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Stevia & Co: Süßstoffe hinterlassen Spuren über Generationen

Süßstoffe gelten als kalorienarme Alternative zu Zucker. Bei Mäusen hat der Verzehr langfristige Folgen: Ihre Nachkommen zeigen Veränderungen im Stoffwechsel, der Darmflora und der Aktivität bestimmter Gene. Besonders ein weitverbreiteter Zuckerersatz hinterließ anhaltende Spuren.
Ein weißer Behälter mit rotem Deckel liegt auf einem gelben Hintergrund. Aus dem Behälter sind mehrere kleine, weiße Tabletten herausgefallen und verteilen sich auf der Fläche.
Kalorienfreie Süßstoffe sind als Zuckerersatz weitverbreitet. Ihre langfristigen biologischen Wirkungen werden zunehmend erforscht.

Der Verzehr kalorienfreier Süßstoffe kann bei Mäusen langfristig Spuren hinterlassen – und zwar über Generationen hinweg. Bekamen Tiere die Substanzen Sucralose oder Stevia verabreicht, veränderten sich bei ihren Nachkommen der Stoffwechsel, die Darmflora und die Aktivität bestimmter Gene. Einige dieser Effekte zeigten sich noch bei den Enkeln, obwohl diese selbst nie mit den Süßstoffen in Kontakt gekommen waren. Die Ergebnisse stellt ein Forschungsteam der Universität von Chile in »Frontiers in Nutrition« vor.

Für die Studie erhielten männliche und weibliche Mäuse über 16 Wochen entweder reines Trinkwasser oder Wasser mit Sucralose beziehungsweise Stevia. Die Konzentration lag bei 0,1 Milligramm pro Milliliter. Dies entspricht umgerechnet etwa der maximal zulässigen täglichen Aufnahmemenge für Menschen. Anschließend verpaarten sich die Tiere, sodass zwei weitere Generationen entstanden. Die Nachkommen bekamen ausschließlich Wasser ohne Süßstoffe zu trinken.

Zunächst analysierten die Forscher den Zuckerstoffwechsel. In der Elterngeneration zeigten sich kaum Unterschiede. Bei den Nachkommen fiel jedoch auf, dass männliche Tiere aus der Sucralose‑Gruppe auf eine Zuckerbelastung anders reagierten als Kontrolltiere: Ihr Blutzucker war teils etwas erhöht, insbesondere in der ersten und teilweise noch in der zweiten Nachkommengeneration. Bei Stevia traten solche Effekte schwächer auf und beschränkten sich weitgehend auf die direkten Nachkommen.

Zudem untersuchte das Forschungsteam die Aktivität ausgewählter Gene in Darm und Leber. Bei Mäusen, die Sucralose erhalten hatten, waren im Darm Gene stärker aktiv, die an Entzündungsreaktionen beteiligt sind, darunter Tlr4 und Tnf. Diese erhöhte Aktivität fand sich auch bei den direkten Nachkommen wieder. In der Leber war zudem das Stoffwechselgen Srebp1, das an der Verarbeitung von Fett und Zucker beteiligt ist, in allen drei Generationen weniger aktiv als in der Kontrollgruppe.

Besonders deutlich fielen die Veränderungen bei der Darmflora aus. Schon bei den Elterntieren verschob sich das bakterielle Gleichgewicht deutlich, vor allem nach Sucralose‑Konsum. Viele dieser Veränderungen tauchten auch bei den Kindern und teils noch bei den Enkeln erneut auf – ein Hinweis darauf, dass eine veränderte Darmflora zumindest teilweise über die Generationen weitergegeben wird. Stevia beeinflusste die Darmbakterien ebenfalls, aber weniger stark.

Dazu passte ein weiteres Ergebnis: Die Konzentration sogenannter kurzkettiger Fettsäuren im Kot war vermindert. Diese Stoffe – darunter Acetat, Propionat und Butyrat – entstehen durch bakterielle Verdauungsprozesse und spielen eine wichtige Rolle für Darmgesundheit, Entzündungshemmung und Stoffwechselregulation. Nach Sucralose‑Konsum blieben ihre Mengen über mehrere Generationen hinweg niedriger als in der Kontrollgruppe.

Die Forscher betonen, dass die Ergebnisse nicht direkt auf den Menschen übertragbar sind. Dennoch zeige die Studie, dass kalorienfreie Süßstoffe den Organismus nicht nur kurzfristig beeinflussen könnten, sondern möglicherweise auch Prozesse anstoßen, die längerfristig und über Generationen hinweg wirken. Welche Bedeutung das für die Ernährung von Menschen hat, müsse nun weiter untersucht werden.

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  • Quellen
Concha Celume, F. et al., Frontiers in Nutrition 10.3389/fnut.2026.1694149, 2026

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