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Verhalten: Warum Kristalle für Schimpansen besonders reizvoll sind

Schimpansen zeigen eine besondere Faszination für Kristalle. Doch was macht sie so anziehend? Ihr Interesse könnte helfen zu erklären, warum frühe Homininen Kristalle sammelten, obwohl sie für sie keinen praktischen Nutzen hatten.
Ein Schimpanse sitzt auf einem Boden aus Stroh und untersucht einen rechteckigen Kristall. In der ersten Szene hält der Schimpanse den Kristall in der Hand. In der zweiten Szene betrachtet er ihn aufmerksam. In der dritten Szene leckt er daran.
Der Schimpanse Toti inspiziert interessiert einen Quarzkristall.

Archäologische Funde etwa in Indien oder Südafrika belegen, dass Homininen – also frühe Vertreter der menschlichen Entwicklungslinie wie Homo erectus oder Australopithecus – bereits vor rund 780 000 Jahren Kristalle sammelten, obwohl sie diese weder als Werkzeug oder Waffe noch als Schmuckstück nutzten. Doch warum bewahrten sie sie überhaupt auf? Anscheinend üben Kristalle eine natürliche Faszination aus. Das zeigen Experimente mit Schimpansen, die ein spanisches Forscherteam um den Kristallografen Juan Manuel García‑Ruiz durchführte. Es wählte Schimpansen für die Versuche, weil diese unsere nächsten lebenden Verwandten sind. Beide Entwicklungslinien trennten sich erst vor etwa sechs bis sieben Millionen Jahren, weshalb Schimpansen grundlegende Wahrnehmungsmechanismen mit frühen Homininen teilen könnten.

In den Experimenten erhielten neun an Menschen gewöhnte Schimpansen Zugang zu Kristallen wie Quarz- und Calcitproben, die auch frühe Homininen sammelten. In ersten Versuchen stellten die Forscher einen großen Kristall einem gleich großen Stein gegenüber. Die Tiere näherten sich beiden Objekten neugierig, widmeten sich dann jedoch fast ausschließlich dem Kristall. Sie nahmen ihn auf, drehten ihn in den Händen und betrachteten ihn aus verschiedenen Winkeln. Ein Schimpanse trug ihn sogar in seinen Schlafbereich, um ihn dort näher zu inspizieren. Wollten die Pfleger den Kristall von den Tieren zurück, mussten sie ihn meist gegen begehrte Snacks wie Bananen oder Joghurt eintauschen. Erst nach einiger Zeit ließ das Interesse der Tiere nach.

© Garcia-Ruiz, Lab Donostia International Physics Center
Kristallexperimente mit Schimpansen

Ein zweites Experiment bestätigte die Faszination der Tiere: Aus einem Haufen von 20 runden Kieseln wählten die Schimpansen zielsicher kleine Quarzkristalle aus. Auch Pyrit- und Calcitkristalle erkannten sie zuverlässig als besondere Objekte, obwohl diese unterschiedliche Formen und optische Eigenschaften besaßen. Manche Tiere hielten sich die Steine vor die Augen, um die Transparenz zu prüfen. Ein Weibchen transportierte Kristalle zeitweise im Mund – möglicherweise, um sie zu verstecken. Den Autoren zufolge ist dies ein für Schimpansen ungewöhnliches Verhalten, das darauf hindeuten könnte, dass das Tier die Stücke als besonders wertvoll einordnete. Andere Schimpansen sortierten die Kristalle nach ihrer Form oder dem Glanz. Die Forscher schließen daraus, dass vor allem Transparenz und geometrische Regelmäßigkeit anziehend wirken.

Die Ergebnisse deuten laut den Autoren darauf hin, dass die Faszination für Kristalle bei Schimpansen und Homininen auf ähnlichen Wahrnehmungsmechanismen beruht. Transparente oder geometrisch ungewöhnlich regelmäßige Strukturen sind in der Natur eher selten. Sowohl Menschenaffen als auch frühe Menschen könnten deshalb aufmerksam auf solche Abweichungen reagiert haben. Bei Homininen könnte dieses Interesse womöglich der Ausgangspunkt dafür gewesen sein, Kristalle mitzunehmen und aufzubewahren.

Ganz sicher lässt sich das jedoch nicht sagen. Die an den Experimenten beteiligten Schimpansen leben in enger Nähe zu Menschen und sind an künstliche Objekte gewöhnt, was ihr Verhalten beeinflussen könnte. Ob wild lebende Tiere ähnlich reagieren und in welchem Maß individuelle Neugier oder kulturelle Prägung eine Rolle spielen, müssten weitere Untersuchungen klären. Die Studienautoren sehen die Erkenntnisse dennoch als Hinweis darauf, dass die Wertschätzung für besondere Materialien tief in unserer evolutionären Vergangenheit verwurzelt ist.

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  • Quellen
García-Ruiz, J. et al., Frontiers in Psychology 10.3389/fpsyg.2026.1633599, 2026

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