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Shutdown: US-Wissenschaft im Zwangsurlaub

Staatliche Forschungseinrichtungen der Vereinigten Staaten laufen seit gestern auf Sparflamme. Es drohen Konsequenzen für die Gesundheitsfürsorge, aber auch Weltraumprojekte stehen am Rand des Scheiterns.

Nachdem der US-amerikanische Kongress die Frist zur Verabschiedung eines neuen Haushalts verstreichen ließ, ist gestern landesweit der "Shutdown" in Kraft getreten: Bis auf weiteres bleiben alle staatlichen Behörden geschlossen, inklusive sämtlicher Einrichtungen zur Überwachung, Förderung und Unterstützung der Wissenschaft.

Die meisten beim Staat angestellten Wissenschaftler wurden inzwischen nach Hause geschickt. Büros und Labore bleiben entweder ganz geschlossen oder werden mit Minimalbesetzung und einer Anzahl "unverzichtbarer" Mitarbeiter weiterbetrieben. Die amerikanische Gesundheitsbehörde – die National Institutes of Health (NIH) – und die staatliche Förderagentur National Science Foundation (NSF) haben die Bearbeitung von Anträgen eingestellt, Regierungswebseiten sind offline und bedeutende Forschungsprojekte hängen in der Luft. Nicht ausgeschlossen, dass sogar Gefahr für Leib und Leben von Patienten besteht, die an medizinischen Studien teilnehmen. Telefon und E-Mail der Einrichtungen wurden abgestellt.

"Es ist einfach lächerlich!"(Jennifer Zeitzer)

Der Shutdown ist das Ergebnis eines heftigen Grabenkampfs im US-Kongress. Er dürfte der ohnehin angeschlagenen amerikanischen Wissenschaft einen schweren Schlag versetzen. Denn viele Forscher haben noch immer nicht die zahlreichen Budgetkürzungen der Vergangenheit verkraftet. Zuletzt wurden im Rahmen des "Sequesters" vom 01. März dieses Jahres pauschal alle Ausgaben um 5,1 Prozent zurückgefahren.

Belegschaft auf 1,5 Prozent reduziert

"Es ist einfach lächerlich!", sagt Jennifer Zeitzer, die Leiterin der Abteilung für Rechtsfragen an der Federation of American Societies for Experimental Biology, einer Dachorganisation für Forschungsgesellschaften im Bereich Biologie und Medizin. "So werden wir als Wissenschaftlergemeinde nicht länger überleben."

Bei den NIH, die ihren Stammsitz in Bethesda, US-Bundesstaat Maryland, haben, wurden 73 Prozent der 18 646 Angestellten in Zwangsurlaub geschickt. Die Einrichtung nimmt außerdem keine Patienten mehr für klinische Studien an und hat den Start neuer Projekte verschoben. Lediglich eine Rumpfbelegschaft darf noch zur Arbeit erscheinen, um die Versuchstiere zu versorgen und die Gebäude zu bewachen.

In Arlington, Virginia, wies die NSF 98,5 Prozent ihrer rund 2000 Angestellten an, zu Hause zu bleiben. Eine der wenigen Ausnahmen sind Mitarbeiter der Division of Polar Programs, die die drei antarktischen Forschungsstationen der NSF und ihre Einrichtungen in abgelegenen Gegenden Grönlands betreuen.

Die National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), die Wetter- und Ozeanografiebehörde der Vereinigten Staaten mit Sitz in Washington, D.C. lässt noch knapp 5400 ihrer 12 000 Angestellten zum Dienst erscheinen, im Wesentlichen um die Arbeit des Nationalen Wetterdiensts nicht zu gefährden. Der Großteil der NOAA-Wissenschaftler allerdings ist freigestellt, von einigen Ausnahmen abgesehen. So halten etwa ein Dutzend Forscher die sechs Treibhausgas-Messstationen der Behörde in Hawaii, Alaska, Grönland und der Antarktis am Laufen. Das Team in Boulder, Colorado, das die Daten dieser Stationen analysiert, sitzt allerdings im unfreiwilligen Urlaub, während sich die angelieferten Probenröhrchen in ihren Labors zu stapeln beginnen.

