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In Bestform: »Wer sportsüchtig ist, kann an nichts anderes mehr denken«

Gern regelmäßig Sport zu treiben, ist klasse. Doch wenn weniger Training sehr unruhig macht, ist das ein Warnzeichen. Woran man eine Sportsucht erkennt und was dann zu tun ist, erklärt Sportpsychologin Nadja Walter im Interview.
Ein Mann trainiert unter freiem Himmel unweit des Monbijoupark in Berlin.Laden...

Nach dem Sport fühlt man sich meist gut, manchmal geradezu beflügelt. Manche packt der Ehrgeiz, sobald sie erste Erfolge sehen, und fordern ihrem Körper womöglich zu viel ab. Wie viel Sport ist noch gesund? Wie merke ich, dass ich süchtig nach Bewegung bin? Sportpsychologin Nadja Walter von der Universität Leipzig erklärt, worauf es ankommt.

»Spektrum.de«: Sport gilt als gesund für Körper und Psyche. Zu viel soll jedoch süchtig machen können. Gibt es ein bestimmtes Limit?

Nadja Walter: Das ist nicht nur individuell sehr unterschiedlich, sondern auch schwierig festzulegen. Bei der Sportsucht handelt es sich um eine Verhaltensabhängigkeit wie Kaufsucht oder Spielsucht. Es existiert keine offizielle Definition, es gibt auch keine anerkannte Krankheitsdiagnose, die in einem klinischen Handbuch wie dem ICD-10 festgeschrieben ist. Aber es gibt Warnsignale – bekannt von anderen Abhängigkeiten –, die auf eine Sportsucht hindeuten.

Welche?

Ein erster Hinweis sind Entzugssymptome. Wenn betroffene Athletinnen oder Athleten gezwungen werden, weniger zu trainieren oder ganz darauf zu verzichten, sind sie oft ruhelos oder können schlecht schlafen. Manche werden aggressiv oder depressiv, oft binnen weniger Tage. Ein weiterer wichtiger Faktor ist der Kontrollverlust: Die Menschen sind nicht in der Lage, ihr Training selbstständig abzubrechen oder zu reduzieren. Der ganze Tagesablauf ist danach ausgerichtet, und sie können nicht darauf verzichten.

Die Sportpsychologin und Sportwissenschaftlerin Nadja Walter forscht am Institut für Sportpsychologie und Sportpädagogik der Universität Leipzig.Laden...
Nadja Walter | Die Sportpsychologin und Sportwissenschaftlerin forscht am Institut für Sportpsychologie und Sportpädagogik der Universität Leipzig.

Ich zum Beispiel laufe regelmäßig und mache das wahnsinnig gerne. Habe ich deshalb ein erhöhtes Risiko, sportsüchtig zu werden?
Nicht per se. Aber wenn ich mit Ihnen jetzt einen Fragebogen durchgehen würde, der dafür konzipiert wurde, die Symptome einer Sportsucht zu erkennen, würden Sie bei bestimmten Fragen wohl relativ hohe Werte erzielen. Wahrscheinlich erhöhen Sie hin und wieder die Intensität und Umfänge ihres Trainings, beispielsweise, weil Sie an einem Wettkampf teilnehmen möchten. Dabei entwickeln Sie eine gewisse Toleranz.
Was meinen Sie damit?

Sie müssen immer mehr trainieren, um sich zu verbessern oder dieselben positiven Gefühle zu haben wie zuvor. Vielleicht hatten Sie sogar schon Entzugssymptome. Ist es schon mal vorgekommen, dass Sie sich »wie der Tiger im Käfig« gefühlt haben? Dass Sie unruhig waren und das Gefühl hatten, unbedingt wieder Sport treiben zu müssen? Vielleicht, wenn Sie durch viele Termine oder eine hartnäckige Erkältung für längere Zeit daran gehindert wurden.

Das passiert mir sogar häufiger. Wenn ich viel am Schreibtisch sitze, werde ich oft hibbelig.

Dann würden Sie auf der Skala »Entzugssymptome« recht hoch abschneiden. So kann es passieren, dass Menschen, denen Sport wichtig ist und die daran gewöhnt sind, ähnlich hohe Werte erzielen wie Sportsüchtige.

