoch nicht. Schon Locke, ein erkenntnistheoretischer Empirist, sprach Universalbegriffen jegliche Substanz ab. Er hatte Probleme mit den Thesen der Rationalisten, Platoniker, Aristoteliker und Thomisten: Diesen zufolge würden universale Werte aus der allgemeinen Natur des Menschen hervorgehen. Locke hingegen begnügte sich damit, Gott indirekt einen Eigentumsanspruch an sämtlichen Individuen zuzusprechen. Das war eine typische Lückenbüßer-Argumentation der frühen Neuzeit, die Gott immer dann im Sinne eines Deus ex Machina einführte, wenn es argumentativ nicht weiterging. Ohnehin war es Locke nicht um universale Menschenrechte gegangen, sondern um die Bürgerrechte freier Engländer und Schotten. Und wie erwähnt: Freiheit war an Eigentum gekoppelt. Für Locke galt der Staat als eine Art Aktiengesellschaft von Besitzindividualisten.
Die amerikanischen Revolutionäre, mehrheitlich Angehörige der kolonialen Oligarchie aus Großgrundbesitzern, Fernhändlern, Kaufleuten, Schmugglern und Bankiers, hatten diese Staatsidee zutiefst verinnerlicht und kämpften primär für die traditionellen Rechte freier Engländer. Insofern war ihre Revolution rückwärtsgewandt. Überdies hatte bereits Locke Frauen, »Wilde« und Katholiken ausdrücklich von der Machtteilhabe ausgeschlossen, fehlte ihnen doch nach seiner Überzeugung die Vernunft, um etwa den Boden oder anderes Eigentum effizient zu bearbeiten.
Die als »Wilde« diffamierten Gruppen, zu denen Locke afrikanische Schwarze und amerikanische Indigene rechnete, befänden sich außerdem permanent im Krieg mit der Zivilisation, weshalb es gerechtfertigt sei, sie zu versklaven, zu vertreiben oder zu vernichten. Anfangs waren Rassismus und Klassendenken also zutiefst in die Unabhängigkeitserklärung eingeschrieben. Erst im Lauf der kommenden Jahrzehnte und Jahrhunderte entfaltete die im Text innewohnende Universalität ihre ganze gesellschaftliche Dynamik. Jefferson widersprach sich also nicht, denn es ging ihm nie um echte Universalität, sondern lediglich um die Rechte der kolonialen Eliten.
Ein Schöpfer, der die Menschen machen lässt
In seiner Einleitung verknüpfte Jefferson die naturrechtlichen Ideen von Volkssouveränität, Kontraktualismus, Gleichheit und Freiheit, die er auf den »Schöpfer« zurückführte. Dieser darf nicht im Sinne des christlichen Gottes verstanden werden, da Jefferson ein rationalistischer Geist war, der sich die Bibel im wahrsten Wortsinn zurechtgeschnitten hatte: Mit der Schere trennte er sämtliche Erzählungen von Wundern und göttlichen Eingriffen in die natürliche Welt heraus. In seinen Augen hatte Gott unveränderliche Gesetze in seine Schöpfung eingeschrieben, in deren Rahmen sich Menschen frei entfalten sollten – sofern sie über Privateigentum verfügten. Dieser Gott griff jedoch nicht mehr in die Geschicke seiner Schöpfung ein.
Viele der übrigen Gründerväter, selbst Benjamin Franklin, sahen dies anders: Manche strebten explizit eine neue Nation an, die christlich sein sollte – das hieß protestantisch. In ihren Augen garantierte allein der protestantische Glaube echte Freiheit. Immerhin genügte Jeffersons Rekurs auf den Schöpfer sämtlichen Ansprüchen der Abgeordneten, wie unterschiedlich sie sein mochten.
Beschwerden, die nicht der Wahrheit entsprachen
Der zweite Teil der Erklärung bestand aus einer stellenweise ermüdenden Aufzählung von Gravamina (Beschwerden) gegen den König, die – ausgehend von der vertragstheoretisch-naturrechtlichen Grundlegung im ersten Teil – die Kündigung des Lehensverhältnisses faktisch absicherten. An dieser Stelle kam nun Paines Pamphlet ins Spiel. Wie dieser nahm Jefferson es mit der Wahrheit nicht so genau. Dem Monarchen wurde allerlei Unbill gegenüber seinen kolonialen Untertanen unterstellt – von dem manches eigentlich eine Folge ihres Aufstands war. Dazu zählten alle Maßnahmen, die infolge des andauernden Kriegs erlassen wurden.
