Feuerwetter: Diese Faktoren bestimmen, wie viel Fläche künftig in Europa brennt

Der Sommer 2026 ist in Europa bislang ein Sommer der Feuer. Schon jetzt ist europaweit mehr Fläche durch Vegetationsbrände betroffen als im jährlichen Durchschnitt von 2006 bis 2025. Die Waldbrände, die im Juli riesige Flächen um Bordeaux verwüsteten, gelten als beispiellos. Zuletzt fordern Torfbrände im Hohen Venn die Einsatzkräfte aus Deutschland.
Doch die Katastrophenmeldungen aus den letzten Wochen könnten uns in ein paar Jahrzehnten geradezu normal vorkommen: Die Fläche, die jährlich durch Vegetationsbrände verwüstet wird, wird in Europa bis zum Jahr 2100 höchstwahrscheinlich zunehmen, falls nichts dagegen unternommen wird – und Regionen wie Deutschland, in denen solche Brände bislang nicht zum Alltag gehören, könnten sich zu Waldbrandregionen entwickeln. Dazu führen die zunehmend heißen, trockenen und windigen Bedingungen auf dem Kontinent. Zu diesem Schluss kommt eine Forschungsgruppe des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und der SenckenbergGesellschaft für Naturforschung. Ihre Ergebnisse erschienen in der Fachzeitschrift »Global Change Biology«.
Für ihre Arbeit haben die Fachleute anhand zweier verschiedener Modelle simuliert, wie sich die jährliche verbrannte Fläche in Europa bis zum Ende des Jahrtausends entwickeln könnte. Dabei berücksichtigten sie zwei Emissionsszenarien: Während im ersten Szenario (SSP1-2.6) ein moderater Treibhausgasausstoß zu einem Temperaturanstieg von rund 1,8 Grad Celsius führt, steigen die Durchschnittstemperaturen im zweiten Szenario (SSP3-7.0) durch höhere Emissionen um circa 3,6 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit.
Außer den reinen Wetterbedingungen und Daten zur Vegetation berücksichtigten die Modelle Faktoren wie die Bevölkerungsdichte oder die Landnutzung. In beiden Modellen erweist sich Feuerwetter – eine Kombination aus trockenen, heißen und windigen Bedingungen – als entscheidender Faktor, der zu mehr Vegetationsbränden führt.
In dem optimistischen Szenario mit geringen Emissionen würde bis zum Ende des Jahrhunderts jährlich etwa 39 Prozent mehr Fläche verbrennen als im heutigen Durchschnitt. Dagegen steigt die verbrannte Fläche in dem Szenario mit den höheren Emissionen um 192 Prozent – sie verdreifacht sich also fast.
Diese Ergebnisse liefert allerdings nur eins der beiden Modelle. Im anderen Modell kommt zusätzlich der sogenannte Human Development Index (HDI) zum Tragen, eine Kennzahl, die den sozioökonomischen Entwicklungsstand eines Landes widerspiegelt. Berücksichtigte man auf diese Weise einen kontinuierlich wachsenden gesellschaftlichen Fortschritt, dann ließ sich die Zunahme an verbrannter Fläche stark eindämmen: Im Szenario mit 1,8 Grad Erwärmung reduzierte sie sich um 92 Prozent gegenüber dem anderen Modell, im pessimistischeren 3,6-Grad-Szenario immerhin noch um 72 Prozent.
Die Auswertung besonders der letzten Kennzahl zeigt, dass die Menschen in Europa der Zukunft nicht machtlos gegenüberstehen. Zwar steigt mit einer verbesserten sozioökonomischen Situation nicht automatisch die Fähigkeit, Feuer zu bekämpfen; aber laut den Autoren ist sie ein Indiz dafür, wie viele Ressourcen für die Brandbekämpfung zur Verfügung stehen.
Kritik an der Aussagekraft der Kennzahlen
Trotzdem könnten die Zahlen zu hoch veranschlagt sein, wie die Autorinnen und Autoren einschränken. In einem deutlich wärmeren Klima könnte nämlich auch ein konsequentes Brandmanagement an seine Grenzen stoßen, weil extrem starke und heiße Feuer dann nicht mehr beherrschbar sind. Und sie weisen darauf hin: Eine gute Vorbereitung auf Großfeuer kommt nicht automatisch mit gesellschaftlichem Fortschritt, sondern muss gut und systematisch erarbeitet werden.
Tanja Sanders, Waldökologin am Thünen-Institut in Eberswalde und nicht an der Studie beteiligt, ordnet die Erkenntnisse gegenüber dem Science Media Center so ein: »Die wichtigsten Ergebnisse zeigen, dass erstens das Feuerwetter der dominierende Treiber ist, zweitens die sozioökonomische Entwicklung die Brandfläche stark reduzieren kann, sofern Politik und Institutionen die Feuermanagement Kapazität erhalten, und drittens unter starkem Klimawandel selbst intensive Managementmaßnahmen die Zunahme nicht vollständig kompensieren können.«
Kritischer äußert sich Lindon Pronto, internationaler Berater für Feuermanagement. Deutschland habe zwar einen der höchsten HDI-Werte weltweit und könne sich deshalb in den Modellrechnungen kaum mehr verbessern. In der Realität aber habe das Land »enormen Nachholbedarf bei Prävention, Risikominderung, Planung, der Bekämpfung von Waldbränden oder einer nationalen Waldbrandstrategie«. Aus seiner Sicht sind Modellierungen zur Brandfläche nur bedingt hilfreich – wichtiger sei es, Strategien zu finden, wie sich Vegetationsbrände künftig eindämmen lassen. »Leider wird in der aktuellen Studie viel Aufwand darauf verwendet, Zusammenhänge zu modellieren und zu verfeinern, deren Richtung wir schon lange kennen, während die für die praktische Anwendung entscheidenden Fragen außen vor bleiben.«
Was die Studie dennoch zeigt: Es kommt auf beides an – ein gut organisiertes Brandmanagement und, so langweilig das auch klingen mag, die CO2‑Emissionen herunterzuschrauben. Beides habt der Mensch in der Hand.
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