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News: Vergiss es!

Dass Erinnerungen verblassen und wir Dinge im Laufe der Zeit vergessen, ist jedem aus eigener Erfahrung bekannt. Forscher haben nun entdeckt, wer auf molekularer Ebene für diesen Verlust verantwortlich ist.
Fast täglich werden wir daran erinnert, wie vergesslich wir sind. Ob beim Lernen für die Schule, das Studium oder einfach nur bei der Suche nach dem verlegten Hausschlüssel – manchmal fällt es uns extrem schwer, uns einst Gelerntes oder bestimmte Erlebnisse ins Gedächtnis zu rufen. Denn die Erinnerung daran scheint teilweise wie ausradiert zu sein – ganz so, als hätte man das, woran man sich erinnern will, nie gesehen, gelernt oder erfahren.

Denn unser Gehirn entscheidet in erster Linie selbst, welche Eindrücke unseres täglichen Lebens es speichert – also für sinnvoll erachtet – und welche in den "Gedächtnis-Reißwolf" gelangen. So verhindert es, dass wertvoller Speicherplatz mit unnützen Informationen belegt wird. Mit steigendem Alter nimmt die Gedächtniskapazität jedoch fortlaufend ab, und die Erinnerung an Vergangenes verblasst unaufhaltsam – ähnlich wie ein altes Foto.

Bislang waren die Erklärungen für den Prozess des Vergessens eher dürftig, doch David Genoux und seine Kollegen von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich haben ein Protein entdeckt, das für diesen "Datenverlust" verantwortlich ist. Das von ihnen identifizierte Enzym ist die so genannte Phosphatase 1 (PP1), einer von vielen Gegenspielern der Kinasen-Enzyme, welche normalerweise andere Proteine aktivieren und auf diese Weise im Gehirn die aufgenommenen Informationen nachhaltig verankern.

Mithilfe gentechnisch veränderter Mäuse, die einen Hemmstoff für PP1 produzieren, führten die Forscher unterschiedliche Lern- und Gedächtnistests durch und verglichen die Ergebnisse mit denen normaler Mäuse. So sollten sich beispielsweise die Tiere verschiedene Objekte merken – wurde eines davon gegen ein neues ausgetauscht und inspizierten die Nager es eingehender als die anderen, werteten die Forscher dies als Hinweis darauf, dass die Tiere sich an die vertrauten Objekte erinnerten und sich daher lieber mit den neuen beschäftigten.

Dabei zeigte sich, dass Pausen zwischen den Übungseinheiten den Lerneffekt verbesserten. Jedoch erzielten Mäuse mit inaktiver PP1 bereits nach wesentlich kürzeren Pausen die gleiche Leistung, für die ihre normalen Artgenossen deutlich längere Unterbrechungen benötigten. Die Wissenschaftler schließen daraus, dass PP1 normalerweise das Gehirn vor einer Überlastung bewahrt, indem es das Lernen erschwert. Längere Pausen zwischen zwei Übungseinheiten ermöglichen es dem Gehirn, die Aktivität des Enzyms zu blockieren und so das Erlernte besser zu festigen.

In einem weiteren Versuch mussten die Mäuse in einem mit trübem Wasser gefüllten Becken die für sie unsichtbare, rettende Plattform finden. Bereits nach wenigen Übungseinheiten erinnerten sich die Mäuse mit inaktiver PP1 rasch an den Ort der Plattform und schwammen sie gezielt an, und das sogar noch acht Wochen nach dem Training. Die Kontrolltiere hingegen schnitten vergleichsweise schlecht ab: Nach nur zwei Wochen hatten sie Lage der künstlichen Insel bereits wieder vergessen.

Selbst Tiere, deren Enzymaktivität erst nach erfolgtem Training gehemmt wurde, erreichten die Plattform danach öfter. Für die Forscher ist dies ein Hinweis darauf, dass ungehemmtes PP1 das Vergessen sogar aktiv beschleunigt – ein Prozess, der selbst bei alten, "gedächtnisschwachen" Mäusen durch die Unterdrückung von PP1 verhindert wurde.

Auch die Tatsache, dass der Spiegel an aktivem PP1 in Mäusen mit ihrem Alter steigt, spricht nach Ansicht der Forscher für die Rolle des Enzyms im Gedächtniszerfall – ein Vorgang, der in Zukunft vielleicht nicht mehr unvermeidbar, aber zumindest eindämmbar werden könnte.

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