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Psychologie: »Verschwörungstheoretikern bedeutet es viel, einzigartig zu sein«

Zu Covid-19 kursieren diverse Verschwörungstheorien und Fake News. Ein Grund: »Menschen meinen, für große Ereignisse große Erklärungen finden zu müssen«, sagt der Psychologe Roland Imhoff im Interview.
Verschwörungstheorien und Nachrichten verbreiten sich schnell via Chats und im Netz.Laden...

Spektrum.de: Wir sollten zunächst die Begrifflichkeiten klären. Was unterscheidet Verschwörungstheorien von Fake News?

Wer an eine Verschwörungstheorie glaubt, ist der Meinung: Einige wenige Menschen mit Macht haben sich geheim verabredet, um etwas zu ihrem Vorteil zu planen, ohne dass die Welt davon erfährt. Fake News sind etwas anderes. Die verbreitet jemand bewusst, um andere zu täuschen. Die Person weiß, dass die Informationen falsch sind, und hat oft ein politisches Motiv. Fake News können Verschwörungstheorien sein, müssen aber nicht. Noch etwas anderes ist die Falschmeldung. Zur Corona-Pandemie gibt es gerade viele. Wer sie weiterleitet, hat keine böse Absicht, sondern weiß es bloß nicht besser.

Wie entstehen Verschwörungstheorien?

Menschen meinen, für große Ereignisse große Erklärungen finden zu müssen. Viele haben eine Abneigung gegen den Zufall – je größer das Ereignis ist, desto stärker. Dass ein Wildtier die Corona-Krise ausgelöst haben soll, ist für manche eine zu popelige Erklärung dafür, dass nun die ganze Welt Kopf steht. Auch wenn das die Wahrheit ist und es eine starke wissenschaftliche Evidenz dafür gibt, dass Sars-Cov-2 aus einem Tier stammt, scheint die Begründung nicht proportional zu dem Ereignis zu sein. Große Ereignisse erfordern große Erklärungen. Das war schon bei 9/11 so und auch bei dem herbeigeführten Germanwings-Absturz, der sich nun zum fünften Mal jährte.

Der Psychologe Roland Imhoff forscht unter anderem zu Verschwörungstheorien.Laden...
Roland Imhoff | Der Professor für Sozial- und Rechtspsychologie lehrt und forscht seit 2015 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Verschwörungsmentalitäten sind ein Forschungsschwerpunkt des Psychologen.

Die Terroranschläge am 11. September 2001 hatte das islamistische Terrornetzwerk Al Kaida geplant. Im Fall des Flugzeugabsturzes haben die französischen Ermittler berichtet, dass der Kopilot das Flugzeug vorsätzlich zum Absturz brachte. Warum möchten manche Menschen derlei Wahrheit nicht akzeptieren?

Weil Verschwörungstheorien ihnen mehr Kontrolle über die Welt geben, oder zumindest eine Illusion von Kontrolle. Die Betroffenen fühlen sich dann weniger als Spielball. An Verschwörungen kann man schließlich etwas ändern – man müsste ja nur wenigen Schurken das Handwerk legen. Ich möchte jedoch betonen, dass Verschwörungstheorien nicht notwendigerweise falsch sind – sie sind nicht dasselbe wie eine Lüge. Zunächst sind sie lediglich die Vermutung, dass sich Menschen miteinander verschworen haben könnten. Verschwörungstheoretiker per se als Spinner abzutun, ist nicht richtig.

Die Kunst des Widerlegens

Es ist gar nicht so einfach, mit Gerüchten aufzuräumen. Ein zu plumper Versuch – etwa nur durch das Konfrontieren mit Fakten mit Fokus auf der Falschmeldung – erreicht oft das Gegenteil und verstärkt die Weltanschauungen der Verschwörungstheoretiker noch. In drei Schritten verhindern Sie den Bumerang-Effekt:

1. Fakten darlegen

Betonen Sie zuerst die Fakten, nicht die Falschmeldung, damit sie sich nicht weiter verfestigt. Überladen Sie das Gegenüber dabei nicht mit Informationen – wenige Argumente sind stärker als viele. Beispiel: »US-amerikanische Wissenschaftler konnten nachweisen, dass Sars-Cov-2 nicht im Labor entstand und kein absichtlich manipuliertes Virus ist.«

2. Warnungen platzieren

Wann immer Sie das zu widerlegende Gerücht erwähnen, sollten Sie zuvor eine Warnung platzieren. So weiß das Gegenüber klar, dass als Nächstes eine Falschinformation folgt. Beispiel: »Im Internet kursiert die Falschmeldung, die Chinesen hätten das Virus im Labor gezüchtet, um es als Biowaffe einzusetzen.«

3. Alternative präsentieren

Ein ausgeräumtes Gerücht hinterlässt eine Lücke. Deshalb muss eine alternative Erklärung her. Beispiel: »Die Untersuchungen der Molekülstruktur im Labor haben eindeutig bewiesen, dass das Virus seinen Ursprung in Wildtieren hat. Durch den Kontakt mit einem Schuppentier, wahrscheinlich auf einem Markt, hat sich der erste Mensch infiziert.«

Quelle: »Widerlegen, aber richtig!« von John Cook, University of Queensland, und Stephan Lewandowsky, University of Western Australia

Lässt sich sagen, wie viele Menschen in Deutschland an solche Theorien glauben?

Das ist nicht so leicht zu beantworten. Das Interesse an einfach zu kommunizierenden Prozentzahlen mag groß sein. Leider sind diese jedoch in meinen Augen unzulässige Vereinfachungen komplizierterer Befunde, auch wenn Schätzungen kursieren, dass zum Beispiel 30 Prozent der Menschen in den USA an Verschwörungstheorien glauben.

