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Paläoanthropologie: Vetter mit Sprachtalent

Viele Jahrhunderte verfügten unsere Vorfahren über ein anatomisch modernes Gehirn. Doch erst mit dem Erwerb von Sprache entfalteten sich jene geistigen Fähigkeiten, die uns in der Evolution einen Sonderstatus verleihen. Sind wir die einzigen Vertreter der Gattung Homo mit dieser wertvollen Gabe?
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Man stelle sich eine menschliche Kultur ohne Sprache vor: ohne die Debatten, in denen wir unser soziales Zusammenleben koordinieren; ohne die einfachen Gespräche des Alltags, aus denen wir Informationen beziehen und unser Handeln ableiten; und ohne die erhellenden Schriften, in denen wir das Wissen unserer Welt sammeln und weitergeben. Wie hätten die frühen Menschen ihr Überleben in der freien Natur ohne das entscheidende Mittel der Kommunikation sichern können?

Ansicht eines NeandertalersLaden...
Ansicht eines Neandertalers | Er jagte wilde Tiere, schuf Steinwerkeuge und kleidete sich ein – doch ob der Neandertaler auch eine Sprache beherrschte, ist umstritten.
Der Neandertaler lebte in solch einer sprachlosen Welt, wie Analysen seiner Schädelbasis andeuteten. Sein gesamter Stimmapparat erschien noch zu primitiv, als dass er zu komplexer Sprache fähig gewesen wäre. Auch sein Kehlkopf war nicht weit genug entwickelt: Beim modernen Menschen sitzt er tief unten im Hals und ermöglicht uns so ein breites Spektrum von Lauten.

Beim Neandertaler ließen Schädelwölbungen jedoch darauf schließen, dass sein Kehlkopf höher gelegen haben muss – und damit die Vielfalt seiner Laute erheblich eingeschränkt hat. Dass die Neandertaler über eine Sprache miteinander kommunizierten, hielten Forscher deshalb für wenig wahrscheinlich.

Hart im Nehmen

Trotzdem meisterte Homo neanderthalensis die Herausforderungen im eiszeitlichen Europa mit Bravour. Er begann mit der Jagd großer Tiere, kleidete sich ein und bezog schützende Behausungen. Vor allem seine ausgefeilten Steinwerkzeuge waren mit viel Geschick gefertigt. Doch wie hätten solche Fähigkeiten von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden können, wenn nicht über Sprache?

Tatsächlich wurden Paläoanthropologen im Jahr 1983 fündig: In der israelischen Kebara-Höhle stießen sie auf das 60 000 Jahre alte Grab eines erwachsenen Neandertalers. Neben dem Unterkiefer entdeckten sie auch ein fast vollständig erhaltenes Zungenbein, das beim Menschen als einziger Knochen nicht mit anderen Knochen verbunden ist, sondern mit dem weichen Gewebe des Kehlkopfes.

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Knochen-Arbeit | Aus Knochen eines Neandertaler-Fundes in Nordspanien gewannen die Forscher DNA und sequenzierten anschließend das Sprach-Gen FOXP2.
An dem hufeisenförmigen Zungenbein setzen viele Bänder und Muskeln an, welche der Zunge ihre Beweglichkeit verleihen – die sie vor allem beim Reden braucht. Konnten die Neandertaler also doch sprechen? Zumindest eine primitive Lautsprache trauen Paläoanthropologen unseren Vettern zu – ob H. neanderthalensis allerdings auch eine komplexe Sprache beherrschte, lässt sich aus anatomischen Analysen nicht ableiten.

Paläoanthropologie geht auf die Knochen

Neue Hinweise liefern genetische Untersuchungen. Als besonders heißer Kandidat gilt das einzige bislang bekannte Sprach-Gen FOXP2, das vermutlich den Menschen befähigt, sich klar zu artikulieren und die Wörter beim Zuhören zu verstehen. Brachte FOXP2 vielleicht auch den Neandertaler zum Sprechen?

Schließlich treten die von FOXP2 kodierten Proteine nicht nur beim Menschen auf: Auch Affen, Menschenaffen und Mäuse tragen solche Eiweiße – ebenso wie vermutlich noch viele andere Säugetiere. Der Unterschied steckt allerdings im Detail: So differieren die Proteine des Menschen in nur zwei Aminosäure-Sequenzen von den Eiweißen des Schimpansen. Sein außergewöhnliches Sprachtalent verdankt Homo sapiens deshalb wohl eben diesem Sequenzunterschied von FOXP2.

Der Neandertaler – ein Sprachkünstler

Um zu prüfen, ob auch der Neandertaler über diese Mutationen verfügte, haben Wissenschaftler um Johannes Krause und Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig nun das Sprach-Gen bei H. neanderthalensis sequenziert. Aus den fossilen Überresten eines Neandertaler-Skeletts, das in der Höhle von Sidron in Nordspanien entdeckt worden war, hatten sie zuvor eine Probe entnommen, aus der sie das Erbgut gewannen.

Ein Vergleich mit den Aminosäure-Sequenzen des von FOXP2 kodierten Proteins beim Menschen zeigte, dass die Eiweiße von Mensch und Neandertaler tatsächlich identisch sind. "Bezogen auf dieses Gen gibt es also keinen Grund, warum der Neandertaler nicht die Fähigkeit zur Sprache gehabt haben sollte", meint Krause. Allerdings könnte die Sprachfähigkeit noch durch weitere, bislang unbekannte Gene beeinflusst werden.

"Bislang gingen wir davon aus, dass die Veränderungen des Sprachgens einsetzten, nachdem sich Mensch und Neandertaler vor etwa 300 000 Jahren getrennt hatten", ergänzt Pääbo. Die neuen Ergebnisse legen nun aber die Vermutung nahe, dass die Evolution des Sprach-Gens bereits bei einem unserer gemeinsamen Vorfahren einsetzte. Über die Sprachfähigkeiten des Neandertalers wird sich in Zukunft dennoch nicht viel sagen lassen – schließlich ist seine Stimme für immer verstummt.
19.10.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 19.10.2007

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