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News: Verdacht entkräftet

Viele Millionen Menschen wurden bis heute präventiv gegen Hepatitis geimpft. Doch diese Schutzmaßnahme kam in den Verdacht, möglicherweise doch eine schlimme Nebenwirkung zu besitzen: das Auslösen von Autoimmunkrankheiten wie zum Beispiel der Multiplen Sklerose. Jetzt wurde von einer Wissenschaftlerin der französischen Charité eine große epidemiologische Untersuchung dazu veröffentlicht. Danach konnte kein signifikanter Unterschied zwischen Geimpften und nicht-Geimpften bezogen auf das Auftreten von Multipler Sklerose festgestellt werden.
Impfstoffe gegen die infektöse Gelbsucht vom Typ B (Hepatitis-B ) sind seit 1981 auf dem Markt. Die ersten wurden aus dem Blut Infizierter gewonnen. Diese sogenannten Plasma-Vakzinen werden seit 1985/86 mehr und mehr von gentechnisch aus Hefen hergestellten, sogenannten rekombinanten Vakzinen abgelöst. Bisher sind insgesamt etwa zweihundert Millionen Menschen vorbeugend gegen Hepatitis-B geimpft worden. Die Impfung gilt als besonders sicher und arm an Nebenwirkungen. Aber immer wieder kam der Verdacht auf, daß die rekombinanten Impfstoffe an der Entstehung von Autoimmunkrankheiten schuld sein könnten. (Science (281 [1998], Seite 630-631). Besonders beunruhigend erschienen vereinzelt mitgeteilte Fälle in der wissenschaftlichen Literatur über einen möglichen Zusammenhang zwischen der Vakzinierung und dem Ausbruch von Multipler Sklerose. Gedanklicher Hintergrund war das sogenannte "molekulare Mimikry", die Vorstellung, daß jene Partikel aus der Virushülle, die wirksame Bestandteile der Impfstoffe sind, womöglich nicht nur die Bildung von Abwehrstoffen (Antikörpern) gegen das Virus in Gang setzen, sondern auch gegen Moleküle im menschlichen Körper, die den Viruspartikeln sehr ähnlich sind und auf diese Weise zur Zerstörung von körpereigenen Strukturen führen. Ob allerdings molekulares Mimikry bei Impfungen eine Rolle spielt, wird noch sehr kritisch gesehen. Beweise fehlen.

Dennoch hat in Frankreich der Arzt Philippe Jacubowicz bis 1998 mehr als sechshundert Fälle gesammelt, bei denen nach einer Hepatitis B-Impfung Symptome auftraten, die vielfach denen von Multiplen Sklerose glichen. In England und Kanada sind jeweils hundert derartige Fälle registriert worden. In den USA sammelt Bonnie Dunbar, Biologin am Baylor College of Medicine in Houston, Texas, solche Fallgeschichten. Bei der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA sind bis 1998 ebenfalls 111 Fälle dokumentiert worden. Aber die FDA konnte nach kritischer Durchsicht der Unterlagen keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Autoimmunkrankheiten und Impfung gegen Hepatitis-B feststellen. Eine Studie im Auftrag der französischen Regierung ergab sogar, daß unter Geimpften Multiple Sklerose seltener auftritt als unter Nicht-Geimpften. Dennoch formierten sich unter der Führung von Rechtsanwälten besonders in Frankreich, England und Kanada Gruppen von Geimpften, die ihre Autoimmunerkrankungen (zu denen Gelenkrheuma oder Multiple Sklerose gezählt werden), auf die Impfung zurückführen und Schadensersatz von den Firmen zu erlangen suchen. Experten der amerikanischen Arzneimittelbehörde, Impfstoffhersteller und Kritiker waren sich schnell einig, daß der Verdacht gegen die Impfstoffe durch epidemiologische Studien an ausreichend großen Populationen überprüft werden müsse. 1998 wurden mehrere solche Studien begonnen. Jetzt hat Frauke Zipp, Privatdozentin an der "Neurologischen Klinik" der Charité, die erste große epidemiologische Untersuchung dazu veröffentlicht (Nature Medicine, 5, 1999, S. 964-965).

Sie ging der Frage nach, ob Entmarkungserkrankungen des zentralen Nervensystems, insbesondere Multiple Sklerose, unter Geimpften überproportional häufig sind. Dazu hat Zipp Krankenversicherungsdaten von 134 698 Amerikanern ausgewertet. 27 229 von ihnen waren zwischen 1988 und 1995 mit rekombinanten Vakzinen gegen Hepatitis-B geimpft worden, die übrigen 107 469 dienten als (nicht-geimpfte) Kontrollpersonen. Insgesamt spiegelten die Daten einen representativen Querschnitt der amerikanischen Bevölkerung. Zipp fand für drei Jahre nach der Impfung keinen signifikanten Unterschied in der Häufigkeit neu diagnostizierter Entmarkungskrankheiten (insbesondere Multipler Sklerose) zwischen Geimpften und nicht-Geimpften, weder zu irgendeinem Zeitpunkt innerhalb der Nachbeobachtungszeit, noch bezogen auf das Alter der Geimpften.

Das Ergebnis dieser kontrollierten Untersuchung dürfte die Neigung stärken, der Hepatitis vorzubeugen, einer Erkrankung, die auf die gleiche Weise verbreitet wird aber hundertmal infektiöser als AIDS ist und an der mindestens eine Million Menschen im Jahr stirbt. In Deutschland muß man jährlich mit 50 000 Neuinfektionen rechnen, von denen aber nur dreizig bis vierzig Prozent Symptome verursachen. Bis zu einem Prozent der Infizierten sterben an einem fulminanten Verlauf der Erkrankung. Von den Überlebenden bleiben in den Industrieländern etwa ein Prozent, in Afrika bis zu dreizig Prozent lebenslang infektiöse Virusträger und damit ständige Ansteckungsquelle für andere Menschen. In Deutschland sind 0,7 Prozent der Bevölkerung (etwa 500 000 Personen) ständig infektiös und können das Virus, meist durch Sexualkontakte, weitergeben. Ein Drittel dieser Virusträger muß mit fortschreitender Lebererkrankung (Leberzirrhose) bis zum vollständigen Ausfall der Leberfunktionen und mit Leberkrebs auf Grund der Virusbefalls rechnen.

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