Wie messen Wissenschaftler das?

Typischerweise fragen sie ab, ob jemand konkreten Verschwörungstheorien zustimmt, etwa: »Die Mondlandung der Apollo hat nie stattgefunden, sondern wurde in einem Filmstudio gedreht.« Die Befragten kreuzen auf einer meist vier- bis siebenstufigen Zustimmungsskala an – von »Stimme gar nicht zu« bis »Stimme voll zu«. Manche Kollegen zählen dann diejenigen, die oberhalb des Mittelwerts antworten, als Zustimmung. Das allein ist eine Vereinfachung.

»Egal, von welcher Verschwörungstheorie jemand überzeugt ist: Er bildet sie sich immer nach dem Zwiebelprinzip«

Sind Menschen aus bestimmten Bildungs- oder Altersgruppen anfälliger?

Fest steht, dass es immer dieselben Typen sind. Bestimmte Motive und die Selbstwahrnehmung sind relevant. Wer eher an Verschwörungstheorien glaubt, dem bedeutet es viel, einzigartig zu sein und etwas ganz Besonderes. Nach dem Motto: »Ihr Schafe glaubt alle die offizielle Version, aber ich durchschaue die Lage und weiß es besser.« Oft neigen jene Menschen zu Verschwörungstheorien, die das Gefühl haben, wenig Kontrolle über ihr Leben zu haben. Verschwörungstheorien kompensieren dieses Empfinden und geben ihnen eine gewisse Kontrolle zurück. Das Alter oder Intelligenz spielen keine Rolle, wohl aber die Bildung – nicht weil gebildete Menschen per se gefeiter sind, sondern weil geringe Bildung häufig verquickt ist mit geringeren Chancen, aktive Kontrolle über seinen Lebensweg ausüben zu können.

Welche Verschwörungstheorien kursieren zur Coronavirus-Pandemie?

Im Zusammenhang mit dem Coronavirus gibt es zwei große Verschwörungstheorien: Die einen sagen, das Virus sei ein biochemischer Kampfstoff. Die anderen unterstellen, dass die Gefährlichkeit von Covid-19 aus unlauteren Interessen absichtlich aufgebauscht werde, obwohl die Krankheit harmlos sei. Egal, von welcher Verschwörungstheorie jemand überzeugt ist: Er bildet sie sich immer nach dem Zwiebelprinzip, wie wir das nennen. Über die Wahrheit legen Verschwörungstheoretiker schichtweise ihre eigenen Thesen, die erklären sollen, warum die offizielle Version so erzählt wird.

Welche Behauptungen zu Covid-19 derzeit kursieren und was davon zu halten ist, sammeln wir hier für Sie. Wie tödlich ist das Coronavirus? Was ist über die Fälle in Deutschland bekannt? Wie kann ich mich vor Sars-CoV-2 schützen? Diese Fragen und mehr beantworten wir in unseren FAQ. Mehr zum Thema lesen Sie auf unserer Schwerpunktseite »Ein neues Coronavirus verbreitet sich weltweit«. Montags bis freitags bieten wir zudem ein Corona-Update als Podcast.

Manche streuen die Behauptung, Covid-19 sei nicht schlimmer als eine Grippe und solle von den körperlichen Schäden durch das 5G-Netz ablenken …

Ja. Und wieder andere glauben, das Virus sei absichtlich verbreitet worden. Beide Theorien hängen mit einem problematischen Verhalten zusammen: die erste mit weniger solidarischem und infektionseindämmendem Verhalten, die zweite mit egozentrischem Schutzverhalten.

»Die Menschen vertrauen während der Corona-Pandemie offiziellen Verlautbarungen mehr, als es bisher in Ausnahmesituationen der Fall war«

Was ist das Kurioseste, das Sie je gehört haben?

Es gibt sehr viele extrem sonderbare Verschwörungstheorien. Von denen, die hinreichend kurios und trotzdem verbreitet sind, lassen mich zwei immer wieder den Kopf schütteln: die Flat Earth Conspiracy, die besagt, dass die Erde eine Scheibe wäre, was uns vorenthalten werde. Und diejenige, dass wir von gelbäugigen Eidechsen regiert und kontrolliert würden, die menschliche Hautanzüge tragen.

Es heißt, dass Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, eher bereit sind, die eigenen Interessen mit illegalen Mitteln durchzudrücken. Geht von Verschwörungstheorien also eine Gefahr aus?

Eine vor Kurzem von mir veröffentlichte Studie hat ergeben, dass politischer Extremismus und Gewaltbereitschaft mit dem Glauben an Verschwörungen einhergehen. Warum sich selbst an die Regeln halten, wenn diese Mächtigen es auch nicht tun? Es gibt aber noch ein anderes Risiko: Je stärker jemand an Verschwörungstheorien glaubt, desto weniger unterscheidet die Person die Qualität von Informationsquellen. Das haben unsere Untersuchungen ergeben. Für Verschwörungstheoretiker ist eine Information auf Youtube genauso viel wert wie die Verlautbarungen des Robert Koch-Instituts.

Es wäre also wichtig, die Medienkompetenz zu stärken?

Ja, einerseits. Andererseits müssen Menschen lernen, bestimmten Quellen auch zu vertrauen. Schließlich wird sich jetzt niemand zu Hause ein eigenes Labor aufbauen und das Coronavirus selbst untersuchen – irgendeiner Quelle müssen wir glauben. Mein Eindruck ist jedoch, dass die Menschen während der Corona-Pandemie offiziellen Verlautbarungen mehr vertrauen, als es bisher in Ausnahmesituationen der Fall war. So bitter das alles ist: Vielleicht ist diese Krise eine Chance, das Vertrauen in die Wissenschaft wieder zu stärken.

16/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 16/2020

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