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News: Verlorene Unschuld

Sie galten als Paradebeispiel für ein Volk, das im Einklang mit der Natur lebt: die Inuit. Doch die in Europa Eskimos genannten Bewohner der arktischen Regionen haben ökologisch durchaus ihre Spuren hinterlassen.
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"Esquimantsik" geht nicht nur schwer von der Zunge, es ist auch wenig schmeichelhaft, bedeutet es doch "Rohfleischfresser". So bezeichneten die Indianer Kanadas ihre nördlichen Nachbarn; die Europäer verballhornten den Namen zu "Eskimos". Die Menschen der Arktis bevorzugen dagegen für sich selbst das Wort "Inuit", was schlicht "Mensch" oder "Volk" heißt.

Über die Bering-Straße aus Sibirien vor vielleicht 8000 Jahren eingewandert, besiedelten die Inuit weite Regionen in Alaska, Nordkanada und Grönland und lernten dabei, mit dem rauen Klima der Arktis fertig zu werden. Sie lebten in kleinen Familienverbänden zusammen und ernährten sich von Fischfang sowie der Jagd nach Robben, Eisbären und Walen. Heute sind etwa 45 000 Inuit in Grönland, jeweils 32 000 in Alaska und Kanada sowie einige Tausend in Sibirien beheimatet – angesichts der Weite des Raums eine eher bescheidene Bevölkerungsdichte.

Traditionell waren sich die Inuit immer ihrer Abhängigkeit von der Natur bewusst. So verschonten sie trächtige Robben sowie säugende Muttertiere samt ihrer Jungen, was heute als "nachhaltige Bewirtschaftung" bezeichnet wird. Die Ökosysteme der Arktis genossen daher auch den Ruf der letzten Refugien der Natur, die – bis zur Ankunft der Europäer – noch nahezu unberührt blieben.

Doch stimmt das überhaupt? Unter der Leitung von Marianne Douglas von der Universität Toronto ist ein kanadisches Team von Geologen, Biologen und Anthropologen dieser Frage näher auf den Grund gegangen – und zwar anhand eines nur einen halben Meter tiefen, dafür aber etwa 400 Meter langen und bis 100 Meter breiten namenlosen Sees auf der Insel Somerset in der kanadischen Arktis. Hier existierte vom 13. bis zum Ende des 16. Jahrhunderts eine Siedlung, deren Vorfahren vor etwa 1000 Jahren aus Alaska kamen und von den heutigen Inuit als "Taissumanialungmiut" bezeichnet werden – zu deutsch: "die Menschen von vor langer Zeit". Archäologen ziehen das kürzere Wort "Thule-Kultur" vor.

Thule-Inuit wohnten nicht in den berühmten Iglus, sondern sie bauten sich ihre Unterkünfte aus Walknochen. In dem Gebiet um den See fanden die Archäologen die Überreste von sechs derartigen Behausungen. Vermutlich haben in dem winzigen Dorf einst 50 bis 60 Menschen gelebt.

Die Forscher analysierten nun die Geschichte des Sees der letzten 1200 Jahre, wobei sie anhand von Bohrkernen den Nährstoffgehalt sowie die biologische Besiedlung rekonstruieren konnten.

Dabei zeigte sich, dass der See durchaus nicht unberührt ist und war: Mit Beginn der Thule-Siedlung um das Jahr 1200 nahm der Stickstoffgehalt des Sees zu, seine Biologie wurde drastisch umgestellt. So gingen die Bestände der für arktische Seen typischen Kieselalge Fragilaria pinnata stark zurück und wurden durch die Art Pinnularia balfouriana ersetzt. Offensichtlich hatten die Abfälle der Inuit, insbesondere durch die von ihnen genutzten Walknochen, die Ökologie des Gewässers verändert – und das nachhaltig.

Denn obwohl die Inuit das Gebiet um 1600 wieder verließen, hat sich das alte Gleichgewicht in dem See bisher nicht wieder eingestellt. Der Nährstoffgehalt ist immer noch verhältnismäßig hoch, da auch heute noch die organische Hinterlassenschaft der einstigen Bewohner langsam verrottet. Interessanterweise verschwand die Alge F. pinnata, deren Bestände sich nach 1600 wieder erholt hatten, erneut vor etwa hundert Jahren – als das Gebiet längst wieder menschenleer war. Doch auch hier hatte der Mensch, wenn auch indirekt, seine Finger im Spiel: Die Forscher sehen den Rückgang der Algenart im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung, wodurch der biologische Abbau des Inuitmülls und damit die Eutrophierung des Sees beschleunigt wurde.

Der Mensch hat also schon zu Urzeiten seine Umwelt beeinflusst – wenn auch nicht so intensiv wie seit der Industrialisierung. "Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie", meinen die Wissenschaftler, "dass sich in den hohen arktischen Breiten, die im Allgemeinen als die letzten Refugien vor menschlichen Störungen gelten, die ältesten Nachweise für einen menschlichen Einfluss auf die Ökologie von Süßgewässern finden. Dieses Erbe eines vorgeschichtlichen Eingriffs ist immer noch in der heutigen Biologie des Sees wirksam."

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