Anatomie: Erste umfassende Karte des menschlichen Vagusnervs

Der Vagusnerv zählt zu den vielseitigsten und zugleich am wenigsten verstandenen Nerven des Menschen. Forscher wissen schon seit Langem, dass er als eine Art Informationsautobahn Signale zwischen dem Hirnstamm und dem Rest des Körpers transportiert. Er ist an zahlreichen Prozessen beteiligt – von der Atmung und Verdauung bis hin zu Entzündungen und Immunreaktionen. Doch wie genau er das tut, ist noch immer ein Rätsel.
Leider gibt es noch kein »Google Maps« für den Körper. Unser inneres Verkehrsnetz besteht aus einem komplexen Geflecht aus Nerven, Lymph- und Blutbahnen, das sich durch unsere Organe schlängelt. Es ist eine Herausforderung, diese innere Kartografie abzubilden – allein der Vagusnerv besteht aus etwa 200 000 Nervenfasern. Im Rahmen dieses Vorhabens mehren sich aber bereits neue Erkenntnisse darüber, welche komplexe Rolle der längste der 12 Hirnnerven im Körper spielt.
Der Vagusnerv entspringt im Gehirn und teilt sich im Körper in einen linken und einen rechten Teil, von denen kleinere Nervenfaserbündel, sogenannte Faszikel, in die inneren Organe abzweigen. Um seine weitreichende Ausdehnung im Körper besser kartieren zu können, untersuchte ein Team um Stavros Zanos von den Feinstein Institutes for Medical Research in New York in einer aktuellen Studie die linken und rechten Äste des Vagusnervs bei 30 Verstorbenen – es handelt sich dabei um eine noch nicht begutachtete Vorabveröffentlichung. »Wir stellten fest, dass zwar jeder Vagusnerv in der Anordnung seiner Fasern einzigartig ist, die meisten Vagusnerven jedoch auch einige gemeinsame Prinzipien aufweisen, was die Lage bestimmter Fasern innerhalb des Nervs und deren Verlauf zu den Organen betrifft«, sagt Neurowissenschaftler Stavros Zanos.
Wie die Landkarte entstand
Das Ergebnis ist ein öffentlich zugänglicher Datensatz, der Tausende einzelne Nervenfasern im gesamten Körper abbildet. Um diesen zu erstellen, nutzte Zanos’ Team verschiedenste Verfahren wie die Ultraschallbildgebung, mit der die Grundstruktur erfasst wurde, die Mikro-Computertomografie (Mikro-CT), mit der sich die Verläufe der Faserbündel nachverfolgen ließen, sowie die Mikrodissektion, bei der die Nerven aufgeschnitten wurden, um ihre Funktionen zu verstehen. Auch ein Modell des maschinellen Lernens half dabei, die 60 einzelnen Nervenäste zu analysieren.
Die Forschung zum Vagusnerv erlebt »derzeit einen explosionsartigen Wissenszuwachs«, so Zanos. Das könnte vielen Patientinnen und Patienten zugutekommen. Forschende wollen den Vagusnerv nutzen, um eine Vielzahl von Erkrankungen wie Epilepsie, chronische Schmerzen oder Depressionen zu behandeln. Solche Therapieentscheidungen können nun auf Basis der Struktur des Nervs getroffen werden, erklärt Zanos. »Mit diesen detaillierten anatomischen Karten können Chirurgen Stimulationsgeräte am Vagusnerv präziser implantieren und Medizintechnik-Ingenieure Geräte entwickeln, die effektiver und sicherer sind.«
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