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News: Vergewaltigung im Krieg wirkt psychisch lange nach

Welche psychischen Langzeitfolgen Frauen ertragen, die im Krieg vergewaltigt wurden, hat Regina Steil untersucht. Die Psychologin an der Friedrich- Schiller-Universität Jena befragte für ihre empirische Studie 32 Frauen, die in Deutschland gegen Ende des Zweiten Weltkrieges vergewaltigt wurden und inzwischen 65 Jahre und älter sind. Sechzig Prozent der Befragten leiden bis heute unter posttraumatischen Belastungsstörungen, die sich in Angstzuständen, Nervosität, Schlafstörungen und leidvollen Erinnerungen äußern.
Bei vielen von ihnen überschattete das sexuelle Gewalterlebnis über Jahrzehnte hinweg das Ehe- und Familienleben. Etwa die Hälfte der betroffenen Frauen verschwieg das Tabu-Thema ihren Ehemännern und Kindern aus Scham und aus Angst vor unverständigen oder verletzenden Reaktionen. Steils Forschungsergebnisse, die in dieser Form erstmals für Deutschland vorliegen, sind weitgehend auf andere Kriegssituationen, etwa in Ex-Jugoslawien, übertragbar.

"Vergewaltigungen im Krieg werden von den Opfern psychisch anders verarbeitet als sexuelle Gewalt im zivilen Leben", erläutert Regina Steil. Weil selbst in hochentwickelten Gesellschaften die psychotherapeutische Versorgungsstrukturen zusammenbrechen, wenn feindliche Truppen das Land besetzen, erhalten die wenigsten Frauen unmittelbare psychologische Hilfe.

Andererseits gelingt es vielen von ihnen, das traumatische Ereignis durch Strategien zu bewältigen, die für Opfer sexueller Gewalt in Friedenszeiten nicht in Frage kommen: Viele Frauen können Vergewaltigung im Krieg leichter verarbeiten, wenn sie sie nicht als individuelles, sondern als unvermeidliches soziales Schicksal und typischen Bestandteil bewaffneter Konflikte bewerten. Nagende Selbstzweifel wie die Vorstellung, eine Mitverantwortung zu tragen – "Ich bin schuld, ich hätte mich anders verhalten müssen" – lassen sich dann besser unterdrücken.

Deshalb leiden auch Frauen, die die Vergewaltigung durch Soldaten erduldeten, ohne sich zu verteidigen, heute weniger an posttraumatischen Belastungsstörungen. Bei Vergewaltigungsopfern in Zivilzeiten verhält es sich genau umgekehrt: Wer sich zur Wehr setzt, hat später weniger Schuldkomplexe. "Kriegszeiten sind nun einmal Ausnahmesituationen", erläutert Regina Steil, "deshalb gelingt es manchen Opfern leichter, die Angst vor erneuter Vergewaltigung abzubauen; sobald wieder Frieden eingekehrt ist, fühlen sie sich sicherer." Auch hat die Psychologin erfahren, daß viele Eltern ihre Töchter auf mögliche Vergewaltigungen vorbereitet haben, als im Zweiten Weltkrieg die Front näherrückte. Steil: "So zynisch es klingt: Diese jungen Frauen und Mädchen haben später leichter damit fertig werden können."

Gerade wenn Besatzermächte planmäßige Massenvergewaltigungen ausüben, müsse den betroffenen Frauen und Kindern schnellstmöglich geholfen werden, fordert Steil mit Blick auf Kroatien, Bosnien-Herzegowina und das Kosovo. Sonst seien die psychosozialen Auswirkungen für die spätere Friedensgesellschaft unüberschaubar. Auch wenn die körperlicher Spuren der Mißhandlung mit der Zeit verschwinden, die ,Narben der Seele' tragen vergewaltigte Frauen ein Leben lang.

Viele ihrer Gesprächspartnerinnen hätten nach dem Ereignis keine normale Sexualität mehr erleben können, berichtet sie, und ihr erduldetes Leid sei nie getröstet oder auch nur gesellschaftlich anerkannt worden. "Wir dürfen dieses Tabu-Thema nicht totschweigen oder an die Zeitgeschichte verweisen", verlangt Dr. Steil, "wir müssen endlich offen darüber reden, gerade weil die Vergewaltigungsopfer des Zweiten Weltkrieges schon so alt sind."

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