John Adams (1735–1826) war Mitglied der Kommission zur Ausarbeitung der »Declaration of Independence«, Gründervater der USA, später der erste Vizepräsident und nach George Washington der zweite Präsident des Landes von 1797 bis 1801. Das Bild ist ein Werk von John Trumbull aus dem Jahr 1792.
Die Gründerväter schrieben die britische konstitutionelle Monarchie mit ihrem etablierten Parlamentarismus in eine despotische, grausame Tyrannei um. Behörden und Beamte wurden als Plagegeister dargestellt. Sogar Indigene habe Georg III. auf die Siedler gehetzt, obwohl die Kolonialbevölkerung in ihrem Hunger nach Grundbesitz oft genug selbst für diese Attacken verantwortlich war. Im betreffenden Passus wurde den Indigenen stereotyp ungehemmte Grausamkeit und Barbarei unterstellt, während die kaum weniger barbarische Kriegsführung der weißen Siedler ausgespart blieb. Wichtig war nicht so sehr, ob und wie viel Wahrheit in den einzelnen Punkten steckte, vielmehr sollte ein Gesamtbild entstehen, das ein Ende des Lehensverhältnisses rechtfertigte.
Der dritte Teil der Erklärung zog dann die Konsequenzen aus der Einleitung und den Gravamina. Unter neuerlicher Anrufung des Weltenschöpfers erklärten sich die Vereinigten Kolonien von Großbritannien und seinem König für unabhängig, es bestehe keine weitere Treue- und Loyalitätspflicht mehr gegenüber der Krone. Von nun an bildeten die einstigen Kolonien ein absolut unabhängiges Gemeinwesen mit allen Rechten eines souveränen Staats, wobei sie sich wiederum unter den Schutz eines Allerhöchsten stellten und ihre Loyalität und Opferbereitschaft im Kampf um ihre Eigenständigkeit betonten.
Die Unabhängigkeitserklärung der USA stellt ein ambivalentes Dokument dar. Stellenweise ist sie ganz vom aufgeklärten Zeitgeist in Gestalt von Lockes Philosophie gekennzeichnet. In Teilen handelt es sich jedoch um reine Propaganda – gerade der Abschnitt mit den Gravamina. Man findet allerlei rassistische Untertöne bis hin zu offenem Rassismus, etwa gegenüber den nordamerikanischen Indigenen. In manchen Formulierungen scheint ein elitäres Klassendenken durch, verdeckt von einer Semantik, die Universalismus, Teilhabe und Gleichheit suggeriert.
Der große Bruch
In Großbritannien stieß die Deklaration aus verständlichen Gründen auf wenig Gegenliebe. Gewiss, viele Whig-Politiker, darunter William Pitt und Edmund Burke, der zwei Jahrzehnte später in seiner Kritik der Französischen Revolution zum Vordenker des säkularen Konservatismus in Europa wurde, sympathisierten mit einigen Forderungen der Kolonisten, vor allem aber lehnten sie die Tory-Regierung von Lord North ab. Doch der Schritt in die Unabhängigkeit markierte einen Bruch. In Großbritannien entwickelte sich daraus damals der britische Gemeinplatz von der »ingratitude«, der Undankbarkeit, der vom Mutterland lange so freundlich und verständnisvoll behandelten Kolonisten.
Eine globale Wirkung entfaltete die Unabhängigkeitserklärung erst, nachdem das langfristige Überleben der noch jungen Union sichergestellt war – etwa ab den 1810er- und 1820er-Jahren. Jeffersons universalistische Semantik entwickelte eine Eigendynamik, die ihm bestenfalls in Ansätzen bewusst gewesen sein dürfte. 1848 beispielsweise formulierte die amerikanische Frauenbewegung ihre Forderungen exakt entlang der »Declaration of Independence«. Ein Jahrhundert später entdeckten die Völker Asiens und Afrikas das Dokument, um ihre eigenen Anliegen zu verdeutlichen. Darüber hinaus entfaltete Jeffersons Text innenpolitisch und gesamtgesellschaftlich eine enorme Wirkung. Er wurde wie die Verfassung zu einer Art heiligem Text einer amerikanischen Zivilreligion. Seit dem 19. Jahrhundert beriefen sich Sozialreformer und Vertreter ethnischer Minderheiten, darunter die Abolitionisten in ihrem Kampf gegen die Sklaverei, auf die Unabhängigkeitserklärung und transformierten den elitären Partikularismus des Originals in einen weitherzigen Universalismus. Der Text bekam ein Eigenleben, das bis heute Folgen zeitigt.
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