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Mikrobiom

Viele Medikamente greifen Darmbakterien an

Hunderte Medikamente gegen eine Vielzahl von Krankheiten schädigen vermutlich die Darmflora - weit mehr als bisher bekannt.
In unserem Darm siedeln unzählige Bakterien, die dort meist wertvolle Verdauungsarbeit leisten. Mitunter breiten sich allerdings gefährliche Keime aus, die zu schweren Durchfällen führen.

Etwa ein Viertel aller Medikamente stört das Wachstum von Darmbakterien. Darauf weisen Versuche mit mehr als 1000 zugelassenen Pharmazeutika hin, die eine Arbeitsgruppe um Lisa Maier, Mihaela Pruteanu und Michael Kuhn vom European Molecular Biology Laboratory (EMBL) in Heidelberg durchgeführt hat. Wie die Gruppe jetzt in "Nature" berichtet, hemmten 27 Prozent der untersuchten Stoffe, die nicht auf Bakterien zielten, das Wachstum mindestens eines Bakterienstamms der menschlichen Darmflora. Das Ergebnis bestätigt frühere Studien, denen zufolge Medikamente die Darmflora verändern können; von einer ganzen Reihe der getesteten Wirkstoffe war ihre antimikrobielle Aktivität jedoch bisher nicht bekannt. Neben einer veränderten Darmflora könnten die unerwünschten antibakteriellen Effekte auch Antibiotikaresistenzen fördern, so das Heidelberger Team – umgekehrt aber ebenso als Modell für neue Wirkstoffe dienen.

Insgesamt testete das Heidelberger Team eine Auswahl von 40 Bakterienarten, die nach Ansicht der Gruppe für das menschliche Mikrobiom repräsentativ sind, darunter bekannte Vertreter wie Escherichia coli und die bei Neugeborenen und Säuglingen besonders häufigen Bifidobakterien. Dass die 156 getesteten Antibiotika die Mikroben am Wachstum hindern, ist keine Überraschung – doch weit verbreitete Medikamentenklassen, zum Beispiel Protonenpumpeninhibitoren oder Antipsychotika, zeigten in den Versuchen ebenfalls antimikrobielle Wirkungen. Maier und ihr Team vermuten, dass der Anteil der Medikamente mit negativen Auswirkungen auf Darmbakterien sogar größer ist als von ihnen gemessen. Schließlich hätten sie nur einen kleinen Ausschnitt der Bakterienvielfalt im Darm untersucht, zudem seien die Kriterien für einen "Treffer" in dem Screening recht streng.

Womöglich seien diese Effekte vieler Medikamente zum Teil dafür verantwortlich, dass in Industrieländern die Mikrobiome weniger vielfältig sind. Allerdings ist bisher noch weitgehend unklar, welche Auswirkungen solche Veränderungen der Bakterien im Verdauungstrakt auf unsere Gesundheit haben. Denkbar ist etwa, dass sich in der Darmflora allgemeine Resistenzmechanismen verbreiten, zum Beispiel Membranmoleküle, die Substanzen mit schädlichen Wirkungen aus der Zelle befördern. Solche Anpassungen würden Bakterien teilweise auch gegen klassische Antibiotika unempfindlich machen – und so selbst dann resistente Krankheitserreger züchten, wenn gar keine Antibiotika zum Einsatz kommen.

12/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 12/2018

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