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News: Vielleicht doch nicht so kritisch?

Sprachen lernen ist ein Kinderspiel - später wird es meist schwierig. Wer nicht gerade das Glück hatte, zweisprachig aufzuwachsen, erlernt nur noch mit viel Mühe und Geduld eine zweite Sprache. Sobald eine kritische Phase während der Kindheit abgelaufen ist, können Fremdsprachen nicht mehr wie die Muttersprache erlernt und im Gehirn verarbeitet werden - so die Überzeugung der meisten Wissenschaftler. Aber vielleicht ist diese kritische Phase doch nicht so kritisch. Denn jetzt zeigte sich, dass das Gehirn eine neu erlernte, künstliche und extrem einfache Sprache genauso verarbeitet wie die Muttersprache.
Englische Vokabeln, französische Grammatik – bei vielen wecken diese Begriffe leidvolle Erinnerungen an die Schulzeit. Das Erlernen einer Fremdsprache erweist sich oft als mühevoller Weg. Kleinkindern fällt dies dagegen kinderleicht: Ohne Vokabelheft und Grammatikfibel plappern sie munter darauf los und beherrschen in kurzer Zeit das Idiom ihrer Eltern. Wenn sie gar zweisprachig aufwachsen, dann fühlen sie sich in beiden Sprachen zu Hause.

Offensichtlich gibt es während der ersten Jahre der Kindheit eine kritische Phase, in der die zu erlernende Sprache regelrecht aufgesogen wird. Spätestens ab dem neunten Lebensjahr beginnen die Schwierigkeiten, und Fremdsprachen können nur noch durch langwieriges Auswendiglernen erworben werden. Dabei scheint das Gehirn Muttersprache und Fremdsprache jeweils anders zu verarbeiten.

Aber warum verlieren wir die Fähigkeit zum mühelosen Spracherwerb? Hierbei streiten sich die Wissenschaftler um zwei Hypothesen: Die erste besagt: "Je früher desto besser". In der kritischen Phase ist das Gehirn noch nicht voll ausgereift, die neue Sprache kann hier quasi frisch verschaltet werden. Nach der Reifung ist diese Verschaltung nur noch schwer möglich.

Die zweite Hypothese sagt dagegen: "Weniger ist mehr". Sie geht davon aus, dass die Muttersprache nur deswegen so leicht erlernt wird, weil das kindliche Gehirn begrenzt aufnahmefähig ist und daher zunächst nur die groben Regeln erfasst, ohne sich mit komplizierten Ausnahmefällen zu belasten. Wer dagegen später eine Sprache erlernt, auf den stürmt ihre volle Komplexität ein.

Sollte die zweite Hypothese zutreffen, dann müssten einfach konstruierte Sprachen im Gehirn ähnlich wie die Muttersprache verarbeitet werden. Um dies zu überprüfen, brachten Angela Friederici vom Max-Planck-Institut für neuropsychologische Forschung sowie ihre Kollegen Karsten Steinhauer und Erdmut Pfeifer ihren Versuchspersonen die künstliche Sprache BROCANTO bei. Diese Sprache besteht aus einem stark eingeschränkten Wortschatz von nur 14 Wörtern mit wenigen Grammatikregeln, die sich jedoch vom Deutschen gründlich unterscheiden.

Diese Kunstsprache beherrschten die Probanden schnell. Jetzt begann der eigentliche Test: Die Wissenschaftler spielten ihren Sprachschülern Sätze in BROCANTO vor, wobei einige grammatikalisch falsch waren. Gleichzeitig maßen sie die Hirnaktivität der Versuchspersonen.

Sobald ein grammatikalisch falscher Satz ertönte, zeigte das Elektroencephalogramm eine typische Potenzialkurve, die sich von den normalen Messungen unterschied. Und diese so genannten ereigniskorrelierten Potenziale (event-related brain potential, ERP) traten sowohl bei der Muttersprache als auch bei der Kunstsprache in gleicher Weise auf.

Die Forscher schließen hieraus, dass das Gehirn zumindest in diesem Fall Kunst- und Muttersprache gleich verarbeitet. Offensichtlich laufen bei der Analyse im Gehirn die gleichen automatisierten Prozesse ab, welche die Beherrschung einer Sprache ermöglichen. Damit wäre, gemäß der "Weniger-ist-mehr"-Hypothese, nicht das Alter – und damit die kritische Phase – entscheidend, mit der eine Sprache erlernt wird, sondern die Komplexität der Sprache. Leider sind jedoch die meisten Sprachen – bis auf Kunstsprachen wie Esperanto – hoch komplex, und das mühselige Vokabelnlernen wird bleiben.

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