Von Sportlerin zu Sportlern

Nadja Walter lebt außerhalb von Leipzig. Um den Berufsverkehr zu umgehen, fährt sie an manchen Tagen schon um 6 Uhr morgens zu ihrem Arbeitsplatz und dreht dort auf dem Sportplatz ihre Runden. Sie läuft dann etwa eine halbe Stunde. Die genießt sie sehr, dabei bekomme sie eine Riesenportion Sauerstoff ab und habe etwas Zeit, um nachzudenken, sagt sie. Das Laufen sei für sie ein Quell großer Ideen. Wenn sie von zu Hause arbeitet, schläft sie aber auch gerne etwas länger und geht nicht laufen. Im Sommer ist sie für jede Sportart zu begeistern, die sich am See oder auf der Wiese betreiben lässt.

Wo genau liegt dann der Unterschied zur Sportsucht?

Sportsüchtige sind nicht in der Lage, ihre sportliche Aktivität einzuschränken oder auszusetzen, wenn sie verletzt sind oder Schmerzen haben. Mit einer schweren Erkältung oder Blasen an den Füßen würde sich ein gesunder Mensch sagen: »Nein, heute mache ich keinen Sport, sondern kuriere mich erst mal aus.« Genau das kann ein Sportsüchtiger oder eine Sportsüchtige nicht. Ein Mensch, der wirklich sportsüchtig ist, kann an nichts anderes mehr denken – so wie ein Alkoholkranker ständig ans Trinken denkt. Das Sporttreiben ist zum Zwang geworden.

»Betroffene umgeben sich oft nur noch mit Leuten, die ebenfalls Sport treiben, und sprechen ausschließlich über dieses Thema«

Mit welchen Folgen?

Manche mögen Sportsucht belächeln, aber der Leidensdruck kann groß sein. Betroffene gehen über ihre physischen und psychischen Grenzen hinaus. Das provoziert Konflikte mit Familie und Freunden sowie im Beruf. Oft umgeben sich Menschen, die von einer Sportsucht gefährdet sind, nur noch mit Leuten, die ebenfalls Sport treiben, und sprechen ausschließlich über dieses Thema. Sie entwickeln eine Ingroup-Identität und können oft nicht verstehen, dass es auch noch andere Freizeitaktivitäten gibt.

Wie häufig ist das unter Sportlern?

Schwer zu sagen. Die Zahlen schwanken von drei Prozent bis mehr als 20 Prozent, je nach Untersuchungsmethode und Sportart.

Welche Sportart macht denn eher süchtig als andere?

Bekannt ist, dass die Suchtgefährdung bei Ausdauersportarten wie Laufen, Radsport, Schwimmen oder Triathlon höher ist. Man kann aber auch süchtig nach Mannschaftssport wie Volleyball sein. Die Kollegen Simone Breuer und Jens Kleinert haben 2009 eine vorsichtige Schätzung gemacht, nach der jeder 100. Sportler Auffälligkeiten zeigt, jeder 1000. hat manifeste Störungsmerkmale, und jede 10 000. Person ist behandlungsbedürftig.

Sie haben online 500 Menschen zum Sporttreiben befragt, um mehr über ihr Risiko, an einer Sportsucht zu erkranken, herauszufinden. Was kam dabei heraus?

Wir hatten eine relativ hohe Anzahl von Leuten, die eine hohe Bindung zum Sport aufwiesen. Etwa 78 Prozent der Probandinnen und Probanden erzielten auf unseren Skalen so hohe Werte, dass wir sie als »nicht abhängig, aber symptomatisch« bezeichnen mussten. Besonders oft waren es Leistungssportler. Das klingt logisch. Schließlich müssen sie ihre Ziele kontinuierlich höherstecken, um erfolgreich zu sein.

Doch um ein Suchtrisiko tatsächlich einschätzen zu können, braucht man unbedingt noch weitere Informationen. Über die Ernährung zum Beispiel. Es macht einen Unterschied, ob man Sport des Sports wegen macht oder weil man abnehmen will und zwanghaft viel Bewegung mit einer Essstörung einhergeht. Fachleute sprechen daher von primärer und sekundärer Sportsucht.

