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Anthropologie: Vielseitig

Und wieder einmal geriet ein neuer alter Hominidenschädel ans Tageslicht. Doch bei dem Fund aus Afrika handelt es sich vermutlich nicht um eine neue, bisher unbekannte Art, sondern um einen alten Bekannten: Homo erectus. Er zeigt die Variationsbreite der Hominiden - und damit die Schwierigkeiten, Hominidenarten sauber voneinander abzugrenzen.
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Für den niederländischen Arzt Eugène Dubois war die damalige Kolonie Niederländisch-Indien, das heutige Indonesien, der Inbegriff der Primitivität – und damit ideal. Hier sollte sich der von Ernst Haeckel vorausgesagte "Affenmensch" Pithecanthropus finden lassen. Und tatsächlich: 1891 grub Dubois in der Region Trinil auf der Insel Java eine menschliche Schädeldecke aus, für die er als Artnamen Pithecanthropus erectus vorschlug – zu deutsch: "aufrechter Affenmensch".

Fast vierzig Jahre später tauchten in einem Höhlenkomplex bei Peking weitere menschliche Überreste aus längst vergangenen Zeiten auf – zunächst nur ein paar Zähne, doch bis 1937 auch mehrere Schädel. Für den kanadischen Anatom Davidson Black genügten schon die ersten drei gefundenen Zähne, um eine neue Hominidenart zu kreieren: Sinanthropus pekinensis, der "Pekingmensch".

Nach und nach gerieten in Asien – und später auch in Europa – neue alte Knochen ans Tageslicht, die Zweifel an den bisherigen Artbeschreibungen weckten. In den 1950er Jahren schlug daher Ernst Mayr vor, den Javamenschen und den Pekingmenschen derselben Art zuzuordnen – und zwar innerhalb unserer eigenen Gattung Homo. Inzwischen hat sich diese Ansicht durchgesetzt: Dubois' Fund gilt heute als Typusexemplar für die Hominidenart Homo erectus.

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KNM-OL 45500 | Der Hominidenfund KNM-OL 45500 von Olorgesailie: Schädeldach (A) von vorne (links) und von der rechten Seite (rechts); linkes Schläfenbein (B) von der Seite (links) und von unten (rechts); Maßstab: 1 Zentimeter
Der "aufrechte Mensch" – der längst nicht der erste Hominide war, der auf zwei Beinen lief – erwies sich als wahres Erfolgsmodell der menschlichen Evolution. Er tauchte vor mindestens anderthalb, wenn nicht vor zwei Millionen Jahren auf und eroberte bis zu seinem Verschwinden vor vielleicht 500 000 Jahren fast die gesamte Erde. Nur in Afrika, wo er höchst wahrscheinlich herkam, sind die Nachweise seiner Existenz rar. Afrikanische Fossilfunde, die Homo erectus ähneln, werden von den meisten Anthropologen als zwar nahe verwandte, doch eigene Art namens Homo ergaster angesehen.

Doch im Sommer 2003 stieß in Kenia das Grabungsteam um den Paläontologen Richard Potts vom Washingtoner Naturgeschichtlichen Museum der Smithsonian Institution auf die Überreste eines fast eine Million Jahre alten menschlichen Schädels. Die Untersuchungen ergaben, dass KNM-OL 45500 – wie die Wissenschaftler ihren Fund bezeichneten – zur Art Homo erectus gehört haben muss.

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Olorgesailie | Grabungsstelle Olorgesailie in Kenia: Hier wurden etliche Steinwerkzeuge aus dem Acheuléen gefunden.
Das allein könnte schon die wissenschaftliche Neugier befriedigen. Schließlich wäre es der erste Hominidenfund von der Grabungsstelle Olorgesailie, bei der seit 1942 zwar schon etliche menschliche Artefakte, aber noch keine menschlichen Knochen aufgetaucht sind. Die bisherigen Funde, vor allem Steinäxte, gehören zum Acheuléen, der Kulturstufe der Altsteinzeit, die vor etwa 1,5 Millionen Jahren in Afrika begann und bis vor 100 000 Jahren andauerte.

Für noch interessanter halten jedoch die Forscher die Größe des Schädels – oder besser gesagt: seine Kleinheit. Auf Grund anatomischer Merkmale schließen Potts und seine Kollegen, dass KNM-OL 45500 erwachsen, oder zumindest fast ausgewachsen war. Die Steinwerkzeuge von Olorgesailie müssen nach Ansicht der Anthropologen jedoch von größeren Individuen angefertigt worden sein. Die Schlussfolgerung: Hier lebten große und kleine Individuen zusammen; Homo erectus zeigt sich damit als morphologisch variables Wesen.

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Homo erectus | Die verschiedenen Funde von Homo erectus erweisen sich als morphologisch äußerst variabel. Die Abbildungen A und B zeigen das 1891 auf Java gefundene Typusexemplar der Art.
Und damit offenbart sich das große Problem der Anthropologen: Ihre Artbeschreibungen basieren auf äußerst spärlichen Funden, und wenn Individuen derselben Art unterschiedlich aussehen, können sie schnell zu neuen Arten deklariert werden. Schließlich ist die Verlockung groß, sich in der Wissenschaft durch die Beschreibung einer neuen Art oder gar Gattung ein Denkmal zu setzen. Es tauchen daher immer wieder neue Artbeschreibungen auf, die dann sogleich von den Kollegen heftigst angegriffen werden. So zählen manche Anthropologen auch die Spezies Homo ergaster, Homo antecessor und Homo heidelbergensis zu Homo erectus.

Wer oder was war nun Homo erectus? Eine klar definierte Art oder, wie es Jeffrey Schwartz von der Universität Pittsburgh zuspitzt, "eher ein historischer Unfall als eine biologische Realität"? Nur neue Funde könnten den Streit um den "aufrechten Menschen" etwas entschärfen.
02.07.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 02.07.2004

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