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Viren: Ursache für rätselhafte Hepatitis bei Kindern gefunden?

Ein Adenovirus sorgt mit zwei Helferviren offensichtlich für Leberentzündungen bei Kindern, die in den letzten Monaten vermehrt aufgetreten sind. Darauf deuten zwei Studien hin.
Künstlerische Darstellung eines Adenovirus
Künstlerische Darstellung eines Adenovirus.

Seit Mai 2022 haben Mediziner in 35 Ländern bei mehr als 1000 Kindern eine rätselhafte Hepatitis festgestellt: Mehrere Kinder starben, andere benötigten eine Lebertransplantation. Als Ursache standen unter anderem auch Adenoviren im Verdacht. Zwei Arbeitsgruppen aus London und Glasgow erhärten nun die Vermutung, dass Adenoviren die Leberentzündungen ausgelöst haben, wie sie auf dem Preprint-Server MedRxiv sowie auf dem Server des NHS berichten.

Beide Teams melden, dass sie die kompletten Genome des adeno-assoziierten Virus 2 (AAV2) in Leber und Blut der meisten der untersuchten Patientinnen und Patienten nachgewiesen haben. Zusätzlich identifizierten sie zwei Helferviren, die dem Adenovirus den Eintritt in die Leberzellen ermöglichen könnten und somit die Anfälligkeit erhöhen. Den zuvor als potenziellen Auslöser in Frage kommenden Adenovirus-Subtyp 41F schließen die Beteiligten dagegen aus. Das AAV2 spürten sie mit Hilfe einer so genannten metagenomischen Sequenzierung auf. Dazu sequenzierten sie alle Gene in den Gewebe- oder Blut­proben betroffener Kinder und suchten anschließend nach dem Erbgut von Viren.

Emma Thomson vom Glasgow Centre for Virus Research und ihre Arbeitsgruppe wiesen AAV2 in allen neun Blutplas­maproben und jeder der vier untersuchten Leberbiopsien nach, die von einigen der ersten Erkrankten stammten, die in die Kinderklinik in Glasgow eingewiesen worden waren. Dagegen fielen die Tests bei Kindern mit anderen Infektionen beziehungsweise mit Hepatitis anderer Ursache durchweg negativ aus. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen Sofia Morfopoulou vom Institute of Child Health am University College London und ihr Team bei den von ihnen untersuchten Kindern, von denen fünf eine Transplantation benötigten.

AAV2 kann sich nicht ohne fremde Hilfe replizieren, doch beide Arbeitsgruppen wiesen auch entsprechende Helfer nach: die als Helferviren bekannten HAdV und HHV­6B. Gerade Letzteres könnte dem Adenovirus den Weg in die Leberzellen bahnen, vermutet Thomson. Dort kann sich dann das Hauptvirus vermehren und löst dadurch anscheinend die Leberentzündung aus.

Warum das Virus allerdings diese schwer wiegende Erkrankung gehäuft verursacht, ist noch unklar: Die Medizin kennt AAV2 seit fast 60 Jahren, und vier von fünf Erwachsenen haben sich Studien zufolge bereits damit infiziert. Dies geschieht meist in früher Kindheit und verläuft fast immer komplikationslos. Prinzipiell führen Adenoviren nur extrem selten zu einer Hepatitis.

Thomson und Co weisen jedoch darauf hin, dass das Virus bislang nicht im Elektronenmikroskop sichtbar gemacht werden konnte; zudem steht der experimentelle Beleg aus, dass es wirklich die Leber infiziert und dort Schäden verursacht. Die Medizinerin Christina Pagel von der Clinical Operational Research Unit in London betont ebenfalls, dass es sich zwar um eine starke Korrelation, aber noch keinen endgültigen Beleg handelt. Weitere Studien seien dringend nötig.

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