Wie die Sportsucht entdeckt wurde

Das Phänomen Sportsucht fiel erstmals 1970 auf. Das damalige Forschungsziel war aber eigentlich ein ganz anderes. Der US-amerikanische Psychiater Frederick Baekeland wollte herausfinden, wie es sich auf die Schlafmuster und -gewohnheiten von Athletinnen und Athleten auswirkt, wenn sie plötzlich keinen Sport mehr treiben. Darum forderte er Menschen, die normalerweise fünf- bis sechsmal pro Woche laufen gehen, dazu auf, einen Monat lang darauf zu verzichten. Dazu war allerdings keiner der Sportler bereit – selbst, als Baekeland ihnen Geld anbot.

Wie häufig treten Sportsucht und Essstörung gemeinsam auf?

Bei 40 Prozent der Betroffenen ist das laut manchen Studien der Fall. Anderen Erhebungen zufolge sogar mehr. Essgestörte Menschen setzen verschiedene Methoden ein, um ihr Gewicht zu kontrollieren. Dazu gehört neben strikter Diät oft auch mehr Training.

Gibt es bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, die solch Verhalten begünstigen?

Das ist nicht vollständig geklärt. Bekannt ist, dass bestimmte Eigenschaften wie ein geringes Selbstbewusstsein, ein hohes Streben nach Perfektionismus oder Erfolg relevant sind. Auch der Wunsch nach Bewältigung und Entspannung ist häufig mit einer Sportsucht assoziiert. Hier zeigt sich wieder eine Parallele zu anderen substanzgebundenen Süchten: Viele Betroffene haben mit Krisensituationen zu kämpfen und versuchen, diese mit Hilfe ihrer Sucht zu bewältigen – sei es Sport, Alkohol oder Rauchen.

Die Corona-Pandemie ist eine Krisensituation. Erwarten Sie also, dass es künftig mehr sportsüchtige Menschen gibt?

Nicht unbedingt mehr, aber ich kann mir vorstellen, dass bei denjenigen, die jetzt betroffen sind, die Pandemie der Auslöser war. Oder zumindest wichtige Momente getriggert hat, in denen sie sich gesagt haben: »Ich muss jetzt mehr Sport treiben.« Wir sind gerade dabei, Daten mit einer Online-Umfrage zu erheben. Die Befragung richtet sich ausschließlich an Läuferinnen und Läufer, sowohl aus dem Hobby- als auch dem Wettkampfbereich. Interessierte können sich noch anmelden.

Gibt es schon Zwischenergebnisse?

Die Daten sind noch unveröffentlicht. Es zeichnet sich jedoch etwas Unerwartetes ab: Diejenigen, die vorher eher leistungsorientiert waren, also hohe Werte auf der Suchtskala hatten, haben sich bei der Befragung im ersten Lockdown eher gesundheitsbewusst gezeigt. Ihre Werte sind gesunken. Womöglich lässt sich das durch Dinge wie Homeoffice, Kinderbetreuung oder Ähnliches erklären, wodurch das Sporttreiben eher in den Hintergrund gerückt ist.

»Bei den meisten substanzgebundenen Süchten gilt Abstinenz als probates Mittel der Heilung. Bei einer Sportsucht ist das etwas anders«

Wenn ich an mir oder jemand anderem ein Besorgnis erregendes Verhalten beobachte, was sollte ich dann tun?

Wenn Sie den Verdacht haben, dass jemand sportsüchtig ist, sollten Sie der Person raten, sich professionelle Beratung zu suchen. Das muss nicht gleich ein Psychiater oder eine Psychotherapeutin sein, es gibt auch sportpsychologische Beratungsstellen.

Oder vielleicht einfach mal keinen Sport machen?

Bei den meisten substanzgebundenen Süchten gilt Abstinenz als probates Mittel der Heilung. Bei einer Sportsucht ist das etwas anders. Es muss ein Umdenken stattfinden. Die Umfänge sollten reduziert werden, vielleicht hilft es, andere Sportarten und Freizeitaktivitäten auszuprobieren. Das Ziel sollte letztlich aber sein, die zu Grunde liegenden Muster aufzudecken und sie zu lösen. Allein kann das schwierig sein, und dann ist es nur ratsam, andere um Hilfe zu bitten.

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