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Verhalten: Wer hinter den verstümmelten Kegelrobben steckt

Eine Serie an übel zugerichteten, toten Jungtieren ließ Forscher lange rätseln. Nun konnten sie endlich herausfinden, wer den Nachwuchs der Meeressäuger tötete.
Eine Robbe liegt auf einem sandigen Strand, während ein totes Robbenjunges in der Nähe liegt. Der Himmel ist klar und blau, und die Szene vermittelt eine ruhige, natürliche Umgebung.
Dieses Jungtier einer Kegelrobbe ist kurz nach der Geburt verstorben, aber wohl nicht durch einen Artgenossen umgekommen.

Die Insel Sable vor der kanadischen Ostküste beherbergt die weltweit größte Kinderstube an Kegelrobben (Halichoerus grypus): Bis zu 80 000 Jungtiere kommen hier jeden Winter auf die Welt. Doch seit den 1980er-Jahren beobachten Wissenschaftler immer wieder brutal verstümmelten Nachwuchs mit Wunden, die aussehen, als hätte jemand mit einem großen Korkenzieher das Fleisch verstümmelt. Teilweise zählten Beobachter Hunderte tote Jungtiere in einer Saison. Izzy Langley von der University of St. Andrews und ihr Team haben nun herausgefunden, wer hier am Werk war: die eigenen Artgenossen.

Erwachsene Männchen fallen dabei über die teils erst Neugeborenen, teils älteren Jungtiere her und fügen ihnen die verheerenden Wunden zu, die meist im Bereich der Schnauze beginnen und sich dann korkenzieherartig bis zur Brust durchziehen und bis auf die Knochen reichen. Hinweise auf ein derartiges Verhalten hat es bereits früher gegeben, etwa aus Schottland oder von Helgoland. Zudem erbeuten und fressen Kegelrobben auch Seehunde oder Schweinswale. Doch galten diese Ereignisse eher als Einzelfälle, während sie auf Sable in größerem Maßstab beobachtet wurden: 2025 entdeckten Wissenschaftler an einem einzigen Tag 359 Kadaver mit den charakteristischen Verletzungen. Als Verursacher galten hier Haie, die vor der Küste Jagd auf unerfahrene Kegelrobben machen, oder Schiffspropeller, in die Tiere aus Versehen geraten.

Doch 2024 beobachtete Langley im Rahmen einer anderen Studie, wie ein ausgewachsenes Männchen ein Jungtier attackierte, was ihr Interesse weckte. Zusammen mit ihrem Team suchte sie anschließend zweimal wöchentlich die Kolonie nach charakteristisch verstümmelten Kadavern ab und analysierte die Wunden. Immer wieder zeigten sich dabei die Abdrücke starker Fangzähne oder Spuren von Krallen, wie sie sich an den vorderen Flossen der Kegelrobben finden. Damit wühlten die Tiere geschickt im Blubber, der Speckschicht, welche die Meeressäuger als Schutz gegen die Kälte ausbilden.

Die Auswertung von Drohnenbildern aus der Kolonie sowie die dokumentierten Fälle aus anderen Teilen des Verbreitungsgebiets offenbarte dann ausgewachsene Bullen als Fressfeinde: Die Kegelrobbenmännchen attackieren die oft direkt neben ihnen liegenden Jungtiere, um leicht an hochkalorische Zusatznahrung zu kommen. Denn während der Paarungszeit benötigen die Tiere viel Energie, sie gehen aber nicht auf die Jagd nach Fisch. Stattdessen messen sie sich mit Konkurrenten in heftigen Kämpfen um die besten Fortpflanzungsreviere und Weibchen. 

Wahrscheinlich handele es sich bei diesem Kannibalismus um ein erlerntes Verhalten, das nur wenige Individuen praktizieren, weil sie gemerkt haben, dass es ihnen einen Vorteil verschafft. Erleichtert wurde dies durch die stark gestiegene Zahl an Kegelrobben auf Sable, weshalb die Tiere enger zusammenliegen. Ob und wie sich das Töten des Nachwuchses auf den Bestand auswirke, müsse noch untersucht werden, schließen die Forscher.

  • Quellen
Langley, I. et al., Marine Mammal Science 10.1111/mms.70138, 2026

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