Industriegelder halten Forschung am Laufen

Pieter Tans, der in Boulder die NOAA-Gruppe zur Erforschung des Kohlenstoffkreislaufs und der Treibhausgasemissionen leitet, hat sich für die Zeit des Shutdowns mit Arbeit eingedeckt, die er von zu Hause erledigen kann. Auf seinen Arbeitscomputer und sein E-Mail-Konto wird er dabei allerdings verzichten müssen. "Mir wird zwar nicht langweilig werden, aber ich bin trotzdem stinksauer!", sagte er, Stunden bevor die Regierung alle Amtsgeschäfte auf Sparflamme drehte. Wie der Forscher erzählt, würden die meisten seiner Kollegen den Shutdown mit einem Gefühl von Resignation hinnehmen, nachdem die Finanzierung in den letzten Jahren ohnehin immer auf der Kippe stand. "Wenn das so weitergeht, ist unser Projekt in zehn Jahren vollständig ausgeblutet."

Andere Behörden haben mehr Glück. Die Food and Drug Administration (FDA) in Silver Spring, Maryland, finanziert sich beispielsweise zu einem Gutteil über Gelder aus der Industrie: Rund zwei Drittel der Aufwendungen für die Medikamententests stammen aus Gebühren, die Pharmafirmen im Rahmen des Zulassungsverfahrens zu entrichten haben. Obwohl die FDA 45 Prozent ihrer Belegschaft unbezahlten Urlaub verordnete und Programme zur Nahrungsmittelsicherheit einschränkt, könnten die Medikamententests weiterlaufen – wenn auch langsamer als sonst, erklärt Timothy Coté, Gründer von Coté Orphan Consulting in Silver Spring und ehemaliger Abteilungsleiter bei der FDA.

Auswirkungen auch auf nichtstaatliche Bereiche

Je länger der Shutdown anhält, desto stärker wirkt er sich auch auf andere Bereiche aus. Sollte die NSF zum Beispiel eine oder zwei der wöchentlichen Zahlungen an das National Radio Astronomy Observatory in Charlottesville, Virginia, ausfallen lassen, wäre die Einrichtung gezwungen, ihre Tore zu schließen. Wie dessen Leiter Tony Beasely erklärt, kämen einige Langzeitforschungsprojekte dadurch in Bedrängnis.

Bei der NASA könnte so unter anderem die MAVEN-Mission dem Shutdown zum Opfer fallen. Die Mission zur Erforschung der Marsatmosphäre muss eigentlich auf ihren Start vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral in Florida vorbereitet werden, der für den 18. November angesetzt ist. Wie der wissenschaftliche Leiter von MAVEN Bruce Jakovsky erklärt, könnte sein Team eine kurze Unterbrechung der Startvorbereitungen kompensieren. Sollte die Satellitenmission jedoch ihr dreiwöchiges Startfenster verpassen, müsste sie auf das Jahr 2016 vertagt werden, so der Wissenschaftler der University of Colorado in Boulder. Erst dann stehen Mars und Erde wieder in einer günstigen Position zueinander. Immerhin stellen Notfallpläne der NASA sicher, dass laufende Missionen, etwa auf der Internationalen Raumstation ISS, nicht in Mitleidenschaft gezogen werden.

Unterdessen müssen die Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta, Georgia, ihre landesweite Beobachtung von Grippefällen einstellen – ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, an dem normalerweise die Grippesaison beginnt. Auch die Suche nach neu auftretenden Infektionskrankheiten wie dem MERS-Coronavirus muss eingeschränkt werden, erklärt Pressesprecherin Barbara Reynolds. Die Bundesumweltschutzbehörde Environmental Protection Agency lässt ebenfalls nur noch einige Mitarbeiter zur Arbeit erscheinen. Sie sollen die Überwachungsprogramme zur Umweltgesundheit und -sicherheit am Laufen halten und sich um Labortiere kümmern.

Wie und vor allem wann der Shutdown wieder aufgehoben wird, ist schwierig vorherzusagen. Der letzte Fall aus dem Frühjahr 1996 brach mit einer Dauer von 21 Tagen alle Rekorde, üblicherweise jedoch sind die Shutdowns erheblich kürzer. Auslöser für den aktuellen Streit ist der Versuch der Republikaner, die die Mehrheit im US-Repräsentantenhaus halten, der von Obama initiierten Gesundheitsreform die Finanzierung zu entziehen. Der von den Demokraten beherrschte Senat hat die Vorstöße des Repräsentantenhauses wiederholt zurückgewiesen – nach derzeitigem Stand der Dinge gibt es wenig Anzeichen für eine baldige Einigung.

Dieser Artikel erschien unter dem Titel "US government shuts down" in Nature 502, S. 13-14, 2013. Zusätzliche Berichterstattung durch Erika Check Hayden, Heidi Ledford, Brendan Maher, Maryn McKenna, Jeff Tollefson, Alexandra Witze and Sarah Zhang.

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